Lucie Mannheim wurde am 30. April 1899 in Berlin geboren und stammte aus einem berlinisch-jüdischen Familie, die in Berlin-Köpenick wohnte; die Ausbildung zur Schauspielerin erhielt sie an der "Reicherschen Hochschule für dramatische Kunst" in Berlin. Ihr Theaterdebüt gab sie im baltischen Libau, wo sie unter anderem als ständige Partnerin von Conrad Veidt1) (1893 – 1943) auf der Bühne stand, weitere Verpflichtungen führten die junge Schauspielerin über Königsberg (1916) nach Berlin. Zunächst arbeitete sie an der "Freien Volksbühne", wo sie den Regisseur Jürgen Fehling2) (1885 – 1968) kennen lernte, der sie auch dazu ermunterte, selbst Regie zu führen. Mit Fehling blieb sie über Jahre auch privat eng verbunden, ging mit ihm in Berlin an das "Königliche Schauspielhaus", wo um 1923 ihre große Popularität als volkstümliche Schauspielerin mit Alt-Berliner Lokalpossen, aber auch ihre Filmkarriere begann.
Lucie Mannheim mit Guido Herzfeld und Eduard Rothauser in dem Drama "Die armseligen Besenbinder" von Carl Hauptmann 1918 an der Berliner "Volksbühne"; Urheber: Fotoatelier "Zander & Labisch" (Albert Zander u. Siegmund Labisch2) (1863–1942)); Quelle: www.cyranos.ch Eigens für sie komponierte Walter Wilhelm Goetze2) (1883 – 1961) das Singspiel "Henriette Sonntag" (1929), inspiriert vom Leben der Berliner Sängerin Henriette Sonntag1) (1806 – 1854), genannt "Die göttliche Jette". Zwei Jahre später wurde dann diese "Posse mit Musik" in einer Neufassung unter dem Titel "Die göttliche Jette" aufgeführt und später 1937 mit Grethe Weiser in der Titelrolle auch erfolgreich verfilmt. Auftritte im Kabarett bei Rudolf Nelson2) (1878 – 1960) und in den satirischen Revuen von Friedrich Hollaender2) (1896 – 1976) trugen zur Beliebtheit von Lucie Mannheim bei. Auf der Bühne unvergessen bleiben jedoch vor allem ihre Verkörperungen dramatischer Frauenfiguren, so die Titelheldinnen in Ibsens "Nora oder ein Puppenheim", Shakespeares "Romeo und Julia" und Heinrich von Kleists "Das Käthchen von Heilbronn". Auch als Dienstmädchen Pauline Piperkarcka in Hauptmanns Tragikomödie "Die Ratten", als Zofe Franziska in Lessings Lustspiel "Minna von Barnhelm" oder als Marie in Büchners Dramenfragment "Woyczek" wusste sie zu überzeugen.
 
 
Foto: Lucie Mannheim mit Guido Herzfeld
2) und Eduard Rothauser2)
in dem Drama "Die armseligen Besenbinder" von Carl Hauptmann
2)
1918 an der Berliner "Volksbühne"; Regie: Paul Legband
2)
Urheber: Fotoatelier "Zander & Labisch" (Albert Zander u. Siegmund Labisch2) (1863–1942))
Quelle: www.cyranos.ch; Angaben zur Lizenz siehe hier
Zwar blieb die Bühne Lucie Mannheims eigentliche Domäne, doch sie machte bereits 1918 bzw. 1920 mit "Zwischen zwei Welten" (1918) und "Jungmädchenstreiche" (1920) Ausflüge auf die noch stumme Leinwand. 1923 zeigte sie sich unter der Regie von Georg Wilhelm Pabst als Glockengießertochter in dessen Streifen "Der Schatz"2), stand für Friedrich Wilhelm Murnaus verschollenes Bauerndrama "Die Austreibung"3) (1923) vor der Kamera. Es folgten die Stummfilme "Der steinerne Reiter"3) (1923) und "Die Prinzessin Suwarin"3) (1923), Ende der 1920er Jahre drehte sie mit "Atlantik"2) (1929; über den Untergang der "Titanic") ihren ersten Tonfilm. In "Danton"2) (1931) konnte sie sich neben Fritz Kortner (Danton) und Gustaf Gründgens als junge gefangene Louise Gély beweisen, Wilhelm Thiele übertrug ihr an der Seite von Reinhold Schünzel die Rolle der Jeanne Kampf in der heiteren Geschichte "Der Ball" (1931) und in Hans Steinhoffs Remake "Madame wünscht keine Kinder" (1933) wirkte sie mit der Rolle der Luise an der Seite von Liane Haid und Georg Alexander zunächst für viele Jahre letztmalig in einer deutschen Kinoproduktion mit.
 
