1878 debütierte die Sandrock am privaten Berliner Vorstadttheater
"Urania" in Charlotte Birch-Pfeiffers Lustspiel "Mutter
und Sohn", 1880 war sie kurze Zeit am Hoftheater Meiningen
engagiert, nach Tourneen kam sie 1885/86 an das "Deutsche
Volkstheater" nach Wien, ab 1887 spielte sie am "Deutschen
Theater" in Budapest, wurde in jenen Jahren meist als sentimentale
Liebhaberin oder Vamp, aber auch heiteren Rollen besetzt. Mit der Figur der
"Isabella" in "Der Fall Clémenceau" von Alexandre Dumas
und Armand d'Artois gelang der Sandrock 1889 am "Theater an der
Wien" der künstlerische Durchbruch. Ab 1889 stand sie für
weitere sechs Jahre am "Deutschen Volkstheater" in Wien auf der
Bühne, wo sie den Dramatiker Arthur Schnitzler2) (1862 1931) kennen lernte, mit dem die damals
29-Jährige ab Herbst 1893 eine enge Liebesbeziehung verband. Während der
15 Monate langen stürmischen Romanze, die bis zum Frühjahr 1895
andauerte, schrieb sie ihm insgesamt 257 Briefe und Telegramme.
In seinen Werken "Der Reigen", "Halbzwei" und "Haus Delorme" verwendete
Schnitzler seine Erinnerungen an Adele Sandrock. Ihr intimer Briefwechsel erschien in Buchform.3)
Eine weitere Beziehung wird Adele Sandrock auch mit Felix Salten2)
(1869 1947) nachgesagt, der durch seine rührende
Tiergeschichte "Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem
Walde" (1923) Weltruhm erlangte.
Foto: Adele Sandrock (Rollenbildnis)
Urheber: Rudolf Krziwanek (gestorben 1905)
Quelle: Wikimedia Commons
Dieses Bild ist Teil der Porträtsammlung
Friedrich Nicolas Manskopf der Universitätsbibliothek
der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Signatur:
S36_F09743
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1895 wechselte Adele Sandrock für drei Jahre an das Wiener "Hofburgtheater"2)
(heute "Burgtheater"), an dem zwischen 1884 und 1898
auch ihre Schwester wirkte, eine Europatournee schloss sich an.
Die differenzierte Darstellung tragischer Rollen im klassischen Fach sowie
ihr Einfühlungsvermögen in moderne Bühnenfiguren wie in Stücken von
Ibsen und Schnitzler, dem sie ähnlich wie ihrem zeitweiligen
Verlobten, dem Schriftsteller Alexander Roda Roda2)
(1972 1945) auch als Vorbild für einige
Bühnengestalten diente, ließen Adele Sandrock zum Star der Wiener
Theaterszene avancieren; siehe auch die
Liste
der Bühnenrollen bei Wikipedia.
Das Temperament der Schauspielerin, zu deren Freundeskreis legendäre
Künstler wie Charlotte Wolter2)
(1834 1897), Sarah Bernhardt3)
(1844 1923),
Eleonora Duse3)
(1858 1924),
Friedrich Mitterwurzer2)
(1844 1897) oder Enrico Caruso3)
(1873 1921) zählten, kam jedoch nicht nur auf der Bühne,
sondern auch im Privatleben (in Skandalen und Vertragsbrüchen) zur Geltung.
So verließ Adele Sandrock 1898 mit einem Eklat das
"Hofburgtheater" und begab sich auf Tournee, die sie durch große
Teile Europas führte. Zwischen 1902 und 1905 wirkte sie wieder in
Wien am "Deutschen Volkstheater" und anderen Bühnen, vermochte
jedoch ihre Erfolge nicht zu wiederholen. 1905 übersiedelte sie nach
Berlin, wo sie bis 1910 an Max Reinhardts "Deutschen Theater"
engagiert war; daneben setzte sie auch weiterhin ihre Gastspielreisen
fort.
Foto: Porträt Adele Sandrock
Aufgenommen: Neue Photographische Gesellschaft, Berlin
Mit freundlicher Genehmigung (Bildrechte/-herkunft): Meininger
Museen: Theatermuseum "Zauberwelt der Kulisse"
Originalfoto sowie weitere Infos bei "Museum digital Thüringen" (www.museum-digital.de)
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Mit ihrem Abgang vom "Hofburgtheater" war ihre Karriere ins
Stocken geraten, woran auch Auftritte als Hamlet (1899) und ein Versuch
im Gesangsfach als Gounods "Margarethe" (1904) nichts ändern
konnten. Ihre Bühneninterpretationen galten inzwischen als antiquiert und
zu dramatisch, einen Zugang zu einer moderneren Darstellungsweise gelang ihr
nicht vollständig. Erst 1920 wurde Adele Sandrock durch ihre
Verkörperung der "Lady Bracknell" in Oscar Wildes "Bunbury"
für das Fach der komischen Alten entdeckt und begann damit immerhin über 50 Jahre alt ihre zweite Karriere.
