Margit Carstensen wurde am 29. Februar 1940 als Tochter eines Arztes in
Kiel geboren. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in ihrer Geburtsstadt,
gleich nach Abschluss des Gymnasiums ließ sie sich ab 1958 an der
"Staatlichen Hochschule für Musik" in Hamburg
zur Schauspielerin ausbilden. Ihr Theaterdebüt gab sie anschließend in
Kleve, weitere Stationen wurden dann Heilbronn, Münster und Braunschweig.
1965 folgte Margit Carstensen einem Ruf an das "Hamburger
Schauspielhaus", wo
sie sich vor allem mit Hauptrollen in Stücken von John Osborne und Lope de Vega
einen Namen machte. Nach einer vierjährigen Tätigkeit am "Hamburger
Schauspielhaus" wechselte sie 1969 nach Bremen, drei Jahre später an das
"Staatstheater Darmstadt"
(1973 1976), ging dann für eine Spielzeit erneut nach Hamburg. Ab 1977 wirkte
sie an den "Staatlichen Schauspielbühnen" Berlins, ab 1982
gehörte sie zum Ensemble des "Württembergischen Staatstheaters" Stuttgart,
zwischen 1995 und 2006 war Margit Carstensen Ensemblemitglied des "Bochumer Schauspielhauses". Daneben gab
sie immer wieder Gastspiele an bedeutenden deutschsprachigen Bühnen, so
unter anderem 1983/84 an den "Kammerspielen" in München.
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Neben klassischen Frauenfiguren wie der "Elisabeth" in Schillers
"Maria Stuart" oder der Orsina in Lessings "Emilia Galotti"
brillierte die Charakterdarstellerin in zahlreichen Stücken der Moderne, ab
Ende der 1960er Jahre war ihre Arbeit geprägt durch Rainer Werner Fassbinder, den
sie in Bremen kennen gelernt hatte. Unter seiner Regie
verkörperte sie beispielsweise die Vittoria in Goldonis "Das Kaffeehaus" (1969),
beeindruckte als Geesche Gottfried in der Uraufführung von Fassbinders
"Bremer Freiheit" (1972, auch TV). Eine herausragende Rolle war die
Titelfigur in "Die bitteren Tränen der Petra von Kant": Am
5. Juni 1971 war das Stück, welches eine lesbische Beziehung zwischen einer Modeschöpferin und ihrer Dienerin
beschreibt, am Staatstheater Darmstadt uraufgeführt worden, ein Jahr
später kam die Filmversion ebenfalls mit Margit Carstensen in der
Hauptrolle in die Kinos. Margit Carstensen erhielt für ihre Leistung bei
den Berliner Filmfestspielen das "Filmband in Gold", wurde von den Kritikern zur
"Besten Schauspielerin des Jahres" gewählt
und für viele weitere Fassbinder-Filme und -Theaterstücke zur
Protagonistin. So erlebte man sie beispielweise 1976 am "Deutschen Schauspielhaus" Hamburg
als Sylvia in "Frauen in New York" (The Women)
von Clare Booth, welches auch im Fernsehen ausgestrahlt wurde. An weiteren
wichtigen Bühnenarbeiten mit Fassbinder sind Henrik Ibsens " Hedda
Gabler" (Premiere am 21. Dezember 1973 in Berlin) sowie August Strindbergs
"Fräulein Julie" (Premiere im Oktober 1974 im Frankfurter "Theater am
Turm") zu nennen.
Foto:
www.schauspielhausbochum.de
Das Copyright liegt bei Arno Declair. |
Weitere glanzvolle Auftritte hatte Margit Carstensen, die von dem
Theaterhistoriker Günther Rühle in einem Portrait als "Actrice
von hundert Energien und tausend Widersprüchen – eine sensible
Nervenspielerin" bezeichnet wird, unter anderem in Inszenierungen von
Hansgünther Heyme am "Württembergischen Staatstheater" mit der
Titelrolle in Jochen Bergs "Klytaimestra", als Donna Isabella in Schillers "Die Braut von
Messina" sowie als Schillersche "Jungfrau von Orleans". Seit
Anfang der 1990er Jahre begann eine enge und prägende Zusammenarbeit mit
dem Theater- und Filmregisseur Leander Haußmann, dem die
Schauspielerin 1995 an das Bochumer Schauspielhaus folgte (Haußmann
war von 1995 – 2000 Intendant des Schauspielhauses Bochum). Hier
beeindruckte Margit Carstensen beispielsweise in einer von Haußmanns
letzten Bochumer Inszenierungen: Neben Leander Haußmanns Vater, Ezard Haußmann,
spielte sie in Ibsens "John Gabriel Borkman" (2000, auch TV)
die Rolle der Gunhild. Ab 2001 trat sie in "Der Narr und seine
Frau heute Abend in Pancomedia" von Botho Strauß auf, ein Stück,
dass 2002 auch im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Margit Carstensen stand
in vielen erfolgreichen Bochumer Inszenierungen
auf der Bühne, so beispielsweise als Martha Brewster in
der Krimikomödie "Arsen und Spitzenhäubchen" oder als Frl.
Doktor Mathilde von Zahnd in Dürrenmatts "Die
Physiker".
