Curt Bois 01 Curt Bois wurde am 5. April 1901 in Berlin geboren, der Vater verließ die Familie, als Curt noch ein kleiner Junge war, sein Stiefvater wurde der Bühnenautor Albert Bernstein-Sawersky. Schon 1907 stand er als sechsjähriger in Leo Fall's Operette "Der Fidele Bauer" im Theater des Westens als Heinerle auf der Bühne; ein Jahr später gab er sein Leinwanddebüt in der "Tonbild"-Verfilmung der Operette mit dem Titel "Bauernhaus und Grafenschloss". Zahlreiche Stummfilmrollen als Kinderstar wie in "Klebolin klebt alles" (1909), "Mutterliebe" (1909), "Der kleine Detektiv" (1909) oder "Des Pfarrers Töchterlein" (1912) folgten; als junger Mann stand er dann z. B. in "Das unruhige Hotel" (1917), "Das große Los" (1917), "Der Dieb" (1919) oder dem Ernst Lubitsch-Film "Die Austernprinzessin" (1919) vor der Kamera und wurde nicht nur von Erich Kästner als der Harold Lloyd des deutschen Stummfilms bezeichnet. Curt Bois gehört sicher zu den wichtigsten Vertretern einer spezifisch deutschen Variante des Slapsticks jener Zeit; ein Höhepunkt dessen ist ohne Zweifel 1927 seine Paraderolle des Egon Fürst in Richard Eichbergs "Der Fürst von Pappenheim"; übrigens benutzten später die braunen Machthaber seinen drin gezeigten witzigen Auftritt in Damenkleidern zur antisemitischen Propaganda.
 
Das Foto wurde mir freundlicherweise von der Fotografin Virginia Shue (Hamburg) zur Verfügung gestellt. Das Copyright liegt bei Virginia Shue.
Im Berlin der 20er Jahre trat der als exzentrisch geltende Star in vielen Revuen und Operetten auf, stand als "Salonhumorist" auf Varieté- und Kabarettbühnen und "tingelte" durch Deutschland, Österreich, Ungarn und die Schweiz. 1925 holte ihn Max Reinhardt ans Deutsche Theater, daneben spielte Curt Bois weiter in den Stummfilmen jener Zeit und agierte darin oft als junger quirliger Angestellter, der durch seine Hyperaktivität nur Verwirrung stiftet.
Mut Schlagern wie "Lachen oder weinen… Ich mache alles mit den Beinen" oder "Schau doch nicht immer zu dem Tangogeiger hin" wurde Bois schon damals außerordentlich populär. Bei duo-phon-records erschien eine CD, auf der alle Schallplattenaufnahmen, die Curt Bois im Laufe seines Lebens zwischen 1908 und 1932 aufgenommen hat, noch einmal zu hören sind.
Mit der Uraufführung von Arnold Bronnens Lustspiel "Die Exzesse" gelang dem vielbeschäftigter Künstler dann 1925 auch der Durchbruch als Charakterkomiker am Theater; es folgten viele große Rollen dieses Genres, seinen größten Bühnenerfolg hatte er 1928/29 in Brandon Thomas' "Charleys Tante". 
Den Sprung zum Tonfilm schaffte Curt Bois ebenfalls problemlos und seine erste Sprechrolle in "Der Schlemihl" wurde 1931 ein riesiger Erfolg. Danach trat er nur noch in zwei weiteren Filmen auf – 1932 agiert er in der Liebeskomödie "Scherben bringen Glück" sowie neben Dolly Haas in "Ein steinreicher Mann" –, verließ Deutschland 1933 wegen der aufziehenden "braunen Gefahr", emigrierte über Prag, Wien, Paris und London nach New York und spielte dort zunächst in einigen erfolglosen Broadway-Inszenierungen. Aufgrund mangelnder Filmangebote ging er dann nach Hollywood, erhielt dort kleinere Rollen in fast fünfzig Filmen und avancierte bald zu einem beliebter Nebendarsteller. Er agierte z. B. in Stummfilmen neben Buster Keaton ebenso wie in späteren Tonfilmen, so z. B. als Taschendieb in der Eingangsszene von Michael Curtiz Kultfilm "Casablanca" (1942).
 
