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Therese Giehse wurde am 6. März 1898 als Therese Gift und fünftes Kind des jüdischen Kaufmanns Salomon Gift
in München geboren. Als junges Mädchen nahm sie trotz des Widerstandes
ihrer Eltern privaten Schauspielunterricht bei der Schauspielerin Tony
Wittels-Stury;
den Unterricht finanzierte sie sich mit Büroarbeiten. Nach ihrer
Ausbildung erhielt sie ab 1920 erste Engagements in Siegen,
Gleiwitz, Landshut
sowie in Breslau und wurde dann 1925 Mitglied der "Münchner
Kammerspiele" unter der Leitung von Otto Falckenberg1) (1873 1947). Dort
stand Therese Giehse bis 1933 auf der Bühne und feierte auch ihre ersten
Erfolge. Anschließend gründete sie zusammen mit ihrer
Freundin Erika Mann1) (1905 1969) und deren Bruder Klaus Mann1) (1906 1949),
den Kindern des berühmten Schriftstellers Thomas Mann1) (1875 1955), das
literarische Kabarett "Die Pfeffermühle"1) in der
"Münchner Bonbonnière" beim Hofbräuhaus, musste
jedoch mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten nach Zürich
emigrieren.
Therese Giehse ging mit ihrem Kabarett-Programm auf eine Europatournee, die
sie 1935/36 in die Niederlande, nach Belgien, Luxemburg und in die
Tschechoslowakei führte. 1936 heiratete die als lesbisch geltende
Künstlerin2) den homosexuellen englischen Schriftsteller John Hampson-Simpson3)
(1901 1955) und erhielt damit die britische Staatsbürgerschaft.
Das gezeigte Portrait stammt von dem renommierten Maler Günter
Rittner,
der es mir freundlicherweise gestattet hat, das Bild zu zeigen; das
Copyright liegt bei dem Künstler.
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Seit 1937 gehörte Therese Giehse als festes Mitglied zum Ensemble des Züricher
Schauspielhauses und war dort auch erstmals am 19. April 1941 unter der Regie von Leopold Lindtberg
in ihrer Paraderolle der Mutter Courage bei der Uraufführung des Brecht-Stückes
"Mutter Courage und ihre Kinder"1) auf der Bühne zu sehen eine
Figur, die sie unsterblich
machen sollte. Den Dramatiker Brecht hatte Therese Giehse bereits 1929 bei
der Münchner Aufführung der "Dreigroschenoper"1) kennen
gelernt, wo sie die
"Celia Peachum" gab. Auch in den Züricher Uraufführungen der Brecht-Stücke
"Der gute Mensch von Sezuan"1) (04.02.1943) und "Herr Puntila und sein Knecht
Matti"1) (05.06.1948) übernahm sie als
Hausbesitzerin Mi-Tzü bzw. Schmuggleremma Rollen.
Nach Ende des 2. Weltkrieges war Therese Giehse zwischen 1949 und 1951 Mitglied
in Bertolt Brechts "Berliner Ensemble", ging dann
wieder nach München an die dortigen Kammerspiele, wo sie ab 1953
wieder festes Ensemblemitglied wurde.
Im Verlaufe der nächsten Jahre
gab sie immer wieder Gastspiele in Zürich und brillierte vor allem
mit Hauptrollen in Dürrenmatt-Uraufführungen
wie beispielsweise am 29. Januar 1956 in "Der Besuch der alten Dame"1) oder am
20. Februar 1962 in "Die Physiker"1).
Man sah sie 1951 bei den Salzburger Festspielen in Kleists
"Der zerbrochne Krug", in Zürich und in München
interpretierte sie
die großen Frauenrollen von Shakespeare bis Gorki, von Sartre bis
Hauptmann. Zu ihrer liebsten Theaterarbeit gehörte die Titelrolle der Pelagea Wlassowa in
Brechts "Die
Mutter"1), inszeniert im Winter 1970 von Peter Stein
anlässlich der Neueröffnung der "Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer".
