Walter Schmidinger wurde am 28. April 1933 in der Donau-Stadt Linz geboren. Schon früh begeisterte er sich für das Theater, absolvierte jedoch nach der Schule zunächst eine Lehre als Verkäufer und Dekorateur in einem Tuschwarengeschäft, dann entschied sich doch für den Beruf des Schauspielers. Eine dementsprechende Ausbildung begann er 1951 am renommierten Wiener "Max-Reinhardt-Seminar"1), ein erstes Engagement erhielt Schmidinger am Wiener "Theater in der Josefstadt". 1954 folgte er einem Ruf an das Theater in Bonn, dem er ab 1960 neun Jahre als Ensemblemitglied angehörte. Seine weiteren Theaterstationen waren zwischen 1956 und 1960 das "Düsseldorfer Schauspielhaus" unter der Intendanz von Karl-Heinz Stroux, ab 1969 gehörte er drei Jahre lang zum Ensemble der "Münchner Kammerspiele", um dann an das "Bayrische Staatsschauspiel" zu wechseln, welches für die nächsten zwölf Jahre seine künstlerische Heimat wurde und wo er in vielen Stücken das Publikum begeisterte. Unvergessen bleibt hier seine grandiose Darstellung des Shylock in Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig".
1984 ging der Schauspieler nach Berlin und spielte zunächst an der "Schaubühne", ein Jahr später wurde er an das "Schiller-Theater" verpflichtet, bis 1993 stand er dort auf der Bühne; nach der Schließung ging er anschließend an das "Deutsche Theater", gehörte seit 2003 zum "Berliner Ensemble". Darüber hinaus gastierte er an allen wichtigen deutschsprachigen Bühnen sowie bei den Salzburger Festspielen. Am Wiener "Burgtheater" brillierte er in jüngerer Zeit als "Erster Schauspieler" in Klaus Maria Brandauers "Hamlet"-Inszenierung.
 

Das Foto wurde mir freundlicherweise von der Fotografin Virginia Shue (Hamburg) zur Verfügung gestellt. 
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Walter Schmidinger 01; Copyright Virginia Shue
Walter Schmidinger 02; Copyright Werner Bethsold Zu den aktuelleren Theaterarbeiten des Schauspielers zählt Peter Steins Großprojekt von Schillers "Wallenstein", das der Regisseur mit dem "Berliner Ensemble" und Brandauer in der Titelrolle realisierte. Schmidinger sprach als Seni Baptista mit brüchiger, sich steigernder Stimme den Prolog, wie er 1798 bei der Uraufführung des "Lagers" bei der Wiedereröffnung der renovierten Schaubühne in Weimar gesprochen wurde, und endet mit den Worten "Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst".2) Die umjubelte Premiere der knapp elfstündigen "Wallenstein"-Trilogie hatte am 19. Mai 2007 in einer ehemaligen Brauerei-Halle im Berliner Stadtteil Neukölln stattgefunden, bis Mitte Oktober fanden weitere Aufführungen statt.

