Werner Krauß (auch Werner Krauss) wurde am
23. Juni 1884 im oberfränkischen Gestungshausen (Coburger Land)
als Sohn eines Postbeamten geboren; seine Familie entstammte einem alten
Pastorengeschlecht. Anfangs aufgewachsen bei seinem Großvater, kam er 1887
zu seinen Eltern nach Breslau. Zunächst sollte er auf Wunsch seiner Eltern
Lehrer werden, besuchte er ab 1898 die evangelische Präparandenanstalt
in Breslau und ab 1901 das Lehrerseminar im oberschlesischen Kreuzberg.
Doch der junge Krauß hatte andere Pläne, im gleichen Jahr begann er an
einer kleinen Wanderbühne des Erzgebirges als Statist und wurde daraufhin
vom Unterricht suspendiert. Er hatte beschlossen Schauspieler zu werden und
debütierte 1903 am Stadttheater in Guben. Über Magdeburg, Bromberg,
Aachen (ab 1907), Nürnberg (ab 1910), Dresden und München kam
er 1913 an Max Reinhardts "Deutsches Theater" in Berlin. Anfangs
spielte er nur kleinere Rollen, konnte dann aber als Darsteller in
Frank Wedekinds Drama "Musik" erste Erfolge feiern. Während
des ersten Weltkrieges wurde er als Seekadett in Kiel zum Kriegsdienst
berufenen, nach drei Monaten jedoch wieder entlassen.
Foto: Werner Krauß um 1920
Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander
Binder*) (1888 1929)
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Von 1924 bis 1926 gehörte Krauß dem Berliner "Staatstheater" an,
dessen Mitglied er dann wieder zwischen 1931 und 1933 war. Ab 1926 bis 1931
wirkte er am "Deutschen Theater" sowie zur Spielzeit 1928/29 am
Winer "Burgtheater". Unvergessene
Triumphe feierte er unter anderem als "Philipp von Spanien"
in Schillers "Don Carlos", als "Kaiser Rudolf" in
Grillparzers "Bruderzwist", als Shakespeare-Interpret mit seinen
Verkörperungen des "Richard III.", des "Cäsar"
oder des "Jago" in "Othello".
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs stieg Werner Krauß zum bewunderten Theater- und Filmstar auf.
Er verkörperte die großen Figuren des Theaters wie
"Hamlet" oder "Wallenstein", seine besondere Spezialität war aber die Darstellung von Finsterlingen wie
"Mephisto", Franz Moor in "Die Räuber", Jago in "Othello" oder
"Shylock". 1922 spielte er in August Strindbergs "Ein
Traumspiel", den Dekan, den Quarantänemeister, den Kohlenträger, den Polizisten und den Magister. (
) Anfang der
1930er Jahre spielte Werner Krauß am "Deutschen Theater" Berlin in zwei Uraufführungen Rollen,
die zu seinen erfolgreichsten wurden: den Schuster Wilhelm Voigt in der Uraufführung von
"Der Hauptmann von Köpenick" im Stück von Carl Zuckmayer am "Deutschen Theater" in Berlin (1931, Regie: Heinz Hilpert)
und den Matthias Clausen in Gerhart Hauptmanns
"Vor Sonnenuntergang" (Regie: Max Reinhardt). Im September/Oktober 1933 gastierte Krauß mit
"Vor Sonnenuntergang" auch in London (in englischer Sprache). An den verschiedensten Bühnen trat
Werner Krauß als Bruno Mechelke in Gerhart Hauptmanns
"Die Ratten" auf und war auch als Babberley in "Charleys Tante" zu sehen.
Bis 1938 führten ihn Gastspiele regelmäßig nach Amerika, wo er auf New Yorker Bühnen zu sehen war, etwa 1924 in
Max Reinhardts Inszenierung von Karl Vollmoellers Pantomime
"Das Mirakel".