Foto: TV-Spiel "Die Physiker"1) (1964), vom Autor Dürrenmatt
selbst für das Fernsehen bearbeitet
Regie Fritz Umgelter; v.l.n.r.: Therese Giehse (Ärztin Frl. von Zahnd),
Wolfgang Kieling
(Möbius), Gustav Knuth
(Beutler, genannt "Newton"), Kurt Ehrhardt1)
(Ernesti, genannt "Einstein")
Foto mit freundlicher Genehmigung von SWR Media Services
mit weiteren Infos
zu dem Fernsehspiel; © SWR |
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Die überragende Bühneninterpretin großer Frauengestalten,
die im Nazi-Deutschland mit Spielverbot belegt worden war, arbeitete nach 1933 für den
Schweizer Film. Ihr Leinwanddebüt hatte sie 1931 in Deutschland mit einer
kleineren Rolle in dem Film "Der Liebesexpress" gegeben, mehr als
zehn Jahre später profilierte sie sich 1942 mit der Charakterrolle der Boschka
in Robert Wienes Schweizer Verfilmung des Zuckmayer-Stücks "Katharina
Knie" mit dem Titel "Menschen, die vorüberziehen" oder
als Kathri in Franz Schnyders Gruselkomödie "Das
Gespensterhaus"1). Im
Nachkriegsfilm bewies Therese Giehse 1955 ihre große Ausdrucksfähigkeit mit der Rolle
der Elfriede Bergmann in László Benedeks "Kinder, Mütter und ein General"1)
und wurde für ihre Leistung mit dem "Filmband in Silber" als
"Beste Darstellerin" ausgezeichnet. 1958 sah man sie als
Institutsleiterin neben Lili Palmer und Romy Schneider
in Géza von Radványis "Mädchen in Uniform"1),
einem Remake des gleichnamigen Streifens1) aus dem Jahre 1931.
Nach Josef von Bákys Beamten-Satire "Sturm im Wasserglas" (1960) nach dem Volksstück
von Bruno Frank und ihrer
Rolle der Frau Vogel verkörperte Therese Giehse am Ende ihrer Laufbahn 1973 in der internationalen Co-Produktion "Lacombe Lucien"
bewegend die jüdische Großmutter Bella Horn. Zu ihren
letzten Auftritten vor der Kamera zählt die Rolle der alten Dame in Louis Malles
surrealistischem Fantasyfilm "Black
Moon"1) (1975). Die große Theatermimin
verstand es auch auf der Leinwand ihre emotional intensiven Filmfiguren mit
intellektueller Kraft zu durchdringen. Sie bevorzugte dabei resolute Frauen
aus dem Arbeiter- und Alltagsmilieu. Ihr Charakterkopf sowie ihre
Widerborstigkeit machten Therese Giehse zu einer Ausnahmeerscheinung in der
deutschen Filmlandschaft.4)
Die Fernsehzuschauer sahen die großartige Schauspielerin neben
verschiedenen Theateraufzeichnungen unter anderem 1964 mit der
Paraderolle der Ärztin Frl. von Zahnd in "Die Physiker"1),
1965 als Martha
in "Der Sündenbock", 1969 spielte sie erneut die Frau Vogl in
Theodor Grädlers TV-Version von "Sturm im Wasserglas". 1973 wirkte sie bei
Helmut Dietls "Münchner Geschichten"1) erstmals in einer Fernsehserie
mit und lieh ihr unverwechselbares Gesicht der Anna Häusler,
Großmutter von Tscharli Häusler alias Günther Maria Halmer.
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"Ich hab nichts zum Sagen", lautet der wohl berühmteste Satz der berühmten
Schauspielerin, dem gleichnamigen Titel des 1973 erschienen Buches. Sie
lehnte es stets ab, theoretische Ausführungen zur Schauspielkunst wie auch
über ihre eigenen Darstellungen zu geben und hat auch nie unterrichtet; und sie bewahrte höchste Diskretion
über ihr Privatleben, gemäß dem alten Motto der
"Pfeffermühle" "Immer indirekt". Auch über die Liaison mit Erika Mann in den
1930er Jahren hielten sich beide bedeckt.
In ihren letzten Lebensjahren lag Therese Giehse besonders die Förderung junger
gesellschaftskritischer Theatermacher wie beispielsweise Franz Xaver
Kroetz1), Peter Stein1) oder
Martin Sperr1) am Herzen.
Therese Giehse starb am 3. März 1975, wenige Tage vor ihrem 77. Geburtstag.
Ihrem Wunsch entsprechend fand sie ihre letzte Ruhe auf dem Friedhof Fluntern in Zürich.
Im November 1988 ehrte die Deutsche Post die Charakterschauspielerin Therese Giehse mit einer
Sondermarke und portraitierte sie in der Reihe "Frauen der deutschen Geschichte"
neben Hannah Arendt1)
(1906 1975), Mathilde Franziska Anneke1)
(1817 1884) und Hedwig Dransfeld1)
(1871 1925).
In München-Neuperlach erinnern die "Therese-Giehse-Allee" sowie der
"U-Bahnhof Therese-Giehse-Allee" an die legendäre Charakterdarstellerin.
Sonderbriefmarke Therese Giehse aus der Reihe "Frauen der deutschen Geschichte"
Ausgabetag 10. November 1988
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des
Bundesministeriums der Finanzen
sowie Prof. Gerd Aretz und Oliver Aretz (Gestaltung)
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