 |
Sonja Sutter wurde am 17. Januar 1931 als Sonja Ingrid Emilie Hanna Sutter
und Tochter eines Bankiers in Freiburg im Breisgau geboren. Sie
soll eine Ur-Urnichte von Johann August Sutter1) (1803 1880) sein, den
man damals als Gründer von "New-Helvetia" den "Kaiser
von Kalifornien" nannte.
Nach ihrer Schulzeit, die aufgrund der Kriegswirren oftmals
unterbrochen wurde, entschied sich Sonja Sutter für den Beruf der
Schauspielerin, studierte Griechisch und Latein und lernte
autodidaktisch Stücke der Weltliteratur auswendig. Ihr Bühnendebüt
gab sie 1950 während einer Tournee als Inken Peters in
Gerhart Hauptmanns Drama "Vor Sonnenuntergang" an der Seite
des großen Werner Krauss, über Stuttgart und Hamburg kam sie nach
München, wo sie drei Jahre lang zum Ensemble des Staatstheaters
gehörte.
Das Foto wurde mir freundlicherweise von der Fotografin
Virginia Shue (Hamburg)
zur Verfügung gestellt.
Das Copyright liegt bei Virginia Shue.
|
1959 folgte sie einem Ruf an das renommierte Wiener "Burgtheater", dem sie vier Jahrzehnte angehörte, gleichzeitig trat sie
bis Anfang der 1990er Jahre regelmäßig bei den Salzburger Festspielen
auf und übernahm darüber hinaus Gastrollen an vielen bedeutenden
deutschsprachigen Bühnen, wie beispielsweise dem "Hamburger
Schauspielhaus", der "Deutschen Oper am Rhein", dem
"Zürcher Schauspielhaus" oder bei den Festspielen in Bregenz
und Bad Hersfeld.
Seit Jahrzehnten zählt Sonja Sutter zu den
bedeutenden Charakterdarstellerinnen des Theaters, verkörperte im
Laufe ihrer Karriere fast alle großen, weiblichen Rollen der Weltliteratur
sowohl in klassischen als modernen Stücken. Zu ihren wichtigen
Bühneninterpretationen zählen beispielsweise die Lady Milford in Schillers
"Kabale und Liebe" (1965), die Helena in Goethes
"Faust II" (1966), die Emma in Harold Pinters
"Betrogen" (1978) oder die Sidonie Knobbe in Hauptmanns
"Die Ratten" (1981). Herausragend war auch ihre Ursula in Sternheims
Groteske "Das Fossil", ebenso wie die Gräfin Werdenfels in Wedekinds
Drama "Der Marquis von Keith", welches Leopold Lindtberg
1982 inszeniert hatte. Über diese Rolle schrieb der österreichische
Theater- und Literaturkritiker Prof. Dr. Otto F. Beer1)
(1910 2002) in der
"Süddeutschen Zeitung" unter anderem: "In Lindtbergs so musikalisch
determinierter Partitur hat auch die Gräfin Werdenfels ihre eigene Melodie;
Sie ist eine Lulu, die sich von ganz unten bis nach ganz oben durchhangelt.
Sonja Sutter ist großartig in ihrer Mischung aus mondäner Eleganz und
Talmi."
An weiteren Figuren, denen Sonja Sutter mit ihrem Spiel eindrucksvolle
Bühnenpräsenz verlieh, sind unter anderem die Sybil Hull in Sternheims
"Der Snob" (1983), die Beline in Moličres "Der eingebildete Kranke" (1985/86),
die Armgard in Schillers "Wilhelm Tell" (1991, auch TV)
und die Oberpriesterin Diana in Kleists "Penthesilea" (1990) zu nennen.
