Charlotte Ander erblickte am 14. August 1902 als Charlotte Andersch in Berlin das Licht der Welt. Die Tochter des Schauspieler-Ehepaares Rudolf Andersch1) (= Künstlername "Rudolf Ander" (1862 – 1935)) und Ida Perry (1877 – 1966) trat schon früh in die Fußstapfen ihrer Eltern, debütierte bereits 18-jährig in Berlin an den von Carl Meinhard1) und Rudolf Bernauer1) geleiteten "Meinhard-Bernauer'schen Bühnen". Nach einer fundierten Ausbildung am "Preußischen Staatstheater"1) (1923/24) erhielt sie erste Engagements, trat sowohl im ernsten als auch heiteren Fach an verschieden Berliner Theatern auf. Vor allem als Soubrette feierte sie Erfolge, etwa bei der Uraufführung der Operette "Der Zarewitsch"1) von Franz Lehár1) am 21. Februar 1927 am "Deutschen Künstlertheater"1) mit Richard Tauber in der Titelrolle des russischen Thronfolgers Alexej, wo sie die junge Ehefrau Mascha von Alexejs getreuen Diener Iwan (Paul Heidemann) gestaltete. Bereits 1925 hatte sie in einer Inszenierung von Max Reinhardt1) mit der Figur der in Lysander verliebten Hermia in der Shakespeare-Komödie "Ein Sommernachtstraum"1) überzeugen können, eine Rolle, mit der sie sich im gleichen Jahr in Hans Neumanns, freien, stummen gleichnamigen Verfilmung1) zeigte – André Mattoni gab den Lysander sowie unter anderem Hans Albers den ebenfalls in Hermia verliebten jungen Demetrius und Theodor Becker den Herzog von Athen Theseus. "Mit der Polly Peachum in einer Aufführung von Brechts/Weills "Die Dreigroschenoper"1) in Ernst Josef Aufrichts1) "Theater am Schiffbauerdamm"1) spielte sie 1928 ihre wichtigste und schönste Bühnenrolle vor dem Machtantritt der Nazis." notiert Kay Weniger1).*)
Nach ihrem Leinwanddebüt in dem ganz auf Hauptdarsteller Paul Heidemann zugeschnittenen Lustspiel "So ein Lausbub" (1920) aus der "Paulchen Semmelmann"-Reihe stand sie dann regelmäßig vor der Kamera. Festgelegt auf den Typus des jungen, frischen Mädchens, trat sie in zahlreichen stummen Melodramen, Komödien und Abenteuern mit Haupt- und Nebenrollen in Erscheinung.

Foto Charlotte Ander: Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder1) (1888 – 1929)
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Foto Charlotte Ander: Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder (1888 – 1929)
Foto Charlotte Ander: Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder (1888 – 1929) So war sie unter anderem als Lucile Desmoulins1) die Frau des französischen Revolutionärs Camille Desmoulins1) (Ossip Runitsch1)) in dem Historien-Stummfilm "Danton"1) (1921) mit Emil Jannings als Danton1) und Werner Krauss als Robespierre1), mimte als Kitty die Tochter der Gräfin Manon Moreau (Mia May) in Joe Mays1) Vierteiler "Tragödie der Liebe"1) (1923), spielte neben Protagonist Fritz Kortner in dem Drama "Dr. Wislizenus"2) (1924). In der von Hans Steinhoff1) in Szene gesetzten Komödie "Wien – Berlin"1) (1926) mit dem Untertitel "Ein Liebesspiel zwischen Spree und Donau" kam sie als lebenslustige Filmtochter von Fritz Alberti daher oder trat mit Reinhold Schünzel in dessen, gemeinsam mit Alfred Schirokauer1) inszenierten herrlichen Schwank "Der Himmel auf Erden"1) (1927) in Erscheinung. Gedreht nach dem Bühnenstück "Der Doppelmensch" von Wilhelm Jacobi1) und Arthur Lippschütz (1871 – 1922) sah man sie als Gattin des Parlamentsabgeordneten Traugott Bellmann (Schünzel), der sich ganz dem Kampf gegen die grassierende Sittenlosigkeit verschrieben hat → cinegraph.de, filmportal.de
  
