Otto Gebühr wurde am 29. Mai 1877 im nordrhein-westfälischen Kettwig/Ruhr (heute Essen-Kettwig) als Sohn des Kaufmanns Otto Gebühr und dessen Frau Fanny Mathilde (geb. Moll) geboren. Sein Vater verstarb früh, Otto wuchs gemeinsam mit seinem Bruder in Hülsenbusch bei Gummersbach auf, später in Köln, wo die Mutter anfangs als Näherin die Familie ernährte, dann eine Pension für Schülerinnen des Musikkonservatoriums leitete. Gebühr besuchte in Köln die Bürgerschule, ab 1897 die Realschule und ab 1890 das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, anschließend absolvierte er auf Wunsch seiner Mutter eine kaufmännische Lehre.
Doch sein Interesse galt mehr der Schauspielerei und so schloss er sich nach wenigen Monaten Schauspielunterricht einer Wanderbühne an und sammelte erste Erfahrungen als Darsteller. Über das Görlitzer Stadttheater, wo er zwischen 1896 und 1897 ein erstes, kurzes Engagement erhielt, kam der junge Schauspieler ein Jahr später an das königliche Hoftheater in Dresden und gehörte dort bis 1908 zum Ensemble. Daneben ging der musisch vielseitig begabte Künstler auf Tournee, unter anderem für vier Monate nach Amerika, und widmete sich der Malerei. Ab 1909 spielte er dann in Berlin am Lessingtheater, zwischen 1912 und 1914 am Theater in der Königgrätzer Straße und dann ab 1917 am Deutschen Theater Berlin bei Max Reinhardt. Während des 1. Weltkrieges war Gebühr als Kriegsfreiwilliger bei dem 3. Garde-Feldartillerie-Regiment eingezogen und brachte es dort bis zum Leutnant.
 
Foto: Otto Gebühr um 1928
Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder*) (1888 – 1929)
Quelle: Wikipedia bzw. Wikimedia Commons; Ross-Karte Nr. 1061/2
Lizenz: Die Schutzdauer (von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers) für das von dieser Datei gezeigte Werk ist nach den Maßstäben des deutschen, des österreichischen und des schweizerischen Urheberrechts abgelaufen. Es ist daher gemeinfrei.
*) Link: Wikipedia
Otto Gebühr um 1928; Urheber bzw. Nutzungsrechtinhaber: Alexander Binder (1888 – 1929); Quelle: Wikipedia bzw. Wikimedia Commons; Ross-Karte Nr. 1061/2; Lizenz: Die Schutzdauer (von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers) für das von dieser Datei gezeigte Werk ist nach den Maßstäben des deutschen, des österreichischen und des schweizerischen Urheberrechts abgelaufen. Es ist daher gemeinfrei.
Mit dem Stummfilm kam Otto Gebühr bereits 1913 in Kontakt, übernahm Komparsenrollen und wurde ab 1917 mit kleineren Nebenrollen besetzt. Auf Vermittlung des Schauspielers und Filmregisseurs Paul Wegener (1874 – 1948) gab ihm 1920 der Regisseur Carl Boese in dem Stummfilm "Die Tänzerin Barberina" die Rolle des Preußenkönigs Friedrich II. (1712 – 1786), mit der Gebühr der schauspielerische Durchbruch auch auf der Leinwand gelang. Die unverkennbare physiognomische Ähnlichkeit Gebührs mit Friedrich II. in Adolph von Menzels Gemälde "Flötenkonzert in Sanssouci" (1852) prädestinierte ihn geradezu für die Rolle, auch wenn Menzels Portraitierung des Preußenkönigs historisch nicht belegt ist.
Fortan wurde Gebühr auf die Verkörperung Friedrichs II. in 16 Spielfilmen, von denen eine Reihe politisch umstritten sind, sowie zahlreichen Bühnenauftritten festgelegt. Gebühr war sowohl schauspielerisch als auch optisch derart überzeugend, dass er "der" Darsteller schlechthin für Friedrich II. und die preußische Zeit wurde. In den kommenden Jahren verkörperte er diese historische Figur beispielsweise zwischen 1920 und 1923 in dem von Arzén von Cserépy in Szene gesetzten stummen Vierteiler "Fridericus Rex" (1. Teil: Sturm und Drang, 2. Teil: Vater und Sohn, 3. Teil: Sanssouci, 4. Teil: Schicksalswende), dann 1926 in "Die Mühle von Sanssouci", 1928 in dem letzten "stummen" Film, Gerhard Lamprechts Zweiteiler "
Der Alte Fritz"1). Zwei Jahre später folgte Gustav Ucickys "Das Flötenkonzert von Sanssouci"1), 1932 Friedrich Zelniks "Die Tänzerin von Sanssouci" an der Seite von Lil Dagover und Hans Stüwe.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme ließ sich Gebühr bereitwillig in die Propagandamaschinerie einspannen und gab weiterhin in zahlreichen NS-Filmen und Auftritten den "ersten Nationalsozialisten", wie Propagandaminister Joseph Goebbels Friedrich II. bezeichnete. In dem Historienfilm "Fridericus"1) (auch: "Der alte Fritz") stand er 1936 unter anderem neben Lil Dagover (Marquise de Pompadour), Käthe Haack (Maria Theresia) und Hilde Körber (Wilhelmine, Friedrichs Schwester) vor der Kamera und erzielte einen seiner größten Publikumserfolge. Letztmalig glänzte Gebühr 1942 mit dieser Paraderolle: Veit Harlans kriegerisches Durchhalteepos "Der große König"1) zeigte Friedrich II. in seiner schwersten Krise im Siebenjährigen Krieg, die er, von allen Getreuen verlassen, am Ende doch erfolgreich meisterte. Gebühr gab in diesem Film wohl am eindrucksvollsten den einsamen und unbeugsamen König, der nur Sieg oder Untergang kennt. Der deutschen Bevölkerung sollte im dritten Jahr des 2. Weltkrieges anhand dieser "glorreichen" Epoche der preußischen Geschichte Pflichterfüllung, Durchhaltewillen, Schicksalsergebenheit, bedingungsloses Führertum und Gefolgschaftstreue bis in den Tod vor Augen geführt werden.
 