 
Foto: © Werner Bethsold
Das Foto entstand 1987 während einer Hörspielproduktion.
Bereits während seiner Zeit an den "Münchner Kammerspielen" war Schmidinger für seine beeindruckende Darstellung des Willy in Kroetz' "Heimarbeit" zum "Besten Schauspieler des Jahres" gewählt geworden, seither gehörte er zu den Stars der deutschsprachigen Theaterszene. Unter der Regie wichtiger Theatermänner wie Peter Stein, K.-M. Grüber, Peter Zadek, Luc Bondy, Jürgen Fehling, Ingmar Bergman, Robert Wilson oder Giorgio Strehler zeigte er mit seinem facettenreichen Spiel immer wieder seine außergewöhnliche schauspielerische Dominanz, wird von vielen als "Hauptmensch im Theater der letzten Jahrzehnte" gefeiert: "Er ist einer der Seltsamsten. Kein Protagonist im üblichen Sinne, aber ein Hauptmensch im Theater der letzten Jahrzehnte. Es ist, als habe eine windzitternde Vogelfeder beschlossen, es sich ausgerechnet in einer Schmiede behaglich zu machen. So durchwanderte, durchlitt Walter Schmidinger das Theater seines Lebens, spielte sich durch die Weltdramatik, mit graziöser Schwermut. Das Entschlossene untersagt dem Feinen, allzu fein zu sein; und das Feine gestattet seinerseits dem Festen empfindsam zu vibrieren. In Schmidinger arbeiten zernagte Schönheitsvisionen und ein bis zur Schmerzgrenze zartes Gewissen. Die Scham zerrt so sehr wie der Ausstellungsdrang. Immer macht er einen gefährdeten Eindruck, und man weiß als Zuschauer nicht immer, wo die Grenzen von Schein und Sein sind." notierte die "Welt am Sonntag" am 20. Juli 2003.
Schmidingers Domäne waren zerrissene Figuren und gebrochene Seelen, die er sowohl in klassischen als auch modernen Stücken virtuos gestaltete: Zu nennen ist beispielsweise der Malvolio in Shakespeares "Was ihr wollt", sein "Hamlet", "König Lear" oder "Nathan der Weise" haben Theatergeschichte geschrieben, ebenso wie die Titelrolle in Molières "Der eingebildete Kranke", für den ihn nicht nur die Presse als "eingebildetsten Kranken aller Zeiten" umjubelte. Als grandioser Salieri in Peter Shaffers "Amadeus" feierte er Triumphe, am "Deutschen Theater" interpretierte er viele Jahre den Musikkritiker Reger in der Dramatisierung des Thomas-Bernhard-Textes "Alte Meister" und wurde für seine Leistung mit dem "Kritikerpreis der Berliner Zeitung" geehrt. Große Beachtung fand in jüngerer Zeit seine Verkörperung des Kaiser Franz Josef II. in der Produktion "Im weißen Rössl", die im Berliner Spiegelzelt "Bar jeder Vernunft" nach Vorlagen von Ernst Müller und Eric Charell sowie der Musik von Ralph Benatzky mit Stars wie Otto Sander, Max Raabe und Meret Becker aufgeführt wurde. Am "Berliner Ensemble" erarbeitete Schmidinger die Rolle des König Peter in der umjubelten Inszenierung von Robert Wilsons Musical-Inszenierung des Büchner-Klassikers "Leonce und Lena". Das Stück, welches auch im Fernsehen übertragen wurde, hatte am 1. März 2003 Premiere, Musik und Liedtexte stammen von Herbert Grönemeyer.

Die Kritiker überschlagen sich in der Würdigung von Schmidingers Leistungen als Theatermime, im "Tagesspiegel" meinte Hellmuth Karasek1) unter anderem "Walter Schmidinger ist einer der wenigen Schauspieler, die man, ohne zu zögern, 'begnadet' nennen darf, wobei man sich darüber klar sein muß, daß 'begnadet' immer auch 'verflucht' heißt und bedeutet: Gnade und Fluch sind zwei Seiten der gleichen Medaille. … Große Kunst ist immer auch ein Pakt mit dem Teufel."
In der FAZ schrieb Gerhard Stadelmaier1) "Schmidinger wirkt immer wie ein Überraschungsgast auf der Bühne. Ihm ist alles zuzutrauen. Um ihn lauern die ernsteren, erschütternden Sphären, aber auch die grotesken, komischen, revoltierenden, patzigen, wie Spott- und Hohnbeulen aufplatzenden Gelegenheiten, wenn er sich in seiner Hoheit sozusagen vor sich selber duckt, nur wie um loszulegen und um sich zu schlagen, böse zu sein und zu verletzen – aber gleichzeitig um Liebe zu betteln."
Schmidinger selbst sagt zu seiner Profession "Wie immer man diesen Beruf verstehen mag, für mich war es immer ein heiliger Beruf. Nicht ein Beruf, eine Berufung. Ein Beruf, in dessen Haus man den Hut abnimmt, in dessen Haus man auf der Bühne nicht isst, in dessen Haus man kämpft um Dinge, um Gedanken, um große Gedanken."
Seit Anfang der 1970er Jahre übernahm der Schauspieler auch interessante Aufgaben für Film und Fernsehen. Neben Gastrollen in einigen "Tatort"-Produktionen sowie Auftritten in den beliebten Krimireihen "Derrick" und "Der Alte" erlebte man Schmidinger unter anderem in den TV-Spielen "Fast wia im richtigen Leben" (1978), "Drei Freundinnen" (1979), "Hanna von acht bis acht" (1983), "Die Friedenmacher" (1984) sowie in Otto Schenks Molnár-Verfilmung "Spiel im Schloß" (1985) an der Seite von Martin Benrath. Er wirkte in der Kult-Serie "Kir Royal" (1986) mit, agierte in der Komödie "Die Rachegöttin" (1992), den Thrillern "Lemgo" (1994), "Tote sterben niemals aus" (1996), "Opernball" (1998) und "Warten ist der Tod" (1999).
 