Beim Film war Adele Sandrock seit Beginn der 10er Jahre des vergangenen
Jahrhunderts tätig, hatte in dem stummen Streifen "Marianne, ein Weib
aus dem Volk" (1911) neben Henny Porten ihr Leinwanddebüt
gegeben und war mit zahlreichen weiteren Filmen in diesem neuen Medium recht
erfolgreich. Später feierte sie in einer großen Zahl von Tonfilmen vor allem des leichten
Genres durch ihre unnachahmliche Komik Triumphe, die ihr zu bleibendem Ruhm
verhalfen. Wo immer eine starrköpfige Schwieger- oder Großmutter zu besetzen
war, trat Adele Sandrock auf den Plan. Ihr altmodischer-exaltierter
Bühnenstil, der sie ebenso unerträglich machte wie die herrschsüchtigen
"Drachen", die sie verkörperte, trug zuweilen Zeichen einer
Selbstparodie.
Foto: Adele Sandrock als Cameliendame in "Die
Kameliendame"2) (La dame aux camélias)
von Alexandre Dumas der Jüngere; aufgenommen vermutlich in Berlin
Mit freundlicher Genehmigung (Bildrechte/-herkunft): Meininger
Museen: Theatermuseum "Zauberwelt der Kulisse"
Originalfoto sowie weitere Infos bei "Museum digital Thüringen" (www.museum-digital.de)
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In mehr als 100 Rollen prägte die Schauspielerin, von
Kritiker als "die letzte Heroine des deutschen Theaters" bezeichnet,
das Bild der egozentrischen, ihre Umgebung tyrannisierenden Alten, mimte meist
Adlige jedweder Couleur oder sonstige Damen der gehobenen Gesellschaft. Mit
ihrem Ernst und ihrem überzogenem Pathos wurde sie in ihren späten Jahren
überwiegend von Komödienregisseuren eingesetzt. So besetzte sie etwa
Eric Charell als Fürstin in dem Harvey/Fritsch-Klassiker "Der Kongress tanzt"2) (1931),
Carl Lamac als Lady Diana Heddingbroke in "Die Tochter des
Regiments" (1933, mit Anny Ondra), Reinhold Schünzel als
Gräfin Virginia Marenzi in "Die Töchter ihrer Exzellenz"4) (1934)
sowie als göttliche" Juno in "Amphitryon Aus
den Wolken kommt das Glück"2) (1935), die neben der
theaterbesessenen Pauline Neuber in Georg Zochs
Komödie "Alles hört auf mein
Kommando"4) (1934) zu einer ihrer besten filmischen
Leistungen gehört. In nachhaltiger Erinnerung ist die Sandrock auch als
greise, dominante englische Lady Mavis in Schünzels rasanten Gesellschaftskomödie
"Die englische Heirat" (1934) an der Seite von Georg Alexander, Renate Müller, Fritz Odemar, Hans Richter
und Adolf Wohlbrück
geblieben; siehe auch www.film-lexikon.de.
Einen ihrer letzten Leinwandauftritte hatte sie als Gräfin Reiffersperg in
E.W. Emos musikalischen Romanze "Die Puppenfee" (1936)
neben Magda Schneider, Wolf Albach-Retty und Paul Hörbiger sowie als Oberhofdame Fürstin Dolgorucky
in dem Historienstreifen "Der Favorit
der Kaiserin" (1936) mit Olga Tschechowa als russischer Zarin Elisabeth;
siehe auch Deutsche
Kinemathek (PDF-Dokument).
Adele Sandrock als Fürstin Alexandra in dem Film "Petersburger
Nächte"*) (1935)
Foto mit freundlicher Genehmigung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
*) Der Link führt zur Filmbeschreibung der
Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung |
Die große Tragödin des Theaters der Jahrhundertwende wurde im Film zur großen Komikerin.
Denn sie konnte in Geste, Ton und Blick ihr tragisches Pathos umkehren. Da sie
eine durch und durch wilhelmische Erscheinung war, trat sie als ewige Schwiegermutter, spießige
Gattin, kauzige Tante und alter Drachen von despotischem Humor immer wieder im Putz der
Jahrhundertwende auf. Die
"Alles-hört-auf-mein-Kommando"-Allüren dieses weiblichen
Feldwebels wirkten am besten, wenn die Tyrannin ihr Herz nicht verleugnete.
Als im Tonfilm auch noch ihr Kürassier-Baß dröhnte, wurde sie zum Inbegriff
der preußischen Göttermutter und blieb bis zu ihrem Abtreten die grollende aber
gütige Großfürstin des deutschen Films.5)
Adele Sandrock ist bis heute jedem Kino- und Theaterfreund ein
Begriff geblieben und steht trotz ihres viel früheren Todes in einer Reihe mit anderen großen
Volksschauspielern, wie z. B. Heinz Rühmann oder Hans Moser. Auch verschiedene
andere Schauspielerinnen ähnlichen Typs werden oft mit ihr verglichen.