Foto Charlotte Ander: Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder1) (1888 – 1929)
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Gerhard Lamprecht1) besetzte sie als Kronprinzessin Elisabeth von Braunschweig1), die im ersten Teil seines Historienstreifens "Der alte Fritz"1)  (1928, "Friede"1)) von dem preußischem König Friedrich II. (Otto Gebühr) mit dessen ungeliebtem Sohn, dem Thronfolger Friedrich Wilhelm1) (Heinz B. Klockow) vermählt wird. Es folgten nur noch wenige Stummfilme, unter anderem Max Neufelds heitere Verwechslungsgeschichte "Die beiden Seehunde" (1928) nach der Komödie von Carl Rössler1), in der sie neben Hans Junkermann in der Doppelrolle des Dienstmanns Heßdörfer bzw. des Großherzogs Christians eine bezaubernde Primaballerina der "Wiener Hofoper" darstellte → Übersicht Stummfilme.
 
Gleich in ihrem ersten Tonfilm, der im Rennfahrer-Milieu angesiedelten Adaption "Die Nacht gehört uns"1) (1929) nach dem Bühnenstück "La nuit est ŕ nous" des belgischen Autors Henry Kistemaeckers (1872 – 1938), spielte sich die attraktive Charlotte Ander als Partnerin von Hans Albers in die Herzen des Publikums. Wenig später tauchte sie in Richard Oswalds1) musikalischen Komödie "Wien, du Stadt der Lieder"1) (1930) auf und erfreute als bildhübsche Steffi, die sich heimlich mit dem arbeitslosen Musiker Pepi (Igo Sym) verlobt. Doch der Vater, der Musikalienhändler Ignaz Korn (Sigi Hofer1)), hat ganz andere Pläne und möchte seine Tochter mit dem Fleischermeister Burgstaller (Max Hansen) verheiraten …

Charlotte Ander 1927
Foto mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Nationalbibliothek1) (ÖNB)
Urheber: Atelier D'Ora-Benda (Madame d'Ora1) (1881–1963) / Arthur Benda1) (1885–1969)
© ÖNB/Wien, Bildarchiv (Inventarnummer 204845-D); Datierung: 25.05.1927

Charlotte Ander 1927; Foto mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB); Urheber: Atelier D'Ora-Benda (Madame d'Ora (1881–1963) / Arthur Benda (1885–1969); Copyright ÖNB/Wien, Bildarchiv (Inventarnummer 204845-D); Datierung: 25.05.1927
Charlotte Ander, fotografiert in den 1930er Jahren von Alexander Schmoll (* 1880, † zwischen 1943 und 1945); Quelle: Wikimedia Commons; Lizenz: gemeinfrei Es waren vornehmlich harmlose, heitere Unterhaltungsstreifen, in denen sich Charlotte Ander in den nachfolgenden Produktionen auf der Leinwand präsentierte, etwa als Lehrerin Gisa Holm in "Flachsmann als Erzieher"1) (1930) nach dem Lustspiel von Otto Ernst1) mit Paul Henckels als verknöcherter Oberlehrer/Schulrektor Jürgen Heinrich Flachsmann oder als Sekretärin Olly in der musikalischen Geschichte "Arm wie eine Kirchenmaus"1) (1931), erneut temporeich von Richard Oswald inszeniert. Als Adolf Trotz1) mit dem Biopic "Elisabeth von Österreich"1) (1931) das Leben der österreichischen Kaiserin Elisabeth1) mit Lil Dagover in der Titelrolle und Paul Otto als Kaiser Franz Joseph I.1) auf die Leinwand bannte, besetzte er Charlotte Ander als Mary Vetsera1), die gemeinsam mit ihrem Geliebten, Kronprinz Rudolf1) (Ekkehard Arendt1)) am 30. Januar 1889 auf Schloss Mayerling1) den Freitod wählte.