Am 12. Januar 2011 feierte an der Berliner "Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz"
René Polleschs "Schmeiß dein Ego weg!" Premiere, ein Stück "über das irreführende Bild von Körper und Seele, Innen und Außen". Erstmals
arbeitete Margit Carstensen mit Pollesch zusammen,
spielt neben den "Pollesch-Standards" Martin Wuttke und Christine Groß
die weitere Hauptrolle; mehr bei www.volksbuehne-berlin.de,
siehe auch den Artikel bei www.nachtkritik.de.
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Ungeheure Popularität erlangte Margit Carstensen vor allem durch ihre
Rollen in zahlreichen Fassbinder-Filmen, "groß, schlank und dunkel, mit einem
Schuss Hysterie im Blut, ist sie wie geschaffen für Fassbinders Welt der verlorenen Seelen, seine grandiose
"Comedie humaine"1). Nach ihrer Hauptrolle in "Die bitteren Tränen der Petra von Kant"2) (1972)
folgten Auftritte in den TV-Produktionen "Acht Stunden sind kein
Tag"3) (1972) und "Welt am Draht"2) (1973) sowie die Titelrolle
in Fassbinders Ibsen-Adaption "Nora Helmer"3) (1974). Als Partnerin
von Karlheinz Böhm erlebte man sie im gleichen Jahr
als "Martha"3)
in dem gleichnamigen Melodram auf dem Bildschirm, 1975 spielte sie die Margot
in dem TV-Stück "Angst vor der Angst"2). Im gleichen hatte man sie
im Kino neben Brigitte Mira in der Titelrolle als Frau Thälmann in
"Mutter Küsters Fahrt zum Himmel"3)
gesehen, ein Jahr später war
sie die Partnerin von Kurt Raab in der bösartigen
Posse "Satansbraten"3) (1976).
Nach der Figur der Ariane Christ in dem Psychodrama "Chinesisches Roulette"3) (1976)
folgte die der Petra Vielhaber in der Komödie "Die Dritte Generation"2) (1979),
die letzte Arbeit mit Fassbinder war der hochgelobte TV-Mehrteiler "Berlin
Alexanderplatz"2) (1980).
Das Foto wurde mir freundlicherweise von der Agentur
Jovanović zur Verfügung gestellt.
Es handelt sich um ein Foto aus dem Privatarchiv der Künstlerin.
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Dazwischen lagen vereinzelte Kinoproduktionen mit anderen Regisseuren, so
hatte Ulli Lommel sie jeweils als Partnerin von Kurt Raab in seinem
Horrorthriller "Zärtlichkeit der Wölfe"2) (1973) sowie in der
Farce "Adolf und Marlene"3) (1977) besetzt; in letztgenanntem Film
überzeugte Margit Carstensen als Marlene Dietrich, zu der Hitler eine
leidenschaftliche Zuneigung entwickelt.
Nach dem Tod von Rainer Werner Fassbinder2) (1945 1982) spielte die
Charakterdarstellerin noch in einigen weiteren Kinoproduktionen,
konzentrierte sich aber wieder vornehmlich auf ihre Arbeit beim Theater. Im
Film übernahm sie prägnante Nebenrollen wie in Peter Zadeks "Die Wilden Fünfziger"2) (1983)
oder Agnieszka Hollands Kriegsdrama "Bittere Ernte"2) (1986). Eine
enge Zusammenarbeit entwickelte sich mit dem Avantgarde-Regisseur, Theater- und Filmemacher
Christoph Schlingensief2) (1960 2010), für den sie in seinem Hitler-Film
"100 Jahre Adolf Hitler Die letzte Stunde im Führerbunker" (1989)
als grelle Martha Goebbels vor der Kamera stand, ebenso wie mit der
weiblichen Hauptrolle in dessen Groteske "Terror 2000 Intensivstation Deutschland" (1992).
Weitere Arbeiten für das Kino waren Walburg von Waldenfels' Streifen "Gesches Gift" (1997),
der wahren Geschichte der Gesche Margarethe Gottfried, die als
"Bestie von Bremen" und berühmteste Serienmörderin ihrer Zeit in
die Kriminalgeschichte einging. Nach Nina Grosses Liebesfilm "Feuerreiter" (1998) folgten
Leander Haußmanns DDR-Satire "Sonnenallee"2) (1999),
Romuald Karmakars Episodenfilm "Manila" (2000) sowie Chris Kraus'
Drama "Scherbentanz"2) (2002); für ihre Rolle der alkoholkranken
und verwahrlosten Mutter des leukämiekranken Modedesigners Jesko (Jochen Vogel)
wurde Margit Carstensen als beste Nebendarstellerin mit dem "Bayerischen Filmpreis"
ausgezeichnet. Schließlich ist noch Oskar Roehlers Familiengeschichte "Agnes und seine Brüder"2) (2004), zu
nennen, in Detlev Bucks Kinderfilm "Hände weg von Mississippi"2) (2007) agierte die Schauspielerin
als Frau Strietzel.
Vereinzelt sah man Margit Carstensen, neben verschiedenen
Theateraufzeichnungen, auch in Unterhaltungsfilmen auf dem Bildschirm, so in der Anwalt Abel-Folge
"Das schmutzige Dutzend" (1997). Zuletzt erlebte man sie in "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir"2) (2009), das
Regisseur Peter Schönhofer nach einem Drehbuch von
Christoph Schlingensief bzw. dessen "Fluxus-Oratorium" für das Fernsehen inszeniert hatte.
Das Foto wurde mir freundlicherweise von dem Fotografen
Wolfgang Silveri zur Verfügung gestellt.
© Wolfgang Silveri
(www.silveri.eu)
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