Im Januar 1933 trat Krauß ein Engagement am "Burgtheater" in Wien an. Eine seiner ersten Rollen war der Napoleon in
"Hundert Tage" von Benito Mussolini und Giovacchino Forzano (den er 1934 auch im Film spielte), woraufhin er vom
"Duce" empfangen wurde. Kurz darauf kam es zum Zusammentreffen mit Propagandaminister Joseph Goebbels, der ihn
zum stellvertretenden Präsidenten der Reichstheaterkammer ernannte, er und Hitler etablierten Werner Krauß als wichtigen
Kultur-Repräsentanten des NS-Regimes.
1937 kam es bei den Salzburger Festspielen zur letzten Zusammenarbeit mit dem jüdischen Regisseur Max Reinhardt, in dessen
"Faust"-Inszenierung in der Felsenreitschule Krauß den Mephisto spielte. In Salzburg hatte Krauß bei Reinhardt im
"Jedermann" auf dem Domplatz auch schon den Tod gespielt (1949 spielte er dort den Teufel).1)
Nach dem Ersten Weltkrieg hatte auch sein Aufstieg zum Filmstar begonnen,
der Stummfilm war sein ideales Medium, der Tonfilm reduzierte später sein
dämonisches Genie. In der populären "Stuart Webbs-Serie" konnte
Krauss in der Folge "Die Pagode" (1914) seinen ersten großen
Leinwanderfolg verbuchen, davor lagen jedoch schon fünfzehn Kurzauftritte auf der stummen
Leinwand, es folgten Auftritte in stummen Streifen wie beispielsweise unter
der Regie von Richard Oswald als Daperdutto in "Hoffmanns
Erzählungen" (1916) oder an der Seite von Louise Brooks in Georg Wilhelm Pabsts
"Tagebuch
einer Verlorenen"2) (1918). International bekannt wurde Krauß
dann 1920 mit der Titelrolle in Robert Wienes expressionistischem
Stummfilm "Das
Cabinett des Dr. Caligari"2).
Wiene verfilmte das Drehbuch, nachdem es bei Fritz Lang auf Ablehnung
gestoßen war; das "Cabinett des Dr. Caligari" hatte am
26. Februar 1920 in Berlin Premiere. Schon Monate bevor der Film
anlief, hingen Werbeplakate an allen Litfasssäulen. Die Massen warteten
neugierig auf den Streifen und wurden nicht enttäuscht: Der ganze Film war
in expressionistischen Kulissen aufgenommen worden. Harte Kontraste,
gespenstische Schatten und überschminkte, holzschnittartige Gesichter gaben
dem Horrorfilm die Alptraum-Atmosphäre einer unwirklichen Welt.
Werner Krauß spielt in diesem Film den Dr. Caligari, den Leiter eines
Irrenhauses. Dieser bedient sich, so erzählt es ein Insasse der
Anstalt,
des Somnabulen Cesare (Conrad Veidt), um die Stadt durch Ermordung in
Angst und Schrecken zu versetzen.
Dr. Caligari verkörpert mit seiner kleinwüchsigen und unheimlich wirkenden
Gestalt eine autoritäre Macht3): Auf einem Jahrmarkt
stellt Dr. Caligari den Somnambulen Cesare (Conrad Veidt) aus, der den Zuschauern die
Zukunft voraussagt. Als ein Student, dem er den baldigen Tod voraussagt,
kurz darauf ermordet wird, verdächtigt man Caligari, den hypnotischen
Cesare als Mordinstrument missbraucht zu haben. Eine Hetzjagd beginnt und
endet tragisch. Schließlich stellt sich die ganze Geschichte als
Wahnvorstellung eines Geisteskranken heraus.
