Als Sohn des Schauspielerehepaars Ernst Flörchinger und Anna Paintner (1881 – 1974) am 9. Oktober 1909 als Martin Paintner-Flörchinger im niederbayerischen Geisenhausen bei Landshut geboren, war für Flörchinger der künstlerische Lebensweg bereits vorgezeichnet. Nach Besuch des Gymnasiums bzw. dem Abitur ging er nach Leipzig, absolvierte ab 1929 an der dortigen Schauspielschule, die dem "Alten Theater"1) angegliedert war, eine zwei-jährige Ausbildung, die er 1931 erfolgreich abschloss; bereits während der Ausbildung wurde Flörchinger in mehr als 30 Inszenierungen eingesetzt und sammelte so umfangreiche Bühnenerfahrungen. Sein professionelles Debüt gab er im Juni 1931 als Leutnant Orff in dem Lustspiel "Husarenfieber" von Gustav Kadelburg1) und Richard Skowronnek1), Rollen in mehr als 50 weiteren Aufführungen sollten folgen. So stand der aufstrebende "Anfänger" unter anderem sieben Mal mit der "1. Heldin" Ruth Trumpp (1899 – 1986) auf der Bühne, aus der beruflichen Zusammenarbeit wurde eine private, 1932 heiratete das Paar, im darauffolgenden Jahr kam Tochter Wera Paintner zur Welt. 1934 ging Flörchinger für zwei Jahre nach Stettin – die Ehe wurde 1936 geschieden.
Weitere Engagements in Gera ("Reussisches Theater", 1936–1937), Frankfurt/M. "Städtische Bühnen", 1937–1939), Dortmund ("Stadttheater", 1939/40) und Königsberg "Städtische Bühnen", 1941–1944) schlossen sich an – bis es 1944 zur allgemeinen Schließung aller deutschen Theater kam. In der Endphase des 2. Weltkrieges musste der talentierte Schauspieler eine Unterbrechung seiner Karriere hinnehmen, er geriet in Gefangenschaft und konnte erst nach seiner Entlassung seine künstlerische Arbeit wieder aufnehmen. Zunächst stand er in Ellwangen/Jagst1) (im Osten Baden-Württembergs) sowie zur Spielzeit 1947/48 im hessischen Darmstadt am "Staatstheater auf der Bühne. 1948 ging er erneut nach Leipzig und wirkte bis 1954 an den "Städtischen Bühnen", unter anderem zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Elfriede Née (* 1922).
Porträt des Schauspielers Martin Flörchinger 1954; Quelle: Deutsche Fotothek, (file: df_pkm_0001148_155); Copyright SLUB Dresden/Deutsche Fotothek/Abraham Pisarek; Urheber: Abraham Pisarek (1901–1983); Datierung: 01.1954; Quelle: www.deutschefotothek.de Flörchinger machte sich in seinen frühen Jahren vor allem mit Rollen des jugendlichen Helden einen Namen. "Am Theater in Leipzig wird er bald ein anerkannter Darsteller, der besonders in klassischen Stücken auffällt. Er spielt die deutschen Traditionsstücke von Gotthold Ephraim Lessing, Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller. Internationales Aufsehen erzielt der Schauspieler 1952 mit der Darstellung des Robesspierre in dem gleichnamigen Theaterstück von Romain Rolland1)."*) In dieser verspäteten Uraufführung in der Regie von Max Burghardt stellte Flörchinger die Figur nicht als blutrünstigen Psychopathen, sondern als den "Unbestechlichen" dar, der der Finanzbourgeoisie im Wege steht. Dieser Robespierre hatte mehr Züge des Plebejers Danton als des "Intellektuellen" Robespierre. notierte die "Berliner Zeitung".**)
Danach rief 1953 Berlin in Gestalt des damaligen Intendanten des "Deutschen Theaters" Wolfgang Langhoff1), der den kraftvollen Mimen unter anderem als Protagonisten Thomas Münzer1) in der gleichnamigen "dramatischen Chronik" von Friedrich Wolf
1)  besetzte. Seit der Spielzeit 1956/57 bereicherte Flörchinger dann das von Bertolt Brecht1) und Ehefrau Helene Weigel gegründete "Berliner Ensemble".
 
