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Bernhard Wicki wurde am 28. Oktober 1919 im
niederösterreichischen St. Pölten
als Sohn eines Schweizer Ingenieurs und einer Österreicherin mit ungarischen Vorfahren
geboren. Er wuchs in Wien auf und war seit dem zwölften Lebensjahr
Mitglied in der "Bündischen
Jugend"1). 1938 machte er Abitur in Bad Warmbrunn/Schlesien,
studierte anschließend in Breslau Kunstgeschichte, Geschichte und Germanistik.
Dann entschied er sich für eine künstlerische Laufbahn, besuchte die Schauspielschule des
"Staatlichen Theaters"
in Berlin bei Gustaf Gründgens. Wegen seiner Arbeit an der Jugend-Malklasse in Dessau wurde er denunziert und saß zwischen 1938 und 1939 im Konzentrationslager Sachsenhausen, erhielt dann Stadtverbot für Berlin. Mit 19 Jahren ging er an das Wiener "Max-Reinhardt-Seminar"1) und debütierte 1940 mit der Titelrolle in Goethes "Urfaust" am "Schönbrunner Schlosstheater" in Wien. Weitere Theaterstationen wurden unter anderem Bremen (1941 1943), das "Bayerische Staatsschauspiel" in München (1943/44 und 1950 1954) sowie zwischen 1944 und 1950 das "Schauspielhaus Zürich" und das Theater in Basel. Bei letztgenannten Engagements wurde er Schweizer Staatsbürger, danach war Wicki als freischaffender Schauspieler tätig. Vielen klassischen Bühnenfiguren hauchte Wicki in jenen Jahren Leben ein, so interpretierte er glänzend in Bremen den Ferdinand in Schillers "Kabale und Liebe", gab 1943 den Pylades in Goethes "Iphigenie auf Tauris" bei den Salzburger Festspielen oder drei Jahre später in Zürich den Pierre in der deutschen Erstaufführung von Giraudoux' "Die Irre von Chaillot". Weitere herausragende Rollen waren beispielsweise der Soldat Ämilian in der Uraufführung von Dürrenmatts Komödie "Romulus der Große" (1948, Basel), der Neffe in Lorcas "Dona Rosita" (1950) oder der Dauphin in Shaws "Die heilige Johanna" (1952), jeweils am "Bayerischen Staatsschauspiel" in München. Brillant auch sein Hemingway in der Uraufführung von Hochhuts "Tod eines Jägers" bei den Salzburger Festspielen (1977). Als Theaterregisseur gehört Wicki ebenfalls zu den Großen seines Fachs, wichtige Inszenierungen waren beispielsweise am Schauspielhaus Zürich Shakespeares "Antonius und Cleopatra" (1968, mit Ehefrau mit Agnes Fink), am Wiener Burgtheater Shakespeares "Der Sturm" (1968) oder Giraudoux' "Die Irre von Chaillot" am Wiener "Theater in der Josefstadt" (1978, mit Joana Maria Gorvin).
Zum Film war Wicki Ende der 1930er Jahre gekommen, seine erste Rolle
hatte, noch als Statist, in Gustav Ucickys
"Der Postmeister" (1940) neben dem großen Heinrich George erste Erfahrungen vor der Kamera gesammelt.