 

Foto: Lucie Mannheim auf einem Sammelbild aus der Serie
"Bühnenstars und ihre Autogramme", die 1933 den
"Gold-Saba"-Zigaretten der "Garbaty"-Zigarettenfabrik beilagen.
Urheber: Fotoatelier "Zander & Labisch" (Albert Zander u. Siegmund Labisch2) (1863–1942))
Quelle: film.virtual-history.com; Angaben zur Lizenz siehe hier

Lucie Mannheim auf einem Sammelbild aus der Serie "Bühnenstars und ihre Autogramme", die 1933 den "Gold-Saba"-Zigaretten der "Garbaty"-Zigarettenfabrik beilagen. Urheber: Fotoatelier "Zander & Labisch"  (Albert Zander u. Siegmund Labisch) (1863–1942)); Quelle: www.virtual-history.com
1933 erhielt Lucie Mannheim aufgrund der sogenannten "Arier-Bestimmungen" keine Vertragverlängerung am "Berliner Staatsschauspiel" und trat daher zunächst an privaten Berliner Theatern auf. Bemühungen Görings, die Jüdin Lucie Mannheim trotz ihres "rassischen Fehlers", wie es im Nazi-Jargon hieß, dem Theaterleben zu erhalten, hinderten die Schauspielerin nicht daran, wenig später über die Tschechoslowakei nach Großbritannien zu emigrieren. Dort setzte sie ihre Arbeit für das Theater und den Film fort, wirkte unter anderem als Spionin Miss Annabelle Smith in dem raffinierten Hitchcock-Thriller "Die 39 Stufen"2) (1935, The 39 Steps) mit. 1936 spielte sie in Herbert Masons romantischem Drama "East Meets West" die Marguerite Carter, war die Diana Cloam in dem Kriegsdrama "The High Command" (1936) oder die Madame Orlock in dem Thriller "Yellow Canary" (1943). 1943 erlebte man sie in Humphrey Jennings' Kurzfilm "The True Story of Lilli Marlene", im gleichen Jahr sang sie das Lied "Lilli Marleen" in einer Anti-Hitler-Persiflage2) im BBC, wurde unter dem Pseudonym "Charles Richardson" als Rundfunk-Kommentator der BBC auch in Deutschlandstand bekannt und stand bis Kriegsende in Großbritannien für die Filme "The Tawny Pipit" 1944) und "Hotel Reserve" (1944) vor der Kamera.