Charlotte Ander, fotografiert in den 1930er Jahren
von Alexander Schmoll (* 1880, † zwischen 1943 und 1945)
Quelle: Wikimedia Commons; Angaben zur Lizenz siehe hier

Mit Robert Siodmaks1) Verfilmung "Voruntersuchung"1) (1931) nach dem Drama von Max Alsberg1) und Otto Ernst Hesse1) machte sie einen Ausflug in das Krimi-Genre und verkörperte die Tochter des Landgerichtsrats Dr. Konrad Bienert (Albert Bassermann), kehrte dann aber mit Produktionen wie der ganz auf sie zugeschnittenen Geschichte "Chauffeur Antoinette"1) (1932) oder "Gräfin Mariza"1) (1932) nach der gleichnamigen Operette1) von Emmerich Kálmán1) mit Dorothea Wieck in der Titelrolle ins fröhliche Fach zurück. In letztgenanntem Film spielte sie die Lisa, Schwester des verarmten Grafen Tassilo (Hubert Marischka1)), der über Umwege die Liebe der stolzen, ungarischen Gräfin Mariza erringt. Den absoluten Höhepunkt ihrer Filmkarriere erreichte Charlotte Ander mit der Rolle der Schallplatten-Verkäuferin Nina in Richard Oswalds Musiker-Liebesgeschichte "Ein Lied geht um die Welt"1) (1933) als Partnerin von Star-Tenor Joseph Schmidt als arbeitsloser Tenor Ricardo und dem nicht minder beliebten Schauspieler Viktor de Kowa als Musikclown Rigo. Mit "My Song Goes Round the World"1) (1934) entstand zudem eine in Großbritannien gedrehte englischsprachige Version, in der Joseph Schmidt und Charlotte Ander ihre Rollen wiederholten, den Part des Rigo übernahm der Brite John Loder1).
 
Nach Hauptrollen in zwei weiteren Filmen – den Komödien "Drei blaue Jungs – ein blondes Mädel"1) (1933), unter anderem mit Heinz Rühmann, und "Zwei im Sonnenschein"2) (1933) mit Viktor de Kowa – emigrierte Charlotte Ander nach Großbritannien. Die Nazis hatten ihr zuvor unverhohlen mit Boykott durch die deutsche Filmwirtschaft gedroht, weil sie eine Liaison mit einem jüdischen Geschäftsmann eingegangen war und diese, so der Vorwurf, auch nach der Machtübernahme1) nicht beendet hatte. Anders Mitgliedschaft in der NSDAP1) ab dem 2. Mai 1933 änderte nichts an diesem Zustand – zumal Behauptungen im Raum standen, sie hätte ihrem Hauspersonal bis Frühjahr 1933 mit Entlassung gedroht, sollte es bei Wahlen für Adolf Hitler votieren.*)
In England stand sie zwar für die musikalische Romanze "Maid Happy" (1933; Regie: Mansfield Markham (1905 – 1971)) und den erwähnten Film "My Song Goes Round the World" (1934) vor der Kamera, weitere Rollenangebote blieben jedoch aus. Die Schauspielerin kehrte nach Deutschland zurück, war seitdem aber weitgehend "kaltgestellt". Sie wirkte noch in dem von Harry Piel produzierten Streifen mit Alt-Berliner Flair "Wie einst im Mai"2) (1938) nach der gleichnamigen Operette1) von Walter1) und Willi Kollo1) (Musik) als Traute, Tochter von Tischlermeisters Schradecke (Otto Wernicke) mit sowie  als Baronesse Clarisse von Reuthersloh in dem österreichischen Schwank "Anton der Letzte"1) (1939) neben Titelheld Hans Moser, danach blieb sie praktisch beschäftigungslos. Auch an der Bühne sah die Lage nur unwesentlich anders aus, Gastauftritte führten sie in die Provinz, so etwa an das "Hupfeld Kasino" in Bad Nauheim1) oder das Kabarett "Seebrücke" in Ahlbeck1).*)
 
