Edith Schollwer wurde am 12. Februar 1904 in Berlin geboren;
bevor sie zu einer populären Schauspielerin und Kabarettistin
avancierte, hatte sie sich im Gesang ausbilden lassen, feierte ab Ende
der 1920er Jahre erste Erfolge als Soubrette an Berliner Bühnen und
Kabaretts. Bald verkörperte sie alle großen Rollen ihres Fachs, sang
die klassischen Partien der Operette wie die
"Adele" in der "Fledermaus". Der legendäre Gustaf Gründgens1)
(1899 1963) holte sie für seine Kabarett-Revue
"Alles Theater" und auch an den Berliner Sprechtheatern war sie bald vielbeschäftigt.
1928 trat die junge Schollwer in der Eröffnungsrevue im
"Haus Vaterland"2) am Leipziger Platz in "Hereinspaziert!"
auf, später kam der Hörfunk, wo sie unter anderem in der Reihe
"Die Buchholzen" populär wurde. Ungeheuer berühmt wurde Edith Schollwer dann vor
allem nach dem 2. Weltkrieg als Mitglied der
legendären "Insulaner"2), einem Rundfunk-Kabarett des RIAS Berlin, welches von 1948 bis 1964
ausgestrahlt wurde. Das von ihr gesungene programmatische Einführungslied
"Der Insulaner verliert die Ruhe nicht" wurde zu einem Markenzeichen dieses von
Günter Neumann2)
(1917 1972)
ins Leben gerufenen, ungemein populären Kabaretts,
das und vor allem die Ost-West-Auseinandersetzung beinhaltete und mit Bruno Fritz1)
(1900 1984), Tatjana Sais2)
(1910 1981), Walter Gross1)
(1904 1989) und Ewald Wenck2)
(1891 1981) weitere prominente Mitglieder hatte.
Foto: Gastspiel der "Insulaner" Ende September 1956 im Bonner "Metropol"-Kino2)
Von links nach rechts: Edith Schollwer, Ewald Wenck, Tatjana Sais
Quelle: Deutsches
Bundesarchiv, Digitale
Bilddatenbank, B 145 Bild-F004069-0008;
Fotograf: Teske / Datierung: 27.09.1956 / Lizenz CC-BY-SA 3.0.
Genehmigung des Bundesarchivs zur Veröffentlichung innerhalb dieser Webpräsenz
wurde am 11.10.2010 erteilt.
Originalfoto und Beschreibung:
Deutsches Bundesarchiv B
145 Bild-F004069-0008 bzw. Wikimedia
Commons |
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Zum Film kam Edith Schollwer in den 1930er Jahren, bereits 1931
hatte sie in dem Streifen "Student sein, wenn die Veilchen blühen"
eine kleine Nebenrolle gespielt; 1937 agierte sie als Carlotta
in der Filmversion der Operette "Gasparone" auf der
Leinwand, war dann jedoch erst wieder im Nachkriegsfilm 1951 in "Unschuld in tausend Nöten"
zu sehen. Im Unterhaltungskino der 1950er Jahre mimte sie zahlreiche,
meist komische Rollen in Filmen wie "Der Fürst von
Pappenheim" (1952), "Pension Schöller"2) (1952),
"Der Vetter aus Dingsda" (1953) oder "Vater sein dagegen sehr"2) (1957),
konnte aber auch mit kleineren Parts in ambitionierten Literaturadaptionen
wie Robert Siodmaks Gerhart Hauptmann-Adaption "Die
Ratten"2) (1955) überzeugen. In den 1960er und 70er Jahren war
die Künstlerin sowohl in Kino- als auch
in Fernsehproduktionen zu sehen, spielte unter anderem 1973 an der Seite von
Theo Lingen beeindruckend die Hauptrolle der Theaterinhaberin
"Mutter Gräbert" in "So'n Theater", das Thomas Engel nach
dem Stück von Curth Flatow für das Fernsehen inszeniert
hatte. Ende der 80er Jahre erlangte Edith Schollwer noch einmal
ungeheure Popularität durch ihre Rolle der kapriziösen, aber patenten
Oma Käthe Wichert, die sich in der beliebten TV-Familienserie
"Die Wicherts von nebenan"2) in alles einmischte; ihren letzen
Leinwandauftritt hatte Edith Schollwer 1990 in Sabine Eckhards
Kurzfilm "Kaffeeklatsch".
Daneben stand die Schauspielerin auch nach Kriegsende regelmäßig auf Berliner Bühnen und
begeisterte mit ihrer unverwechselbaren Art, einer typischen Berliner Verbindung von
"Mundwerk mit Herz", mit Witz und Charme bei zahlreichen Gastspielreisen und
Tourneen das Publikum.
Edith Schollwer, die bis zu dessen Tod im Jahre 1974 mit dem Kammersänger Carl Jöken
verheiratet war, starb am 1. Oktober 2002 mit 98 Jahren in ihrer
Geburtstadt Berlin, wo sie zuletzt in einem Altersheim gelebt hatte;
ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem Berliner Friedhof Heerstraße.
Anlässlich der Trauerfeier zum Tode von Edith Schollwer
würdigte der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses Walter Momper2) am 11. Oktober 2002 die
Künstlerin mit den Worten: "In einer Zeit, als alles, was hier in Berlin geschah,
zu Politik wurde, hat auch Edith Schollwer Politik gemacht: mit dem Lied, das mehr
als 130 Mal die RIAS-Sendung
"Günter Neumann und seine Insulaner" einleitete. Es traf die Menschen mitten ins Herz.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1948, während der Blockade West-Berlins
durch die damalige Sowjetunion, erklang dieses Lied zum ersten Mal aus den
Rundfunklautsprechern in Ost und West, denn der RIAS wurde in ganz Deutschland gehört:
Der Insulaner verliert die Ruhe nicht, der Insulaner liebt keen Jetue nicht,
der Insulaner hofft unbeirrt, dass seine Insel wieder'n schönes Festland
wird! Das Lied wurde zur Berlin-Hymne jener Jahre. Es war das Lied der Berliner,
und Edith Schollwer sang es immer wieder so ausdrucksvoll und überzeugend,
dass jeder spürte, dass es auch ihr Lied war: das Lied und die Hoffnung der
Berlinerin Edith Schollwer. (
) Edith Schollwer war vielen ihrer
Kollegen von Film, Fernsehen, Bühne und Rundfunk auch persönlich verbunden.
Als sie sich längst zurückgezogen hatte, bis zuletzt, haben prominente Künstler
und Autoren sie besucht und den Kontakt zu ihr aufrechterhalten. Das ist
nicht selbstverständlich, und dafür gebührt ihnen in dieser Stunde des Abschieds unser Dank."
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