Auf der Leinwand präsentierte sich der Charakterdarsteller erstmals 1973 mit einer kleinen Nebenrolle unter der Regie von Maximilian Schell in dessen zweitem Film "Der Fußgänger"1), wenige Jahre später stand er für Ingmar Bergmans Drama "The Serpent's Egg"1) (1977, Das Schlangenei) als Solomon vor der Kamera. Es folgten prägnante Nebenrollen in ambitionierten Kinoproduktionen, so erneut unter der Regie von Maximilian Schell in "Geschichten aus dem Wienerwald"1) (1979) nach dem gleichnamigen Stück von Ödön von Horváth, mit Ingmar Bergmann drehte er "Aus dem Leben der Marionetten"1) (1980). In "Caspar David Friedrich – Grenzen der Zeit" (1986), Peter Schamonis authentischem Filmdokument über den bedeutendsten Maler der deutschen Romantik, verkörperte er – an der Seite von Helmut Griem in der Hauptrolle des Arztes und Malers Carl Gustav Carus – den Kunstkritiker und Intimfeind Caspar David Friedrichs, Basilius von Ramdohr.
 

 
Das Foto wurde mir freundlicherweise von der Fotografin Virginia Shue (Hamburg) zur Verfügung gestellt. 
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Walter Schmidinger 03; Copyright Virginia Shue
In Karin Brandauers "Ein Sohn aus gutem Hause" (1988) nach dem Roman von Karl Tschuppik war Schmidinger ebenfalls zu sehen, István Szabó besetzte ihn als Propagandachef in seiner Filmbiografie über den zwielichtigen "Hanussen"1) (1988), Harald Bergmann als älteren Dichter Hölderlin in "Hölderlin Comics" (1994), der filmischen Auseinandersetzungen mit dem Thema "Hölderlin", in dem die Arbeit des Dichters und seine kaum bekannten Texte vorgestellt und in filmische Kategorien umgesetzt werden. Auch im letzten Teil der Trilogie "Scardanelli" (2000; → www.hoelderlin-film.de) war Schmidinger mit dieser Rolle zu sehen und zu hören (Anmerkung: "Scardanelli" war der selbst gewählte Name Friedrich Hölderlins in den Jahren 1807 bis 1843). Schmidingers letzte Arbeit für das Kino war Hans-Christian Schmids Drama "Requiem"1), das im März 2006 in die Kinos kam und in dem er den Pfarrer Landauer spielte; erzählt wird von einer katholischen Studentin, die sich im Süddeutschland der 1970er Jahre von Dämonen besessen glaubt.
   