Foto: Otto Gebühr als König Friedrich, Regent von Preußen
in "Der Große König"
1), einem Historienfilm aus dem Jahre 1942
  
Foto mit freundlicher Genehmigung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
Otto Gebühr als König Friedrich, Regent von Preussen in "Der Grosse König", einem Historienfilm aus dem Jahre 1942; Foto mit freundlicher Genehmigung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
Je nach politischen Zeitumständen wurde der Schauspieler damit also zu einem volkstümlichen Nationalsymbol oder zu einer chauvinistischen Heldengestalt. In der Weimarer Republik, in der Gebühr zu einem der renommiertesten Film- und Theaterschauspieler avancierte, betrieb er im Kostüm Friedrichs II. Wahlpropaganda für rechte Parteien. Der entstehende "Gebühr-Kult" setzte den Schauspieler mit dem Preußenkönig gleich und feierte ihn als Inkarnation heroischen Preußentums. Die Beschwörung dieser "glanzvollen" Epoche preußisch-deutscher Geschichte diente konservativen und radikalen Rechten zur Aufwertung des Selbstwertgefühls nach der "Schmach" des Versailler Vertrags.
Propagandaminister Goebbels ernannte Gebühr 1938 zum "Staatsschauspieler" und damit stand Gebühr auf dem Höhepunkt seiner Karriere, war neben Heinz Rühmann, Hans Albers und Heinrich George einer der bestverdienenden und berühmtesten deutschen Schauspielgrößen.
In seinen zahllosen, weniger bekannten Filmen gab Otto Gebühr jedoch durchaus auch andere Gestalten, wie Kapitäne, Wucherer, kleine Schreiber oder sogar Komödianten. Bis zum Zusammenbruch des NS-Regimes trat er in leichten Unterhaltungsfilmen auf, wie beispielsweise 1943 in "Immensee" als Vater Jürgens oder in "Die goldene Spinne", Filme, die die Bevölkerung von den Schrecken des Krieges ablenken sollten. Der Film "Der Erbförster" erlebt seine Uraufführung kurz vor der deutschen Kapitulation noch im April 1945.
Daneben waren es maritime Fahrensleute, die er wiederholt darstellte: in "Schiffe und Menschen" (1920) und "Neuland" (1923/24), "In Treue stark" (1926) und "Scapa Flow" (1929/30). Nur selten war es ihm gestattet, jenseits eindimensionierter Folien aus Historie und Seefahrts-Romantik Charaktere vorzuführen: etwa als "Gobseck" in der gleichnamigen Balzac-Adaption (1923) und in der Doppelrolle als Schneider und Fürst in Berthold Viertels "Die Perücke" (1924). Seine komödiantischen Fähigkeiten zu beweisen, gelang ihm im Tonfilm, in Nebenrollen als Prilop in "Casanova heiratet" (1939), als Dorfschullehrer in "Viel Lärm um Nixi" (1941). (Quelle: CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film)
  
Nach Kriegsende wurde Gebühr von den Alliierten mit einem Auftrittsverbot belegt, ihm wurde nationalsozialistische Interessenpolitik vorgeworfen, einige seiner Filme wurden indiziert. Nach seiner Entnazifizierung kehrte Gebühr 1947 an der Seite Lil Dagovers in Anton Tschechows "Der Kirschgarten" an der "Berliner Komödie" auf die Bühne zurück. Ab Anfang der 50er Jahre unternahm er Gastspielreisen und bereicherte mit profilierten Chargenrollen den deutschen Film: Er gab kauzige Gesellen und heiter vergreiste Eigenbrötler in Heimatfilmen und letztmalig sah man ihn 1954 als alten Gärtner Jakob in "Rosen-Resli" neben der blutjungen Christine Kaufmann auf der Leinwand.
  