Nach Ende des 2. Weltkrieges nahm Charlotte Ander ihre Arbeit am Theater – unter anderem in Baden-Baden sowie vorwiegend in Berlin – wieder auf, übernahm in den 1950er Jahren auch Aufgaben in verschiedenen Kinoproduktionen. Die einzige Hauptrolle spielte sie als Olga, Frau des "Wirtschaftssaboteurs" bzw. Firmenchefs Gustav Benthin (Werner Pledath), der sich mit dem Schmuggel von Waren in den Westen befasst, in der DEFA1)-Produktion bzw. dem Sabotage- und Schieberstreifen "Familie Benthin"1) (1950), ihre Mitwirkung in den nachfolgenden Filmen war von eher nachrangiger Bedeutung. Mit einem letzten kleinen Part als Frau Nessel zeigte sie sich in Falk Harnacks1) Drama um das gescheiterte Hitler-Attentat "Der 20. Juli"1) (1955) mit Wolfgang Preiss als NS-Widerstandskämpfer Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg1). Im gleichen Jahr wirkte sie als Frau des Forstmeister (Horst Braun) in dem TV-Film "Peter Schlemihl"3) an der Seite des die Titelfigur verkörpernden Wolfgang Hinze1) mit, von Hans-Waldemar Bublitz1) in Szene gesetzt nach der Märchenerzählung "Peter Schlemihls wundersame Geschichte"1) von Adelbert von Chamisso1).  Nach langer Pause erschien sie dann noch einmal 1867 mit einer Episodenrolle in der Folge "Der Vertrauensbruch" aus der Serie "Till, der Junge von nebenan"1) auf dem Bildschirm → Übersicht Filmografie.
Vereinzelt betätigte sie sich als Sprecherin beim Hörspiel, so mit der Rolle des Fräulein Berg in dem Stück "Der Mann, der den Kuchen holen wollte"4) (EA: 15.02.1949) von Bruno Wellenkamp (1899 – 1969). Sie wirkte in der Geschichte "Verzeih, ich habe mich verspätet"4) (EA: 23.06.1949) nach der Komödie des französischen Autors André Birabeau (1890 – 1974) mit sowie in der Folge 85 "Die böse Frau Nadler" (EA: 01.04.1961) aus der vom "RIAS Berlin"1) zwischen Ende 1957 und Anfang 1964 ausgestrahlten Reihe "Pension Spreewitz"1) mit dem Untertitel "Kleine Geschichten im großen Berlin " von Thierry1) mit unter anderem mit Edith Schollwer als Ottilie Spreewitz, Inhaberin der "Pension Spreewitz", Klaus Herm als Sohn Peter, Edith Hancke als Tochter Gisela und Ewald Wenck1) als Opa Willi Kurz.
 
Charlotte Ander starb – neun Tage vor ihrem 67. Geburtstag – am 5. August 1969 in Berlin (West). Sie war seit 1941 mit dem Orientteppich-Spezialist und Antiquitätenhändler Werner Grote-Hasenbalg1) (1888 – 1959) verheiratet, wie der Journalist Dr. Hector Feliciano5) in der englischsprachigen Ausgabe (S. 150) des Buches "Das verlorene Museum. Vom Kunstraub der Nazis" ("Aufbau Verlag", Berlin 1998) schreibt.
Quellen (unter anderem)*) **): Wikipedia, cyranos.ch
Fotos bei virtual-history.com
*) Kay Weniger: Zwischen Bühne und Baracke. Lexikon der verfolgten Theater-, Film- und Musikkünstler 1933 bis 1945 (Metropol, Berlin 2008, S. 35/36)
**) Frank-Burkhard Habel und Volker Wachter: Das große Lexikon der DDR-Stars (Berlin 1999, S. 12)
Fremde Links: 1) Wikipedia (deutsch), 2) filmportal.de,  3) Die Krimihomepage, 4) ARD Hörspieldatenbank, 5) Wikipedia (englisch)
Lizenz Fotos Charlotte Ander (Urheber: Alexander Binder/Alexander Schmoll): Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.
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Stummfilme / Tonfilme / Fernsehen
Filmografie bei der Internet Movie Database sowie filmportal.de
(Fremde Links: filmportal.de, cyranos.ch, Wikipedia (deutsch/englisch),  Murnau Stiftung, Die Krimihomepage)
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