Hannes (Hans) Messemer wurde am 17. Mai 1924 im bayerischen Dillingen an der Donau als Sohn eines Verlagskaufmannes geboren. Nach dem Schulunterricht in mehreren Städten wegen der häufig wechselnden Wohnsitze seiner Eltern machte er 1942 sein Notabitur und wurde dann als Fahnenjunker zum Wehrdienst eingezogen. Wegen Befehlsverweigerung verurteilte man ihn zu fünfeinhalb Jahren Haft von der er nach sechs Monaten zwar begnadigt, stattdessen aber nach Stalingrad versetzt wurde. Kurz vor Kriegsende geriet er als angeblicher Partisan in russische Kriegsgefangenschaft und wurde zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, konnte jedoch während des Transports mit anderen Gefangenen fliehen. Zunächst schlug er sich als Kellner und Buchhalter durch, begann auch zu schreiben, bevor er sich als Schauspieler versuchte.
Er wurde zunächst Mitglied einer Wanderbühne und ging dann an das Schauspielhaus Hannover. Ohne eigentliche Ausbildung etablierte er sich als gefragter Charakterdarsteller an vielen deutschen Bühnen; seine wichtigsten Theaterstationen waren das Schauspielhaus Bochum, wo er von 1950 bis 1960 arbeitete, sowie die "Münchner Kammerspiele".
Messemer gehörte zu den renommierten Charaktermimen auf deutschsprachigen Bühnen, so brillierte er beispielsweise mit der Titelrolle in Frank Wedekinds "Marquis von Keith", als Gratiano in Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig", als Götz in Sartres "Der Teufel und der liebe Gott", als Petrucchio in Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" oder als Kilroy in Tennessee Williams' "Camino Real"; zu einer seiner Glanzrollen zählte der Mackie Messer in Brechts "Die Dreigroschenoper" oder die Titelrolle in Shakespeares "Macbeth".
 
Foto: Hannes Messemer als Richard Wagner
in einer Dokumentation (1983) über den Komponisten
Das Foto wurde mir freundlicherweise von der Fotografin Virginia Shue (Hamburg) zur Verfügung gestellt. Das Copyright liegt bei Virginia Shue.
Hannes Messemer als Richard Wagner; Copyright Virginia Shue
Obwohl Messemer bereits 1952 als Henry Ford I. in der langen, mit Spielfilmszenen versetzten Dokumentation über die Entwicklung des Automobils ("Vor hundert Jahren begann es") mitgewirkt hatte, dauerte es noch einige Zeit, bis der Film auf den Schauspieler aufmerksam wurde. Klare Diktion und exakte Körpersprache begünstigten Messemers Disposition für harte und radikale, vielfach unsympathische , aber auch ironisch-distanzierte, zynische Männerfiguren und bestimmten sein qualitativ hervorragendes, wenn auch schmales Filmrollenverzeichnis. Mit der ersten eigentlichen Spielfilmrolle, dem bigotten, schwächlichen Buchdrucker August Keil, betraute ihn 1957 Wolfgang Staudte in der Gerhart Hauptmann-Adaption "Rose Bernd"1) an der Seite von Maria Schell; für seine Darstellung erhielt der Schauspieler auf Anhieb den "Bundesfilmpreis" als "Bester Nebendarsteller".
Messemers sofortiger Erfolg führte dazu, dass ihm eine Anzahl ähnlich labiler, zumeist abstoßender Rollen mit intellektuellem Habitus übertragen wurden, durch deren präzise Interpretation er in die erste Reihe deutscher Filmschauspieler vorrückte. Für seine Verkörperung des skrupellos-ehrgeizigen SS-Gruppenführer Rossdorf in Robert Siodmaks beklemmendem Krimi "Nachts, wenn der Teufel kam"2) (1957) erhielt er wiederum den "Bundesfilmpreis", diesmal als "Bester Hauptdarsteller". Auch sein eifersüchtig-bösartiger Oberleutnant Markow im sowjetischen Kriegsgefangenlager in Géza von Radványis Streifen "Der Arzt von Stalingrad" (1958) oder seine Rolle in Wolfgang Liebeneiners Drama "Taiga"1) (1958) prägte sich dem breiten Publikum ein.
  