Otto Gebühr starb am 13. März 1954 im Alter von 76 Jahren in Wiesbaden an einem Herzschlag. Er hinterließ Tochter Hilde Gebühr2) (geb. 1912) aus seiner 1910 geschlossenen Ehe mit Cornelia Bertha Julius, die ebenfalls den Schauspielerberuf ergriff. Sohn Michael (geb. 1942) stammt aus seiner zweiten Ehe mit der Schauspielerin Doris Krüger, mit der Gebühr zwischen 1942 und 1950 verheiratet gewesen war. Michael Gebühr stand in den 1950er Jahren für einige Kinoproduktionen vor der Kamera, machte sich jedoch später als Wissenschaftler und Archäologe, vor allem als "Moorleichen"-Experte einen Namen; bis 2007 war Professor Dr. Michael Gebühr2) an der Universität Hamburg als Privatdozent für Vor- und Frühgeschichte tätig, seit 1976 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dezernent für die Eisenzeit am Archäologischen Landesmuseum Schloss Gottorf in Schleswig; seit August 2007 ist Michael Gebühr im Ruhestand.
  
Link: 1) Murnau-Stiftung, 2) Wikipedia
Textbausteine des Kurzportraits stammen  aus dem "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf  Heinzelmeier/Berndt Schulz,
sowie von der Seite des LeMO-Projekts (Deutsches Historisches Museum

Siehe auch Wikipedia, www.cyranos.ch
Fotos bei film.virtual-history.com
   
Kinofilme
Filmografie bei www.imdb.de
(Link: Wikipedia, Murnau Stiftung)
1917: Der Richter
1918: Die Vase der Semiramis
1919: Der Flimmerprinz
1919: Das Mädchen aus der Ackerstrasse
1920: Der Golem, wie er in die Welt kam (→ Murnau Stiftung)
1920: Drei Nächte
1920: Abend – Nacht – Morgen
1920: Die Tänzerin Barberina
1921: Der Schrecken der roten Mühle
1922: Fridericus Rex (→ Fridericus Rex-Filme bei Wikipedia)
1923: Das Brennende Geheimnis
1924: Die Perücke
1925: Leidenschaft
1926: Die Mühle von Sanssouci (→ Fridericus Rex-Filme bei Wikipedia)
1928: Waterloo
1928: Der Alte Fritz (→ Fridericus Rex-Filme bei Wikipedia)
1930: Le Roi des aulnes
1930: Das Flötenkonzert von Sans-souci (→ Fridericus Rex-Filme bei Wikipedia)
1931: Der Erlkönig
1932: Die Tänzerin von Sans Souci (→ Fridericus Rex-Filme bei Wikipedia)
1933: Der Choral von Leuthen (→ Fridericus Rex-Filme bei Wikipedia)
1936: Fridericus (→ Fridericus Rex-Filme bei Wikipedia)
1937: Das Schöne Fräulein Schragg (→ Fridericus Rex-Filme bei Wikipedia)
1938: Frauen für Golden Hill
1938: Nanon
1939: Die Barmherzige Lüge
1939: Casanova heiratet
1940: Bismarck (→ Murnau Stiftung)
1941: Kopf hoch, Johannes (VB-Film)
1942: Viel Lärm um Nixi
1942: Der Große König (→ Fridericus Rex-Filme bei Wikipedia)
1943: Fritze Bollmann wollte angeln
1943: Wenn der junge Wein blüht
1943: Die Goldene Spinne
1943: Immensee
1943: Nacht ohne Abschied
1943/44: Der Erbförster
1947: …und über uns der Himmel
1949: Der Bagnosträfling
1949: Anonyme Briefe
1950: Die Lüge
1950: Melodie des Schicksals
1951: Sensation in San Remo
1951: Wenn die Abendglocken läuten
1951: Dr. Holl
1951: Das Ewige Spiel
1951: Unsterbliche Geliebte (Siehe Fridericus Rex-Filme)
1951: Grün ist die Heide
1951: Stips
1952: Fritz und Friederike
1952: The Devil Makes Three
1952: Wenn abends die Heide träumt
1952: Oh, du lieber Fridolin
1952: Mein Herz darfst du nicht fragen
1952: Tausend rote Rosen blüh'n
1953: Die Gefangene des Maharadscha
1953: Meines Vaters Pferde
1953: Vati macht Dummheiten
1953: Straßenserenade
1953: Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein
1953: Die Blaue Stunde
1953: Hab' Sonne im Herzen
1954: Der Mann meines Lebens
1954: Sauerbruch – Das war mein Leben (→ Murnau Stiftung)
1954: Sterne über Colombo
1954: Rosen-Resli
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