Paul (Paulus Josef) Verhoeven wurde am 23. Juni 1901 als Sohn eines Fuhrunternehmers
im nordrhein-westfälischen Unna geboren, wuchs mit seinen dreizehn
Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf; die Vorfahren stammten aus
den Niederlanden und waren Bauern gewesen. Den ursprünglichen
Berufswunsch, Architekt zu werden, gab Verhoeven
nach kurzer Zeit auf, da er sich
schon früh für alles interessiert hatte, was mit dem Theater zusammenhing.
Er schlug die künstlerische Laufbahn ein, nahm Schauspielunterricht bei
Karl Wüstenhagen1) (1893 1950) in Dortmund und profilierte sich schon bald
als Charakterdarsteller, vornehmlich aber als Regisseur. Diesen Weg
konnte er vor allem in Berlin fortsetzen, wo er innerhalb weniger Jahre zu
den bedeutendsten Schauspielern und Regisseuren zählte.
Sein Leinwanddebüt hatte Verhoeven 1936 mit der kleinen Rolle des Barmixers Billy
in Luis Trenkers frühem Western "Der Kaiser von Kalifornien"1) gegeben, ein Jahr
später trat Verhoeven als Regisseur mit der Operetten-Adaption "Die Fledermaus"
in Erscheinung. In der Folgezeit übernahm er Rollen in Filmen
anderer Regisseure wie beispielsweise als "Juwelen-Max" in Arthur Maria Rabenalts
Abenteuer "Die Drei
Codonas"2) (1940) oder in Robert A. Stemmles
Krimikomödie "Herr Sanders lebt gefährlich"2) (1944),
wo er die Titelrolle des Kriminalromanautors Paul Sanders mimte. In vielen Filmen, für die er hinter der
Kamera stand, glänzte er auch als Schauspieler, wie etwa in "Salonwagen E 417"1) (1939),
"Der Große
Schatten"1) (1942), "Die Nacht in Venedig"2) (1942) oder
"Philharmoniker"1) (1944); zu
etlichen Filmen schrieb er selbst das
Drehbuch.
Nach Ende des 2. Weltkrieges arbeitete Paul Verhoeven in München für das
Theater, anfangs als Intendant des "Bayerischen Schauspielhauses",
später als Gastregisseur und Gastschauspieler an den "Kammerspielen".
Wegen der völligen Zerstörung des "Residenztheaters" 1944
richtete Paul Verhoeven im ebenfalls weitgehend zerstörten Ballsaal der Münchner
Residenz eine vielgerühmte Spielstätte ein, das "Theater am
Brunnenhof". Während der Bauzeit des Brunnenhoftheaters inszenierte
Paul Verhoeven als erste Aufführung seiner Intendanz im Prinzregenttheater
Shakespeares "Sommernachtstraum" mit der bis Kriegsende verbotenen
Musik des jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy (u.a. mit
Rudolf Vogel, Käthe Braun, Elfie Beyer). Verhoeven eröffnete das "Theater
am Brunnenhof" mit Lessings "Nathan der Weise", einem Stück,
das im Dritten Reich verpönt war und nun den Neubeginn geistiger freier
Auseinandersetzung markierte. Unter der Regie von Arnulf Schröder spielten
u.a. Eva Vaitl, Curd Jürgens und Hellmuth Renar.
Beispielhafte Inszenierungen waren das höchst aktuelle Nachkriegsstück
"Wir sind noch einmal davongekommen" von Thornton Wilder, das eine
aufregende Begegnung mit amerikanischer Bühnendramaturgie bedeutete, "Ein
Traumspiel" von August Strindberg und als Arbeit des Regiegastes Jürgen Fehling "Maria Magdalena"
von Friedrich Hebbel (mit Joana Maria Gorvin und Otto Wernicke). Nach schwerer Krankheit und Querelen mit dem
Kultusminister Alois Hundhammer legte Paul Verhoeven 1948 die Intendanz
nieder. Als das "Residenztheater" wieder hergestellt war,
inszenierte Paul Verhoeven unter der Intendanz seines Nachfolgers Alois Johannes Lippl 1952 Shakespeares "Wintermärchen".
Noch ein
letztes Mal war er an diesem Haus tätig als Darsteller. Und wieder mit
einem Stück von Shakespeare. Unter der Regie von Fritz Kortner spielte
Verhoeven 1955 den "Julius Caesar".3)
Auch für den Film blieb der "Theatermann" Verhoeven unverzichtbar
und so trat er auch hier weiterhin mit prägnanten Figuren auf der Leinwand in Erscheinung
und setzte erfolgreich seine Arbeit als Regisseur fort. Meist war er mit
Rollen in "seinen" Filmen präsent, wie 1951 in "Heidelberger Romanze"1)
als Detektiv Schulze neben Liselotte Pulver und O. W. Fischer,
oder in "Roman einer Siebzehnjährigen" (1955).
Mit Luise Ullrich drehte er "Vergiss die Liebe nicht"1)
(1953), mit Karlheinz Böhm
und Gert Fröbe "Hochzeit auf Reisen" (1953), mit Gerhard Riedmann
und Waltraut Haas "Jede Nacht in einem anderen Bett" (1957) oder mit Heinz Rühmann
"Der Jugendrichter"2) (1960), mit dem er auch seinen letzten Theatertriumphe in der Neil-Simon-Komödie
"Sonny Boys" feierte. Ein schöner Erfolg wurde auch der Film "Ihr
schönster Tag"1) (1962), inszeniert mit Inge Meysel und Rudolf Platte
nach Curth Flatows Bühnenstück "Das Fenster zum Flur",
für seine Regiearbeiten "Die Schuld des Dr. Homma" (1951) und "Vergiss die Liebe nicht" (1953) wurden mit dem "Bundesfilmpreis in Gold" ausgezeichnet.