In den kommenden Jahren war Krauß in unzähligen, unterschiedlichen Rollen
auf der zunächst noch stummen Leinwand zu sehen, er verkörperte
historische Persönlichkeiten oder spielte in Verfilmungen von
Theaterstücken häufig die gleiche Rolle wie auf der Bühne. So erlebte man
ihn beispielsweise 1921 als Koch des alten Karamasoff in Carl Froelichs
"Die Brüder
Karamasoff"4) nach Fjodor Dostojewskij, im gleichen
Jahr als Robespierre in Dimitri Buchowetzkis "Danton"4),
in Richard Oswalds "Lady Hamilton" verkörperte er
ebenfalls 1921 den Lord William Hamilton. 1922 war er der
Jago in Dimitri Buchowetzkis Filmfassung von "Othello",
spielte die Titelrolle in Manfred Noas "Nathan, der Weise",
1923 sah man ihn als liberalen Hauslehrer Dr. Juettner in
Hans Behrendts "Alt-Heidelberg", als Pontius Pilatus in
Robert Wienes "I.N.R.I." oder als dämonischen Jack
the Ripper in Leo Birinskys "Das Wachsfigurenkabinett"2).
In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre spielte Werner Krauß in
weiteren wichtigen Meilensteinen der deutschen Stummfilmgeschichte.
Klassiker wie Georg Wilhelm Pabsts "Die freudlose
Gasse"2) (1925, mit Krauß als schmierigem Fleischermeister)
oder
"Geheimnisse einer Seele"1) (1926)
sind zu nennen, ebenso wie Friedrich Wilhelm Murnaus
Moliére-Verfilmung "Tartüff"4) (1926)
mit Krauß als "Orgon" und Emil Jannings als "Herr
Tartüff". Martin Berger realisierte mit ihm "Kreuzzug des
Weibes" (1926) und Sternheims "Die Hose"4) (1927),
wo er den Theobald Maske gab, Henrik Galeens "Der Student von
Prag" (1926) zeigte ihn als geheimnisvollen Wucherer Scapianelli
an der Seite von Conrad Veidt und auch die Titelrolle in Lupu Picks "Napoleon auf
St. Helena" (1929) unterstrichen die wichtige Stellung des
Theaterschauspielers im Film.
In den 1930er Jahren tauchte Werner Krauß nur noch selten auf der
Leinwand auf. Er traf auf Joseph Goebbels, der ihn zum
stellvertretenden Präsidenten der Reichstheaterkammer ernannte, etablierte
sich als ein wichtiger Kultur-Repräsentant des NS-Regimes und wechselte
ständig zwischen Hamburg, Berlin und Wien.
In Gustav Ucickys Balzac-Verfilmung "Mensch ohne
Namen"4) (1932) mimte er den
Heinrich Martin, der nach einer Verwundung sein Gedächtnis verloren
hat, war der Napoleon in Franz Wenzlers Hundert Tage" (1935)
oder der Gegenspieler des Titelhelden (Emil Jannings), dem Geheimrat
Virchow, in Hans Steinhoffs "Robert Koch, der Bekämpfer des Todes"4) (1939).
1940 übernahm Krauß die Rolle des Rabbi Loew in Veit Harlans
unsäglichem antisemitischen Hetzfilm "Jud Süß"2) und
korrumpierte damit seinen einsamen Rang als Künstler, lieferte den
tragischen Beweis, dass sein fanatischer Spielwille humanistisches und
politisches Denken ausschaltete und ihn dazu motivierte, sich bedenkenlos zu
verkaufen. Bis Kriegsende agierte Krauß unter anderem in den
Propagandafilmen "Yorck"4) (1931;
Regie: Gustav Ucicky) und "Die
Entlassung"2) (1942, Regie:
Wolfgang Liebeneiner) mit Jannings als "Bismarck" sowie mit
der Titelrolle in Georg Wilhelm Pabsts Biografie "Paracelsus"4) (1943).
Nur die Größe seiner Darstellungskunst ließ Krauß, der sich
offensichtlich mit dem nationalsozialistischen Regime eingelassen hatte,
später wieder Fuß fassen. Nach drei Spruchkammerverfahren wurde
er 1948 als "Minderbelasteter" zu einer Geldstrafe
verurteilt. Danach ging er nach Wien, wo er die österreichische
Staatsbürgerschaft erhielt, und spielte fast ausschließlich am
Burgtheater. Erst 1950 hatte Krauß als "König Lear" in
Recklinghausen einen deutschen Nachkriegsauftritt, bei einer Tournee des
Burgtheaters mit Krauß in der Titelrolle in Ibsens "John
Gabriel Borkmann" kam es im Dezember 1950 in Berlin zu einem
Skandal: Das Gastspiel wurde auf Betreiben des Senats vorzeitig abgebrochen,
da es vor der Aufführung zu Demonstrationen gegen Krauß kam und die
Vorstellungen nur unter Polizeischutz hätte durchgeführt werden können.