Der Durchbruch zum Leinwandstar gelang ihm im Kino der 1950er Jahre mit
prägnanten Rollen in Streifen wie "Junges Herz voll
Liebe" (1953), "Rummelplatz der
Liebe"1) (1953), "Das zweite Leben" (1954), "Die Mücke" (1954),
"Die große Sehnsucht", "Skandal um Dr. Vlimmen"2) (1956) oder "Gefangene der
Liebe" (1954). Unvergessen bleiben aber vor allem seine
Charakterstudien, so seine Darstellung des Hitler-Attentäters
Oberstleutnant von Stauffenberg in dem von Georg Wilhelm Pabst in Szene
gesetzten Film über das Hitler-Attentat "Es geschah am 20. Juli"1) (1955), der Hauptmanns Dornberg
in Laszlo Benedeks "Kinder,
Mütter und ein General"1) (1955) oder
der Militärpfarrer Brunner in
Falk Harnacks "Unruhige Nacht"2) (1958). Sensibel-eindringlich auch
sein Geert von Innstetten in Rudolf Jugerts "Rosen im Herbst"1) (1955)
nach dem Fontane-Roman "Effie Briest" mit Ruth Leuwerik in der
Rolle der Effie Briest. Dazwischen agierte Wicki immer wieder in leichten,
ganz dem Zeitgeschmack entsprechenden heiteren Unterhaltungsstreifen, so etwa
mit der Figur des Walzerkönigs Johann Strauss in Paul Verhoevens "Ewiger Walzer" (1954),
als Zar Alexander in Wolfgang Liebeneiners "Königin Luise" (1957),
mit dem Traumpaar Ruth Leuwerik und Dieter Borsche, oder als Luigi Locatelli
in Wolfgang Staudtes "Madeleine und der Legionär"1) (1958)
an der Seite von Hildegard Knef. In nachhaltiger Erinnerung bleibt
Wicki auch als etwas linkischer Paul Frank, genannt "Büffel", in der von Helmut Käutner
inszenierten Dreiecks-Liebeskomödie "Die Zürcher Verlobung"1) (1957)
neben Liselotte Pulver und Paul Hubschmid. Nach einer starken schauspielerischen Leistung 1960 in Michelangelo Antonionis Meisterwerk "Die Nacht" drehte Wicki 1960/61 "Die Wunder des Malachias", und 1961/62 für eine US-Produktion gemeinsam mit Ken Annakin und Andrew Marton eine Episode zu dem Invasionsfilmes "Der längste Tag". Weit weniger erfolgreich war dagegen die Verfilmung des Dürrenmatt-Stoffes "Der Besuch der alten Dame"(1963/64) mit Ingrid Bergmann und Anthony Quinn in den Titelrollen, die Wicki in Hollywood inszenierte. Dass er dennoch ein außergewöhnlicher Regisseur war, bewies er mit seinen Fernsehspielen "Karpfs Karriere" nach Günther Kunert, "Das falsche Gewicht" nach einem Roman von Joseph Roth (beide 1970/71 entstanden) und "Sansibar oder Der letzte Grund" nach Alfred Andersch. ( ) Wicki war ein Mensch mit einem humanen Weltverständnis und einem rigorosen künstlerischen Wollen. Ihn umgab so etwas wie eine Aura des Integeren, des Unbestechlichen, mit all seiner Unruhe, Wut und Tragik: Er wollte und konnte nicht blenden. "Eigentlich hat mein ganzes Leben lang der Selbstzweifel, der Zweifel an dem, was ich mache, überwogen", ist einer seiner Aussagen.3) In den 1960er Jahren folgten Regiearbeiten auch für internationale Produktionen, etwa die Verfilmung des Dürrenmatt-Stückes "Der Besuch der alten Dame", "The Visit" (1964, Der Besuch1)) mit Ingrid Bergman und Anthony Quinn oder die Geheimdienst-Story "Morituri"1) (1965) mit Yul Brynner und Marlon Brando. Von 1975 bis 1977 arbeitete er an der Verfilmung der Günter-Herburger-Novelle "Die Eroberung der Zitadelle". Im Anschluss war Wicki wieder für das Fernsehen tätig, realisierte ein Porträt über seinen des Freund Curd Jürgens. Der Titel des abendfüllenden Dokumentarfilms war "Curd Jürgens Der Filmstar, der vom Theater kam". Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Wolfgang Kohlhaase arbeitete er 1984 im DEFA-Studio der damaligen DDR an dem westdeutschen Film "Die Grünstein-Variante": Drei Menschen unterschiedlicher Herkunft kommen sich beim Schachspiel in einer Zelle näher. Es war 1939 in Paris, Zeit des Faschismus, der politischen Wirren. Jahre später denkt einer der damaligen Häftlinge zurück und versucht sich vergeblich an einen raffinierten Schachzug des Juden Grünstein zu erinnern. Erinnerungen werden wach an das Lager, die Stunde der Not, an Menschlichkeit und Kameradschaft in solch extremer Situation. Der Film ist auch eine Studie über Erinnerung und Vergessen. Gemeinsam haben Wicki und Kohlhaase, mit Hilfe eines hervorragenden Ensembles und trotz der tragischen Hintergründe ein dichten, humorvollen Film gedreht. Auffällig im Gegensatz zur Sprachverarmung bundesdeutscher Drehbücher jener Jahre war der exakte Text und die brillanten Dialoge. 1986 beschäftigte sich Wicki noch einmal mit einem Roman von Joseph Roth "Das Spinnennetz". Die Arbeit erfolgte in drei Phasen; November, Dezember 1986. Als einer der Hauptdarsteller, Richard Münch starb, verzögerte sich das Projekt, wurde von Juli bis September 1987 fortgesetzt und von Juni bis Dezember 1988 fertiggedreht. Während der anstrengenden Dreharbeiten zu dem für einen Oscar nominierten Film erlitt Wicki in Prag eine Gehirnblutung, was ihn aber nicht daran hinderte, "Das Spinnennetz" zu Ende zu drehen. Die Uraufführung fand am 8. Mai 1989 in Cannes statt. Der Film erzählt eine Geschichte, die beim Zuschauer unglaubliche Unruhe verursacht. Sie beginnt 1923, ein junger Mann steigt auf, heiratet eine Adlige, gelangt ins Justizministerium. Schon bei der Heirat ist er Nationalsozialist, doch noch hält er sich gedeckt, bis alle Zweifel vorbei sind. Bernhard Wicki hat Joseph Roths Roman ausgeweitet, hat das, was danach kam, vorweggenommen und schildert im Verlauf von 180 Minuten den schrecklichen Werdegang eines ganz normalen, bürgerlichen Ungeheuers. Einer der wichtigsten Joseph-Roth- Filme, ein Alterswerk des großen Schauspielers und Regisseurs faszinierend und überzeugend besetzt.3) Wicki gilt als "deutscher Regisseur von außerordentlichem Rang", doch er war nicht nur ein exzellenter Regisseur, sondern auch charismatischer Schauspieler und hervorragender Autor. Als ausgezeichneter Fotograf gab er 1960 den Bildband "Zwei Gramm Licht" heraus, insgesamt umfasst der fotografische Nachlass mehr als 1.000 Bilder → www.bernhardwickigedaechtnisfonds.de. Den 70. Geburtstag des großen Künstlers feierten verschiedene Fernsehsender 1989 mit einer umfassenden Werkschau. 1989/90 sah man den Schauspieler auch ein einige Episoden lang in der ZDF- Erfolgsserie "Das Erbe der Guldenburgs", 1991 war er unter der Regie von Franz Seitz der blinde Bauernführer Dr. Bichler in Franz Seitz' Lion Feuchtwanger-Adaption "Erfolg"2), 1993 mimte er in Michael Schottenbergs "Das Geheimnis" den kranken Rechtsanwalt Dr. Vergil Schwarz, 1994 zeigte er sich an der Seite von Ulrich Wildgruber in Richard Blanks Episodenfilm "Das Prinzenbad"2).