Ab den 1960ern arbeitete Verhoeven auch vermehrt für das Fernsehen, unter
seiner Regie entstanden erfolgreiche Fernsehspiele wie "Der
Fehltritt" (1960), "Bedaure, falsch verbunden" (1962), "Mamselle Nitouche" (1963),
"Der Fall Jeanne D'Arc" (1966), "Der Fall Mata Hari" (1966) hier spielte er
den Oberst Goubet , "Gottes zweite Garnitur" (1967)
oder "Der Panamaskandal" (1967); zu einer seiner letzten
Regiearbeiten zählt 1971 das Fernsehspiel "Der Hitler-Ludendorff Prozeß".
Als herausragender Schauspieler bleibt Verhoeven auf dem Bildschirm in
nachhaltiger Erinnerung, meist verkörperte der Mann mit den markanten Gesichtszügen hintergründige Charaktere. So sah man ihn
mit der Rolle des Porphyri in Franz Peter Wirths "Raskolnikoff" (1959),
in John Oldens "An der schönen blauen Donau" 1965) spielte er im
gleichen Jahr den Legationsrat von Guben, für die Interpretation der Titelrolle in Peter Beauvais' "Bernhard Lichtenberg" (1965)
erhielt Verhoeven die "Goldene Kamera". Erneut unter der Regie von Peter Beauvais
agierte er 1968 als Samuel Fielding in dem Francis-Durbridge-Mehrteiler
"Ein Mann namens Harry Brent"4)
und als Körner in dem von Wolfgang Becker inszenierten dreiteiligen Krimi "Babeck"4)
oder stand ein Jahr später als Direktor Hassenreuter in Beauvais'
Hauptmann-Adaption "Die Ratten" mit Inge Meysel vor der
Fernsehkamera. Im Kino konnte man Verhoeven zuletzt in Franz Peter Wirths
Verwechslungsschwank "Oh
Jonathan oh Jonathan!" (1973) als Monsignore Berghammer neben
Protagonist Heinz Rühmann bewundern.
Verhoeven war seit Ende der 1950er Jahre lange Zeit Präsident der "Deutschen
Film-Union", dem Dachverband der deutschen Filmschaffenden. In den 1960er Jahren zählte er zu den Dozenten der ersten Stunde am
"Deutschen Institut für Film und Fernsehen" (DIFF), dem Vorläufer der
"Münchner Filmhochschule".
Der berühmte Schauspieler, Dramaturg und Regisseur Paul Verhoeven starb
während einer Gedenkfeier für die kurz zuvor verstorbene Schauspielerin
Therese Giehse4)
(1898 1975) am 22. März 1975 an Herzversagen wenige Wochen vor seinem 74. Geburtstag.
Der Künstler war seit 1930 mit der Theaterschauspielerin Doris Kiesow
(1902 1973) verheiratet, die ihre eigene Karriere für die Kinder zurückgestellt hatte; aus
der Verbindung stammen die Kinder Lis, Monika und Michael; die 1931 geborene
Lis Verhoeven4) ist
ebenfalls eine renommierte Schauspielerin geworden, Sohn Dr. Michael
Verhoeven1) (geb. 1938),
der seit 1966 mit der Schauspielerin Senta Berger2) verheiratet ist, gehört zu den bedeutenden deutschen
Regisseuren bzw. Filmproduzenten und stand in seinen frühen Jahren in
verschiedenen Filmen ebenfalls als erfolgreicher Schauspieler vor der Kamera.
Aus der Beziehung mit der Schauspielerin Edith Schultze-Westrum stammt der Sohn Thomas Schultze-Westrum, der Zoologe und Tierfilmer ist.Auch Paul Verhoevens Enkel Luca Verhoeven (geb. 1979) und Simon Verhoeven1)
(geb. 1972) haben sich inzwischen einen Namen
als Schauspieler bzw. Regisseur gemacht und führen somit erfolgreich die
Tradition der Verhoeven-Dynastie fort. Paul Verhoeven war überdies der Schwiegervater von
Mario Adorf4), der 1963
Tochter Lis Verhoeven geheiratet hatte, inzwischen jedoch von ihr geschieden ist. Die gemeinsame Tochter
Stella Adorf1)
ist ebenfalls Schauspielerin, unter anderem war sie in Michael Verhoevens Film
"Das schreckliche Mädchen" (1990) zu sehen.
Aus der Beziehung Paul Verhoevens der Schauspielerin Edith Schultze-Westrum4)
(1904 1981) stammt der Sohn Thomas Schultze-Westrum, der Zoologe und Tierfilmer ist.
Ende Oktober 2003 strahlte der Bayerische Rundfunk die Dokumentation "Die
Verhoevens" aus, in dem Felix Moeller drei Generationen Theater, Film und Fernsehen
bzw. eine außergewöhnliche Familie porträtierte. "In sehr persönlichen Gesprächen,
raren Archivaufnahmen und Ausschnitten aus 70 Jahren deutscher Filmgeschichte
entsteht ein liebevolles Panorama", so "Der Spiegel"; der Streifen
ist inzwischen auch auf DVD erhältlich.
Im Oktober 2005 erschien dann von Michael Verhoeven unter dem Titel "Paul, ich und wir"
ein ebenso persönliches wie unterhaltsames Buch, in dem der Autor
ein schillerndes Bild seiner berühmten Familie bis hin zu seiner Frau Senta Berger und seinen Söhnen
nachzeichnet. Fast ein ganzes Jahrhundert wird in der Familiengeschichte
gespiegelt und macht mit den Menschen das lebendig und nacherlebbar, was geschah.
|