Rund 70 Hauptrollen verkörperte Sonja Sutter allein am
"Burgtheater",
erst mit Beginn der "Ära Peymann", der zwischen 1986 und 1999 das Haus leitete,
wurde es etwas ruhiger um sie. Neben ihrer
umfangreichen Arbeit für das Theater und sporadischen TV-Aufgaben war
die Schauspielerin auch mit Soloprogrammen und Rezitationsabenden
erfolgreich.
 |
 |
Sonja Sutter als "Gute
Werke" in "Jedermann"
Salzburger Festspiele 1981
Die Fotos wurden mir freundlicherweise von der Fotografin
Virginia Shue (Hamburg)
zur Verfügung gestellt. Das Copyright liegt bei Virginia Shue.
|
Einem breiten Publikum ist Sonja Sutter durch den Film bekannt
geworden, mit Slátan Dudows DEFA-Streifen "Frauenschicksale"1) (1952),
der Geschichte von vier sehr wesensverschiedenen Frauen aus
Ost- und West-Berlin, war ihr mit der Rolle der leichtfertigen Renate Ludwig, die Schuld
am Tod ihres kleinen Bruders ist, der Durchbruch auf
der Leinwand gelungen. Kein geringerer als der Regisseur und Schauspieler
Luis Trenker2)
(1892 1990) hatte sie vorher für Probeaufnahmen für einen seiner Heimatfilme
eingeladen und so Dudow auf die junge Schauspielerin aufmerksam gemacht. "Mit breiten Wangenknochen,
den doch eng beieinanderstehenden Augen, vollen Lippen, nicht eigentlich hübsch,
strahlt sie eine tiefe innere Schönheit aus. Eine Wirkung, die zunächst ganz im
Widerspruch zu ihrer ersten Rolle zu sein schien. (
) Die Kamera, schärfste Kritikerin
von allen, bestätigte Dudows Blick. Sonja Sutters Gesicht und Gestus vermögen
jeder ausgedachten Figur eine zusätzliche Dimension zu geben eine menschliche
schlechthin. Bereits in der Rolle der Renate, ganz frei vom ideologischen Ballast,
den andere Figuren in Dudows
politisch-emanzipatorischem Plakat zu offenbaren haben, zeigt die
Schauspielerin eine ganz besondere Fähigkeit: Sie agiert aus dem Moment heraus,
scheinbar spontan, als wüßte sie nichts vom Schicksal des Mädchens, als hätte
sie das Drehbuch nie gelesen. Dudow, Authentizitätsfanatiker im Detail, schärfte
wohl ihr Bewußtsein für das, was im Sinne von lebenswahr auf der Leinwand echt oder unecht wirkt."3)
Wenig später erlebte man Sonja Sutter mit der Figur der Lena in dem ersten Teil
von Gerhard Lamprechts Melodram "Meines Vaters Pferde" (1953,
Lena und Nicoline) an der Seite von Curd Jürgens, in Rolf Thieles
Familienepos "Die Barrings" (1955, mit Paul Hartmann und Lil Dagover)
mimte sie die Gisa von Eyff. Nach der weiblichen Hauptrolle in "Star mit fremden Federn"4) (1955)
sowie den Heimatfilmen "Das Schweigen im Walde"2) (1955),
"Drei Birken auf der Heide" (1956) und "Johannisnacht"1) (1956)
spielte sie sich dann mit der Titelrolle in "Lissy"1) (1957)
endgültig an die Spitze der weiblichen Filmstars. Konrad Wolf
hatte die Geschichte über ein Schicksal in der Nazi-Zeit nach dem gleichnamigen Roman von F. C. Weiskopf in Szene gesetzt,
Sonja Sutter überzeugte nicht nur das Publikum als Arbeitertochter
Lissy, die sich aus dem armseligen Milieu herausarbeiten will und
den gutsituierten Angestellten Alfred Fromeyer
(Horst Drinda) heiratet. Als dieser sich im Berlin der 1930er Jahre von
der SA beeindruckt zeigt und dort eine steile Karriere macht,
kommen Lissy Zweifel an ihrer duldsamen Lebenshaltung. Als ihr
Bruder von den eigenen SA-Kameraden ermordet wird, trennt sie sich von ihrem
Mann
Auch die Kritiker lobten das einfühlsame Spiel Sonja Sutters, der
Film wurde mehrfach ausgezeichnet und gehört zu den herausragenden
DEFA-Produktionen, die auch noch heute Filmfans begeistern. Bei der DEFA drehte
die Schauspielerin anschließend nur noch drei weitere
Filme: Neben Erwin Geschonneck spielte sie dessen Ehefrau, der
in Joachim Kunerts "Der Lotterieschwede" (1958) mittels eines
Lotterieloses dem Elend als Steinbrucharbeiter auf der Insel Bornholm
entfliehen will. Joachim Kunert besetzte sie auch in dem Krimi "Tatort Berlin" (1958),
in Richard Groschopps Thriller "Sie kannten sich alle" (1958)
agiert sie als Sekretärin des technischen Direktors, die sich mit
einem Sabotageakt in einem Autowerk auseinandersetzen muss.