Während positive Figuren wie der zurückhaltend liebende Sergeant Robert Altmann, hinter dessen vorgegebener Unkollegialität sich ein echter Kamerad verbirgt, in Christian-Jaques "Madeleine und der Legionär"2) (1958, mit Hildegard Knef) eine Ausnahme blieb, setzte Messemer 1959 mit seinem Agenten Braun in dem Krimi "Menschen im Netz"1) und seinem US-Fliegerleutnant Bill Robsson in dem Melodram "Ein Tag, der nie zu Ende geht"2) (1959) unter der Regie von Franz Peter Wirth die Serie schillernder Männergestalten fort.
Auch in internationalen, vor allen im französischen und italienischen Produktionem wurde er bevorzugt in deutschen Offiziersrollen eingesetzt. Rosselini ließ ihn in "Der falsche General" (1959, Il Generale della Rovere) einen SS-Offizier spielen und John Sturges einen Wehrmachts-Offizier in "Gesprengte Ketten" (1963, The Great Escape). Messemer zeigte sich als General von Arenberg in Christian-Jaques Komödie "Babette zieht in den Krieg" (1959, Babette s'en va-t-en guerre) und als Generaloberst Alfred Jodl2) (1890 – 1946) überzeugte er in René Clements hochkarätig besetztem Kriegsstreifen "Brennt Paris?" (1966, Paris brűle-t-il?). Eine starke filmische Darstellung ist wohl sein Fotoreporter in Michael Kehlmanns "Brücke des Schicksals" (1960). In diesem Psychogramm gestaltete Messemer minutiös die pathologische Entwicklung eines von Minderwertigkeitsgefühlen geplagten Voyeurs zum haltlosen Mörder, der sich selbst zerstört. Die kalten und harten Charaktere lagen ihm besonders. Gerade weil es ihm gelang, jede Rolle geistig und individuell zu durchdringen, sind auch seine geschmeidig-abgefeimten und skrupellosen Gestalten, die politischen und die alltäglichen Bösewichte, von einzigartiger Eindringlichkeit. Seine asketische Erscheinung und die heisere Stimme trugen dazu nicht unwesentlich dazu bei.3)
 
In den 1960er Jahren trat der Schauspieler überwiegend nur noch im Fernsehen auf, wo er auch in Serien und Einzelproduktionen mitwirkte, außerdem widmete er sich verstärkt seiner Arbeit am Theater. Mit sporadischen Gastauftritten in populären Krimiserien wie "Die fünfte Kolonne" oder "Polizeiinspektion 1" ist er beispielsweise auch als schurkisch-zwielichtiger "Onkel Silas"4) (1977) in dem von Wilhelm Semmelroth inszenierten gleichnamigen Zweiteiler in Erinnerung geblieben. Wegen eines Kehlkopfleidens wurde es ab Mitte der 1980er Jahre ruhiger um den sympathischen Schauspieler, der durchgängig als sensibler, humorvoller Künstler ohne Starallüren bezeichnet wurde. Seit Ende der 80er Jahre hatte er sich von allen Verpflichtungen zurückgezogen; in dem von Rolf Hädrich in Szene gesetzten TV-Spiel "Langusten" sah man ihn 1989 an der Seite von Agnes Fink zum letzten Mal im Fernsehen. Zu einer dieser seltenen Fernsehauftritte der 1980er Jahre zählt 1983 die Rolle des Richard Wagner in einer Dokumentation über den großen Komponisten; Cosima Wagner wurde darin von der Wagner-Urenkelin Daphne Wagner2) verkörpert.   
Hannes Messemer starb am 2. November 1991 völlig unerwartet an Herz- und Kreislaufversagen in Aachen; seine letzte Ruhestätte fand er auf dem dortigen Westfriedhof.
Er war vier Mal verheiratet, unter anderem von 1952 bis 1977 mit der Schauspielerin Rosl Schäfer; aus dieser Ehe stammt die 1961 geborene Tochter Bettina. Im Januar 1980 heiratete Messemer die 16 Jahre jüngere Schauspielerin Susanne Korda, mit der er bereits viele Jahre zusammen gelebt hatte. Nur ein Jahr später reichte Susanne Korda die Scheidung ein. 1985 ging der Schauspieler die Ehe mit der Finanzbeamtin Monika Keusch ein.
  
Link: 1) Murnau Stiftung, 2) Wikipedia, 4) Die Krimihomepage
Quelle: 3) "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf Heinzelmeier/Berndt Schulz (Ausgabe 2000, S. 241)
Textbausteine des Kurzportraits aus:
"Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf Heinzelmeier/Berndt Schulz (Ausgabe 2000, S. 241)
Siehe auch Wikipedia
  
Kinofilme
Filmografie bei www.imdb.de
(Link: Murnau Stiftung, Wikipedia)
  • 1960: Die Rote Hand
  • 1960: Die Brücke des Schicksals
  • 1960: Auf Engel schießt man nicht
  • 1962: Liebe im September
  • 1961: Der Transport
  • 1963: Gesprengte Ketten (The Great Escape)
  • 1963: Mord am Canale Grande (Agent spécial ŕ Venise)
  • 1966: Lautlose Waffen (L'espion)
  • 1966: Grieche sucht Griechin
  • 1966: Der Kongreß amüsiert sich (Le congrčs s’amuse)
  • 1966: Brennt Paris? (Paris brűle-t-il?)
  • 1974: Die Akte Odessa (The Odessa File)
  • 1974: Wer stirbt schon gerne unter Palmen?
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