Neben der umfangreichen Arbeit für Theater, Film und Fernsehen fand Walter Schmidiger immer wieder Zeit für Lesungen und Rezitationsabende, die ihn durch ganz Deutschland führten. Ein Kritiker schildert sein Erlebnis einer Lesung so: "Schmidingers Stimmer hat viele Gestalten. In ihnen leben Ironie, Trauer, Verzweiflung, Freude. Und Ärger. Hier wird der Schauspieler laut. Gesicht und Körper bäumen sich auf, sind ganz Erregung und Wut. Die Stimme hat Macht. Die Pausen zwischen Worten und Sätzen füllen den Raum, legen sich bleiern auf die Zuhörer. Die hören konzentriert zu. Kein Räuspern oder Hüsteln brechen in die Stille einer Pause ein."
In seinen Programmen beschäftigt sich Schmidinger mit so unterschiedlichen Werken wie beispielsweise von Thomas Bernhard, Joseph Roth, Arthur Schnitzler, Else Lasker-Schüler, Johann Nestroy, Heinrich Heine und Franz Kafka, als Interpret der Texte des von ihm verehrten Karl Valentin (Monologe – Dialoge – Szenen) ist er einzigartig. Einer der bedeutendsten Theaterkritiker Deutschlands, Friedrich Luft1) (1911 – 1990), meinte hierzu unter anderem: "Schmidinger bedarf keiner Requisiten. Ein einfacher Stuhl. Ein simpler Tisch. Eine Wasserflasche. Ein paar Papiere mit den Valentin-Texten. Sonst nichts. Der skurrile Geist des rätselhaft komischen, bedrohlichen, querdenkenden Valentin ist für fast zwei Stunden herrlich präsent. Sein Nachsprecher, Schmidinger, hat plötzlich die Figur des hageren Vorbildes. Er bewegt sich selten. Er geht, wenn es um einen dieser sonderbar verflixten Dialoge, dieser vorgespielt dämlich-tiefen Szenen geht, zuweilen von seinem Sitz, wandelt ums Rednerpult. Meist bleibt er, wo er ist. Ohne Valentin je deutlich zu kopieren, stellt er ihn dar. … Schmidinger erweckt all die Listen seines Humors. Er spricht sein vertracktes Bayrisch genau wie sein Vorbild. Er "macht nichts her" von dessen frecher Ernsthaftigkeit. Er selber lacht nie – oder nur selten triumphierend, wenn er uns zu einer besonderes irrwitzigen, klugen Idiotie verführt hat. Der Abend wird, während er immer etwas gespenstiger wird, köstlich. Schmidinger sollte ihn noch oft wiederholen. Er ist eine närrischen Wohltat."

Seine Erinnerungen veröffentlichte Walter Schmidinger 2003 unter dem Titel "Angst vor dem Glück" und berichtet darin von seinem bewegten Leben, lässt nicht nur das Leben auf der Theaterbühne Revue passieren, sondern auch persönliche Anekdoten, die das Buch noch abwechslungsreicher und lesenswerter machen, werden erzählt. Schmidinger schreibt in einer sehr charmanten und ehrlichen, aber auch amüsanten Weise. Das Buch entstand aus Gesprächen, die Walter Schmidinger, mit dem Herausgeber Stephan Suschke führte und der daraus ein eine beieindruckende Biografie machte. Der "Münchner Merkur" schrieb "Vermutlich eine der schönsten Autobiographien der letzen Zeit. Was Schmidinger hier über sein Leben und seine Profession erzählt, ist von fesselnder Aufrichtigkeit, von großer Liebe, von empfindlicher Tiefe. Dabei ist das Buch frech und witzig. Und es hat was von jener Genialität, die sein Verfasser auf der Bühne ausstrahlt."
Von der Schauspielerin und Filmemacherin Andrea Eckert stammt das filmische Portrait "…mit den Zugvögeln fort…" (→ www.andrea-eckert.com), welches am 20. März 2006 erstmals bei 3SAT ausgestrahlt wurde. In Gesprächen lässt Schmidinger sein Leben Revue passieren, die Höhepunkte und die Rückschläge, die Freundschaften und den Verrat, die Kollegen, die Regisseure und Kritiker, die Arbeit am Theater, Momente der Euphorie und Zeiten der Verzweiflung. (…) Dieser Film ist eine Verbeugung vor einem Meister seines Metiers und eine Liebeserklärung an den irrlichternden Menschen Walter Schmidinger, der uns mit seiner Radikalität, seiner Melancholie und seiner Komödiantik immer wieder ans Theater glauben lässt.3)
 
Im November 2006 erhielt Walter Schmidinger den "Nestroy-Theaterpreis"1) für das Lebenswerk, mit dem seit 2000 wichtige Persönlichkeiten der Theaterwelt für ihre schauspielerische Lebensleistung geehrt werden; die Laudatio hielt Klaus Maria Brandauer.
Auf den Tag genau fünf Monate nach seinem 80. Geburtstag starb der gefeierte Charaktermime am 28. September 2013 in Berlin an den Folgen einer Lungenentzündung. "Schmidingers war Spiel in seinen vielen Rollen immer eindrücklich. Seine Schauspielkunst prägte die Inszenierungen" sagte Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit unter anderem in einem Nachruf.

 
Link: 1) Wikipedia
Quelle: 2)  www.morgenpost.de, 3) www.andrea-eckert.com
Siehe auch Wikipedia; Filmografie bei der Internet Movie Database
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