Als 1961 die Berliner Mauer errichtet wurde, konnte Sonja Sutter ihre
Filmkarriere bei der DEFA nicht mehr fortsetzen, in Westdeutschland bot
man ihr keine Rollen an, die ihr zusagten. So konzentrierte sie sich
ausschließlich auf die Arbeit am Theater, stand nur noch sporadisch
für ambitionierte Fernsehspiele vor der Kamera oder war in
Aufzeichnungen von Theateraufführungen auf dem Bildschirm zu sehen. Ab
Mitte der 1970er Jahre erlebte man sie wiederholt in einigen beliebten
Krimi-Reihen wie "Der Kommissar", "Derrick",
"Der Alte" und "Tatort", sie tauchte als Mutter Hogelmann
neben Karl-Michael Vogler in Hark Bohms Zweiteiler "Wir pfeifen auf den Gurkenkönig" (1976)
und Jörg A. Eggers' Drama "Ich will leben" (1976) auf oder
war in der Serie "Heidi"1) (1978) als Fräulein Rottenmeier
zu sehen. In "Die Weiße Stadt" (1980) stand sie neben Peter Weck und Attila Hörbiger
für Michael Kehlmann vor der Fernsehkamera,
der das Stück nach Milo Dors gleichnamigem Roman verfilmt hatte.
Auf der Kinoleinwand zeigte sich Sonja Sutter noch einmal 1976 mit einer kleineren,
dennoch prägnanten Rolle in "Die Wildente": In Hans Wilhelm Geißendörfers
Ibsen-Adaption verkörperte sie neben Jean Seberg, Peter Kern und Bruno Ganz
die Mrs. Sorby. Zu Sonja Sutters jüngeren TV-Aktivitäten zählt ein Part in
der Episode "Falsche Fährten" (2003) aus der Serie
"Schloßhotel Orth".
Schon früh war Sonja Sutter für ihre darstellerischen Leistungen
ausgezeichnet worden: Bereits 1964 hatte man sie für ihre
Interpretation der "Maggie" in Arthur Millers "Nach dem Sündenfall"
gewürdigt und zur "Schauspielerin des Jahres" gewählt. 1970 verlieh ihr
das Burgtheater den Titel "Kammerschauspielerin",
1976 wurde ihr der renommierte Förderungspreis zur "Josef-Kainz-Medaille" für die
"Beste schauspielerische Darstellung des
Jahres" überreicht. 2002 ehrte man sie gemeinsam mit
Schauspielerkollegen Joachim Bißmeier mit dem "Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien". Die Laudationes hielt Dr. Helga Rabl-Stadler, Präsidentin der Salzburger
Festspiele, die unter anderem ausführte "Sie spielten und spielen auf vielen Bühnen, aber das Burgtheater war ihr
Schicksal".
Die in Wien lebende Sonja Sutter ist mit einem Arzt verheiratet; aus
der Verbindung stammt eine Tochter.
|