Nach seinem letzten Film "Das Spinnennetz" (1987) hatte sich Wicki weitgehend aus dem Filmgeschäft zurückgezogen, um sich von einer Gehirnblutung zu erholen. Seinen letzten öffentlichen Auftritt absolvierte Wicki Ende Oktober 1999, als ihn zahlreiche Freunde und Kollegen mit einer "Hommage" zu seinem 80. Geburtstag ehrten. Schon damals wirkte der im Rollstuhl sitzende Regisseur gesundheitlich stark angegriffen. Zwei Monate nach seinem 80. Geburtstag erlag Bernhard Wicki am 5. Januar 2000 nach langer Krankheit in München einem Herzversagen; seine letzte Ruhestätte fand der Schauspieler und Regisseur auf dem Nymphenburger Friedhof in München. Noch am Tag vor seinem Tod wurde Wicki am Krankenbett mit dem österreichischen "Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse" ausgezeichnet. Im Dezember hatte die bayerische Landeshauptstadt München den Künstler mit der Medaille "München leuchtet" in Gold geehrt. Seit einiger Zeit arbeitete die Witwe Bernhard Wickis und Gründerin bzw. Initiatorin des "Bernhard Wicki Gedächtnis Fonds e.V.", Elisabeth Wicki-Endriss, an einer Verfilmung des Lebens ihres Mannes. Der rund zwei Stunden lange Film, eine Kino-Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk, trägt den Titel "Verstörung und eine Art von Poesie. Die Filmlegende Bernhard Wicki"2) werde "eine Zeitreise durch das letzte Jahrhundert" hieß es in den Medien und gelangte im Juni 2007 in den Verleih; als Schauspieler hat Wicki-Endriss Weggefährten wie Maximilian Schell und Klaus Maria Brandauer engagiert. In einem Interview sagte Elisabeth Wicki-Endriss zu Beginn der Dreharbeiten im Sommer 2006 unter anderem, dass eine "dokumentarische Arbeit mit Dialogen" geplant sei. Als Grundlage für das Projekt dienten unveröffentlichte Tonaufzeichnungen. "Bernhard hat zwei Jahre vor seinem Lebensende sein Leben auf Band gesprochen", berichtete die Schauspielerin, die das Projekt selbst finanziert. Es sei notwendig, das "Vermächtnis dieses Mannes zu erhalten und damit zu warnen" ( ) "Mein Mann hat nicht nur Film-, sondern auch Zeitgeschichte geschrieben." Diese dokumentarische Filmerzählung zeigt sehr persönlich Bernhard Wickis Weg von der Geburt bis zum Tod und gleichzeitig ein Stück deutsche Geschichte. Sie lässt teilhaben an Wickis Freuden, seinen Begierden, seinem Hochmut, seiner Unbestechlichkeit, seiner Wucht und seiner Wut; seiner Angst, seiner Einsamkeit, seinen Erschütterungen und seiner Scham. Neben den Video- und Audioaufzeichnungen Bernhard Wickis tritt Maximilian Schell als Erzähler auf, Klaus Maria Brandauer zitiert aus Wickis Gedichten und Michael Mendl ergänzt mit Zitaten, wo keine Aufzeichnungen von Bernhard Wicki existieren. Der Film wurde an Originalschauplätzen der Lebensstationen Wickis gedreht.5) Von Robert Fischer sowie verschiedenen Autoren wie Alexander Kluge, Laurens Straub oder Wilhelm Roth stammt das 1991 erschienene Buch "Sanftmut und Gewalt Der Regisseur und Schauspieler Bernhard Wicki", die Biografie "Bernhard Wicki" von Peter Zander kam 1995 auf den Markt. In diesem Buch werden seine Filme erstmals ausführlich gewürdigt. Wicki wird in seiner Persönlichkeit wie in seinen künstlerischen Intentionen bei Zander durchweg lebendig; seine Arbeit dient einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem großen Einzelgänger des neueren deutschen Films., war im "film-dienst" nachzulesen. Ebenfalls von Robert Fischer erschien "Bernhard Wicki. Regisseur und Schauspieler" (1997), Richard Blank veröffentlichte 1999 anlässlich des 80. Geburtstages von Wicki "Jenseits der Brücke. Bernhard Wicki. Ein Leben für den Film. "Die Zeit" schrieb unter anderem Eine "anschauliche" Schilderung Wickis als "authentischer" Schauspieler, den auch Grob seinerzeit, wie er bekennt, als "Idealbild des Neuen Mannes" bewundert hat; dabei hat der spätere Regisseur selbst seine Zeit vor der Kamera eher als vergeudete angesehen. |
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Link: 1) Wikipedia,
2) prisma.de, 4) Kurzportrait innerhalb dieser HP Quelle: 3) www.prisma.de, 5) br-online.de (Seite nicht mehr existent) |
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Textbausteine des Kurzportraits von www.prisma.de; siehe auch www.bernhardwickigedaechtnisfonds.de, u.a. mit einem ausführlichen Regie- und Rollenverzeichnis, sowie Wikipedia, www.deutsches-filmhaus.de und den Nachruf www.spiegel.de |
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