1951 erhielt der Mime seine deutsche Staatsbürgerschaft zurück und wurde 1954 mit der Verleihung des
Bundesverdienstkreuzes endgültig rehabilitiert. Zu seinen großen Nachkriegsrollen
auf der Bühne zählen neben dem erwähnten
"König Lear" beispielsweise seine herausragende Darstellung
des Wilhelm Voigt in
Zuckmayers "Der Hauptmann von Köpenick", sowie seine
Hauptrolle des Matthias Clausen in Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenuntergang",
Figuren mit denen er bereits in den 1930er Jahren auf der Bühne brilliert
hatte. Lediglich in drei Kinoproduktionen übernahm er noch einmal Aufgaben
für den Film, so unter der Regie von Curd Jürgens in dem Krimi "Prämien auf den Tod" (1950),
in Harald Brauns unkonventionellen Geschichte "Der Fallende Stern" (1950)
und in Hans Deppes Paul Keller-Adaption "Sohn ohne Heimat" (1955).
Obwohl Krauß im Tonfilm
einige interessante und für ihn typische Aufgaben erhielt,
blieben seine eigentliche Wirkung und Einmaligkeit jedoch auf den Stummfilm beschränkt,
mit Emil Jannings zählt er zu den großen, einmaligen deutschen
Stummfilmstars.
Mit seiner charakterlich facettenreichen Persönlichkeit, war Krauß auch
in komplexen Rollen am besten. Er verkörperte alle großen Figuren der
Weltliteratur mit quälender Besessenheit und geistiger Aggressivität.
Sein Spektrum reichte vom lärmend fidelen Bauern, über heroische
Machtphantome und
die Lorelei besingende, sentimentale Spießbürger, bis zur
krötenhaften Kreatur, die zischelnd über die Szene schleicht.
Oft verkörperte er deshalb gleich mehrere Rollen in einem Film.
"Über den einsamen Rang des Künstlers Krauß gibt es keine Diskussion.
Nur an dem Menschen scheiden sich die Geister", so einmal
Hans Söhnker.5)
Werner Krauß, der drei Mal verheiratet war zuletzt mit
Liselotte Graf starb am 20. Oktober 1959 nach
langem Leiden mit 75 Jahren in Wien und wurde auf dem dortigen
Zentralfriedhof in einem Ehrengrab (Gruppe 32 C, Nummer 22) bestattet. In erster Ehe war
der Schauspieler seit 1908 bis zu deren
Tod im Jahre 1930 mit Paula Saenger verheiratet, der gemeinsame
Sohn Egon wurde 1913 geboren. Danach ehelichte er 1931 die bekannte
Schauspielerin Maria Bard2) (1900 – 1944), die Verbindung
wurde 1940 geschieden. Aus der 1940 geschlossenen Ehe mit
Liselotte Graf stammt Sohn Gregor (geb. 1945).
Neben seiner Ernennung zum "Staatsschauspieler" (1934) erhielt
Krauß weitere Auszeichnungen, so 1938 die "Goethe-Medaille
für Kunst und Wissenschaft"2), 1954 das "Große
Verdienstkreuz des Verdienstordens der BRD" sowie im gleichen Jahr als Nachfolger
von Albert Bassermann vom "Kartellverband deutschsprachiger Bühnenangehöriger"
den "Iffland-Ring"2), den er 1959 an Josef Meinrad
weitergab. 1955 konnte er das "Große Ehrenzeichen Österreichs"
entgegennehmen sowie 1959 kurz vor seinem Tod den "Ehrenring der Stadt
Wien"2).
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