Foto: Curt Bois und Dolly Haas in
in "Ein steinreicher Mann"1) (1932)
Foto mit freundlicher Genehmigung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
1) Der Link führt zur Filmbeschreibung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
Curt Bois und Dolly Haas in in "Ein steinreicher Mann"
1950 kehrte der Schauspieler nach Deutschland zurück, ließ sich zunächst im Ostteil Berlins nieder und erhielt vor allem Theaterengagements; sein eindrucksvolles "Comeback" auf der Bühne feierte Curt Bois unter der Regie Wolfgang Langhoffs am "Deutschen Theater" in Ostberlin mit der Titelrolle in Gogols "Der Revisor", eine Glanzrolle war 1952 unter der Regie Bert Brechts die Titelrolle des "Puntila" in dessen Stück "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am "Berliner Ensemble"; die Rolle des Johannes Puntila übernahm er auch 1955 in der Filmadaption des Brecht-Stückes.
An die früheren Filmerfolge konnte Curt Bois in der ehemaligen DDR jedoch nicht anknüpfen, deshalb entschloss er sich 1954 zu einer Übersiedlung nach West-Berlin. Aber auch hier dauerte es noch einige Jahre, bis er als Theater- und Filmschauspieler wieder Fuß fassen konnte. Unter anderem hatte er 1957 einen außerordentlichen Erfolg als "Molvolio" in Fritz Kortners Münchener Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt", unter Kortner beeindruckte er auch als "Spiegelberg" in Schillers "Die Räuber", als "Sganarelle" in "Don Juan" und als "Der eingebildete Kranke" von Molière.

Ab 1959 sah man den Schauspieler auch wieder an Berliner Theatern, von 1962 bis 1978 hatte er sein letztes festes Engagement am Berliner Schiller- und Schloßparktheater. 1973 beispielsweise feierte Curt Bois einen weiteren großen Erfolg im "Berliner Ensemble" als "Kaiser von China" in Brechts "Turandot oder Der Kongreß der Weißwäscher", 1975 spielte er an der Deutschen Staatsoper Berlin den "Frosch" in der "Fledermaus"-Inszenierung von Ruth Berghaus; seine letzte Bühnenrolle spielte er 1978 als "Gonzalo" in Shakespeares "Der Sturm".
Neben dem Theater sah man ihn verschiedentlich auch im Fernsehen, so unter anderem 1964 in "Flüchtlingsgespräche", zwei Jahre später in "Bert Brecht vor dem McCarthy-Ausschuss", 1970 mit der Hauptrolle des Simon Norton in Zadeks TV-Produktion "Der Pott"; außerdem wirkte er verschiedentlich in Krimi-Serien wie "Der Kommissar" und "Der Alte" mit.
 
Curt Bois bei den Dreharbeiten zu "Detektivbüro Roth" (1984)
Curt Bois bei den Dreharbeiten zur Serie "Detektivbüro Roth" (1984)
mit Manfred Krug und Karl Schönböck
Regie: Dieter Kehler (zweiter von rechts)
Das Foto wurde mir freundlicherweise von der Fotografin Virginia Shue (Hamburg)
zur Verfügung gestellt. Das Copyright liegt bei Virginia Shue.
Bei dem DEFA-Film "Ein Polterabend" stand Bois 1955 am Regiepult, erstmalig war er 1960 als "Geist Hugo" in "Das Spukschloss im Spessart" wieder viel beachtet auf der Leinwand zu sehen. Zu seinen bekanntesten Filmrollen der Nachkriegszeit zählen der Emil in "Ganovenehre" (1966) oder seine Darstellung des alten, umherirrenden, den Potsdamer Platz suchenden Homer in Wim Wenders "Der Himmel über Berlin", der ihm 1988 den europäischen Filmpreis als bester Nebendarsteller einbrachte. Eindrucksvoll war auch 1981 seine Darstellung des alten Juden auf der Flucht vor den Nazis in Markus Imhoofs Schweizer Film "Das Boot ist voll".
Am 23. Oktober 1988 feierte der legendäre Curt Bois, der bis zu seinem Tod mit seiner zweiten Frau Dagmar in Berlin lebte, sein 80-jähriges Bühnenjubiläum, nur drei Jahre später verstarb der ehemalige Kinderstar, Komiker, Chansonsänger und Charakterschauspieler am 25. Dezember 1991 mit über 90 Jahren in seiner Geburtsstadt und wurde auf dem Friedhof Berliner Straße beigesetzt. Curt Bois war in erster Ehe bis zu deren Tod 1962 mit der Soubrette Hedy Ury verheiratet.
Die Lebensgeschichte von Curt Bois kann man in "Der Humor kommt von der Trauer. Curt Bois. Eine Biographie" von Gerold Ducke nachlesen; das Buch erschien zum 100. Geburtstag des Künstlers im November 2001. Curt Bois selbst hatte seine Erinnerungen 1967 unter dem Titel "So schlecht war mir noch nie" veröffentlicht. 
Erwähnt sei auch der 1980 vom DDR-Fernsehen gedrehte Dokumentarfilm "Curt Bois oder Mit Heinerle fing alles an", 1982 drehten Bruno Ganz und Otto Sander den Film "Gedächtnis"; das Doppelportrait dokumentiert das Leben von Curt Bois, dem Schauspieler mit der längsten Filmkarriere der Welt, sowie dem unvergessenen Bernhard Minetti.
 