So nannte man etwa die vergleichbar exzentrische britische Schauspielerin Margaret Rutherford in Deutschland oft die
"englische Adele Sandrock".6)
Adele Sandrock, von vielen als das "Urgestein" des Films der 1920er
und 1930er Jahre bezeichnet, war zeitlebens unverheiratet und wohnte in
Berlin mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester zusammen. Sie starb am
30. August 1937 im Alter von 73 Jahren in Berlin nach
16-monatigem Krankenlager an den altersbedingten Nachwirkungen eines Unfalls;
ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem evangelischen Friedhof in
Wien-Matzleinsdorf ihrem letztem Wunsch entsprechend soll sie im
Kostüm der "Kameliendame" beigesetzt worden sein. 1989 wurde
in Berlin-Charlottenburg am Haus Leibnizstraße 60, wo die charismatische
Mimin zwischen 1837 und 1905 gelebt hatte, eine Gedenktafel
enthüllt.
Nachdem diese entwendet und schließlich von der Kriminalpolizei
sichergestellt worden war, wurde die Tafel wieder am Haus an der
Leibnizstraße angebracht; eine zweite
Tafel2) hängt um die Ecke an der Mommsenstraße. (Quelle: www.berlin.de)
In Berlin erinnert auch die "Adele-Sandrock-Straße" im Ortsteil
Hellersdorf an die legendäre Künstlerin.
Foto: © www.steffi-line.de
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Am 4. September 1937 fand im Berliner Theater in der Saarlandstraße eine offizielle Trauerfeier statt,
nach welcher während der nächsten zwei Tage, im Beisein von Wilhelmine Sandrock, die Überführung des Sarges nach Wien
erfolgte. Der aus drei Wagen bestehende Überführungskondukt machte auf seinem Weg von Berlin nach Wien
am 6. September 1937 auf dem Hauptplatz von Linz für eine Stunde Station, was die Aufmerksamkeit zahlreicher Passanten
hervorrief.
Bei der öffentlichen Aufbahrung in der Kirche des Matzleinsdorfer evangelischen Friedhofs
befand sich neben dem Sarg von Adele Sandrock ein zweiter Sarg, der die Gebeine des Vaters,
der Mutter sowie der Tante enthielt, die bis zu ihrer Exhumierung in einem Familiengrab bestattet waren.
Gemäß letztwilliger Verfügung waren Vater und Mutter (40 bzw. 20 Jahre zuvor verstorben) neben ihrer
Tochter Adele in einer von Wilhelmine Sandrock angekauften Gruft
beizusetzen.
Am 8. September 1937 fand die geladenen Gästen vorbehaltene Beerdigungsfeier statt. Neben
Vertretern des offiziellen Österreich, des Deutschen Reichs und der Niederlande waren
aus dem künstlerischen Leben u. a. zugegen: Heinrich George, Heinz Hilpert, Paul Hörbiger, Else Wohlgemuth,
E. W. Emo, Otto Tressler, Paul Morgan, Jack Trevor.
Neben den zahllosen Kranzspenden, u. a. von Exkaiser Wilhelm sowie Reichskanzler Hitler,
befand sich das von Adeles Schwester gewidmete kreuzgeformte Blumengebinde, verziert mit der Inschrift
"Ich war Dir treu bis in den Tod, Deine Dich liebende Schwester
Wilhelmine". Die Lage von Adele Sandrocks Grabstelle auf dem
evangelischen Friedhof Wien Matzleinsdorf ist beschrieben mit Gruppe 18, Gruft 165.7)
Von Friedrich Rothe stammt das 1997 veröffentlichte Buch
"Arthur Schnitzler und Adele Sandrock. Theater über
Theater", bereits 1983 war "Adele Sandrock und
Arthur Schnitzler. Geschichte einer Liebe in Briefen, Bildern und
Dokumenten" erschienen. Von Jutta Ahlemann wurde 1987
"Adele Sandrock. Geschichten eines Lebens" publiziert, ein Jahr
später kam von der Autorin "Ich bleibe die große Adele – Die
Sandrock. Eine Biographie" auf den Markt.
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1) Geburtsdatum laut Berliner Gedenktafel (Porzellantafel der
KPM) am Haus Leibnizstraße 60, 10629 Berlin,
enthüllt am 29.9.1989 (siehe www.berlin.de)
Link: 2) Wikipedia, 3) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 4) Murnau Stiftung
Quellen: 5) "Lexikon der
deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf Heinzelmeier/Berndt Schulz, Ausgabe 2000, S. 315,
6) Wikipedia (abgerufen 04.09.2011),
7) Wikipedia nach:
Die Ueberführung Adele Sandrocks nach Wien. In: Neue Freie Presse,
Abendblatt, 2. September 1937, S. 8 Mitte bzw. S. 8 oben rechts
Aufenthalt in Linz. In: Neue Freie Presse, Morgenblatt, 7. September 1937, S. 8, Mitte rechts
Adele Sandrocks letzte Fahrt. In: Neues Wiener Journal, 9. September 1937, S. 5, links
Die Bestattung Adele Sandrocks. In: Neue Freie Presse, Morgenblatt, 9. September 1937, S. 8
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Es ist daher gemeinfrei.
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