Nach Ende des 2. Weltkrieges kehrte Lucie Mannheim nach Deutschland zurück, spielte hauptsächlich wieder Theater in Berlin und "wechselte allmählich ins Fach der patenten und wackeren Ehefrau und Mutter. Großen Erfolg hatte sie als Frau John in den "Ratten" und als Mutter Wolffen im "Biberpelz".4) Bis zum Ende der 1950er Jahre übernahm sie zudem regelmäßig Aufgaben in etlichen Film- und vereinzelte Fernsehproduktionen. So spielte sie beispielsweise in Kinofilmen wie Rudolf Jugerts Fernfahrerdrama "Nachts auf den Straßen"2) (1952) an der Seite von Hans Albers, in Robert A. Stemmles Komödie "Das ideale Brautpaar"3) (1954) mit Hans Reiser oder in Werner Klinglers Melodram "Frauenarzt Dr. Bertram" (1957) mit Willy Birgel und Winnie Markus. Für den Thriller "Gestehen Sie, Dr. Corda!" (1958) stand sie Hardy Krüger und Elisabeth Müller vor der Kamera. Weitere Kinoauftritte hatte Lucie Mannheim in "Ihr 106. Geburtstag"2) (1958), "Der Eiserne Gustav" (1958, mit Heinz Rühmann), "Der letzte Zeuge"2) (1960) sowie der britischen Produktion "Bunny Lake ist verschwunden"2) (1965, Bunny Lake is Missing). Die Fernsehzuschauer erlebten sie unter anderem in "Der Kinderdieb" (1966) oder "Der Sommer der 17. Puppe" (1968), letztmalig sah man sie 1970 als Carlotta in "Cher Antoine oder Die verfehlte Liebe" auf dem Bildschirm.
Die Schauspielerin galt als Berlins "berlinischste" und – bis zu ihrer Flucht vor den Nazis – als meistgefeierte Bühnenschauspielerin. Aufgewachsen im Zille-Milieu von Berlin-Mitte, dort, "wo das Leben sich eben so abspielte wie auf den berühmten Zille-Bildern", so einmal Lucie Mannheim selbst, sprach sie ein Droschkenkutscher-Berlinisch: "Vom Berlinisch des Kurfürstendamms habe ich nie viel gehalten." meinte sie einmal in einem Interview.5)
Im Oktober 1959 wurde ihr das "Große Bundesverdienstkreuz" verliehen, 1963 ernannte man sie zur "Berliner Staatsschauspielerin", 1967 wurde sie mit dem "Filmband in Gold" für "langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film" geehrt.

Lucie Mannheim, die seit 1941 mit dem britischen Schauspieler Marius Goring2) (1912 – 1998) verheiratet war, starb am 30. Juli 1976 im niedersächsischen Braunlage (Harz).  
Von Rolf Lehnhardt erschien 1973 die Biografie "Die Lucie-Mannheim-Story. Geschichte eines Schauspielerlebens", die Schauspielerin selbst hatte zusammen mit Bernhard Minetti, Ernesto Grassi und Joana M. Gorvin das Buch "Jürgen Fehling: Der Regisseur (1885-1968). Zum 100. Geburtstag" auf den Markt gebracht.

Siehe auch Wikipedia, www.cyranos.ch, www.exilarchiv.de, www.deutsche-biographie.de
Link: 1) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 2) Wikipedia, 3) Murnau Stiftung
Quelle: 
4) Kreckel, Manfred, "Mannheim, Lucie" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 69–70; Onlinefassung: www.deutsche-biographie.de
5) "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf  Heinzelmeier/Berndt Schulz Ausgabe 2000, S. 234/235
Lizenz Fotos Lucie Mannheim (Urheber "Fotoatelier Zander & Labisch", Berlin): Das Atelier von Albert Zander und Siegmund Labisch († 1942) war 1895 gegründet worden; die inaktive Firma wurde 1939 aus dem Handelsregister gelöscht. Externe Recherche ergab: Labisch wird ab 1938 nicht mehr in den amtlichen Einwohnerverzeichnissen aufgeführt, so dass sein Tod angenommen werden muss; Zander wiederum war laut Aktenlage ab 1899 nicht mehr aktiv am Atelier beteiligt und kommt somit nicht als Urheber dieses Fotos in Frage. Die Schutzdauer (von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers) für das von dieser Datei gezeigte Werk ist nach den Maßstäben des deutschen, des österreichischen und des schweizerischen Urheberrechts abgelaufen. Es ist daher gemeinfrei. (Quelle: Wikipedia)
  
Kinofilme
Filmografie bei der Internet Movie Database
(Link: Wikipedia (deutsch/englisch), Murnau Stiftung, filmportal.de)
Stummfilme Tonfilme
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