 
Das Foto wurde mir freundlicherweise von der Fotografin Virginia Shue (Hamburg) zur Verfügung gestellt.
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Curt Bois 02

  
Siehe auch wikipedia.org, www.cyranos.ch, www.exil-archiv.de, www.cinegraph.de
Fotos bei film.virtual-history.com
  
Kinofilme
Filmografie bei der german.imdb.com
1907: Bauernhaus und Grafenschloss 1909: Klebolin klebt alles
1909: Mutterliebe 1909: Der Kleine Detektiv
1913: Des Pfarrers Töchterlein 1914: Das Geschenk des Inders
1916: Tante Röschen will heiraten 1916: Streichhölzer, kauft Streichhölzer!
1916: BZ-Maxe & Co. 1917: Ehestiftung mit Hindernissen
1917: Das Unruhige Hotel 1917: Bobby als Amor
1917: Abenteuer im Warenhaus 1917: Das Große Los
1918: So'n kleiner Schwerenöter 1918: Der Goldene Pol
1918: Der Gast aus der vierten Dimension 1918: Der Dieb
1919: Die Austernprinzessin 1926: Gräfin Plättmamsell
1926: Sie und die Drei 1926: Der Jüngling aus der Konfektion
1926: Der Goldene Schmetterling 1926: Wehe wenn sie losgelassen
1927: Dr. Bessels Verwandlung 1927: Der Fürst von Pappenheim
1928: Majestät schneidet Bubiköpfe 1929: Anschluss um Mitternacht
1931: Der Schlemihl 1932: Scherben bringen Glück
1932: Ein Steinreicher Mann 1937: Tovarich
1938: The Great Waltz 1938: The Amazing Dr. Clitterhouse
1938: Garden of the Moon 1938: Gold Diggers in Paris
1938: Boy Meets Girl 1938: Romance in the Dark
1938: Hollywood Hotel 1939: The Hunchback of Notre Dame
1939: Hotel Imperial 1940: Hullabaloo
1940: Bitter Sweet 1940: Boom Town
1940: He Stayed for Breakfast 1940: The Lady in Question
1941: Hold Back the Dawn 1941: That Night in Rio
1942: The Tuttles of Tahiti 1942: Pacific Rendezvous
1942: Casablanca 1942: My Gal Sal
1942: Blue, White and Perfect 1943: The Desert Song
1943: Swing Fever 1943: Princess O'Rourke
1943: Paris After Dark 1943: Destroyer
1944: Blonde Fever 1944: Cover Girl
1944: Gypsy Wildcat 1945: Saratoga Trunk
1945: The Spanish Main 1947: Jungle Flight
1948: Let's Live a Little 1948: Arch of Triumph
1948: Up in Central Park 1948: French Leave
1948: The Woman in White 1948: The Woman from Tangier
1949: Oh, You Beautiful Doll 1949: The Lovable Cheat
1949: A Kiss in the Dark 1949: Caught
1949: The Great Sinner 1950: Fortunes of Captain Blood
1950: Joe Palooka Meets Humphrey 1955: Herr Puntila und sein Knecht Matti
1957: Der Stern von Afrika 1960: Das Spukschloss im Spessart
1966: Ganovenehre 1981: Das Boot ist voll
1987: Der Himmel über Berlin
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