Porträt des Schauspielers Martin Flörchinger 1954
Quelle: Deutsche Fotothek, (file: df_pkm_0001148_155)
© SLUB Dresden/Deutsche Fotothek/Abraham Pisarek
Urheber: Abraham Pisarek1) (1901–1983); Datierung: 01.1954
Quelle: www.deutschefotothek.de; Genehmigung zur Veröffentlichung: 30.03.2017
"Gelobt wird sein kluger, angstvoller Sagredo in "Das Leben des Galilei"1). Er gibt den Volkstribun in "Coriolan"1) und den Pierpont Mauler in "Die heilige Johanna der Schlachthöfe"1). Als witzige Hauptfigur in "Schweyk im Zweiten Weltkrieg"1) von Bertolt Brecht brilliert er. Mehr als 500 Mal steht er mit dieser Rolle auf der Bühne und überzeugt Kritiker wie Publikum. Mehrfach führt der Darsteller auch Regie, zählt zu den Stützen der Theaterhäuser im Ostteil Berlins. Er arbeitet mit den Regisseuren Wolfgang Langhoff, Erich Engel, Peter Palitzsch, Manfred Wekwerth und Ruth Berghaus zusammen."*)  Der Journalist Hans-Dieter Schütt1) schrieb unter anderem in der Tageszeitung "neues deutschland"1) (09.10.1999; → www.neues-deutschland.de): "Brechts Schweyk, der Dogsborough im "Ui"1), Pierpont Mauler in der "Heiligen Johanna der Schlachthöfe", der Metzger in der "Mutter"1) und einer der Volkstribunen im "Coriolan" – was immer Flörchinger spielte: Es blieb in der Erinnerung eine faszinierende Balance aus Verschmitztheit, die sich selbstbewusst ins Körperliche wuchtete, und einem stämmigen Ernst, der doch selbst in Hauptrollen nie den Vordergrund suchte. Wo andere als Komödianten alles aus sich heraus prusteten, konnte er mit dem ganzen Körper in sich hinein kichern." → Weitere Infos zum Theater-Wirken (Auswahl) bei Wikipedia.
 

Martin Flörchinger in "Furcht und Elend des 3. Reiches"1)
von Bertolt Brecht, 1957 am "Berliner Ensemble"
(Rollen: Inspektor in "Rechtsfindung"/ der Mann in "Der Spitzel")
Regie: Lothar Bellag1), Peter Palitzsch1), Käthe Rülicke1)
Quelle: Deutsche Fotothek, (file: df_pk_0004383_1_009)
© SLUB Dresden/Deutsche Fotothek/Abraham Pisarek
Urheber: Abraham Pisarek1) (1901–1983); Datierung: 14.02.1957
Quelle: www.deutschefotothek.de; Genehmigung zur Veröffentlichung: 30.03.2017

Martin Flörchinger in "Furcht und Elend des 3. Reiches" von Bertolt Brecht, 1957 am "Berliner Ensemble"; (Rollen: Inspektor in "Rechtsfindung"/ der Mann in "Der Spitzel"); Regie: Lothar Bellag, Peter Palitzsch, Käthe Rülicke; Quelle: Deutsche Fotothek, (file: df_pk_0004383_1_009); Copyright SLUB Dresden/Deutsche Fotothek/Abraham Pisarek; Urheber: Abraham Pisarek (1901–1983); Datierung: 14.02.1957; Quelle: www.deutschefotothek.de
1951 gab Martin Flörchinger in der DEFA-Produktion "Die Meere rufen" sein Leinwanddebüt. Drei Jahre später verkörperte er den Marxisten Karl Liebknecht1) in Kurt Maetzigs erfolgreichem Filmepos "Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse"1) (1954) sowie ein Jahr später in dessen Fortsetzung "Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse"1) (1955), wenn auch nicht mehr in der Rolle Liebknechts, sondern als Volksdelegierter aus dem Saargebiet. Daneben spielte Flörchinger in dem Thriller "For Eyes Only"1) (1963, Streng geheim), in Konrad Wolfs lange Zeit verbotenem Film "Der geteilte Himmel"1) (1964), in dem Drama "Die Abenteuer des Werner Holt"1) (1965), in der Märchenverfilmung "König Drosselbart"1) (1965, mit Manfred Krug in der Titelrolle) und neben Donatas Banionis in Konrad Wolfs "Goya – oder der arge Weg der Erkenntnis"1) (1971). Er ist in den folgenden Jahrzehnten in zahlreichen Charakterrollen zu sehen, die er eindrucksvoll und überzeugend gestaltet. konnte man bei defa-sternstunden.de nachlesen. Detaillierter Aufbau von Rollenfiguren, Differenzierung verschiedener Haltungen, Präzision, Disziplin in Mitteln der Körperbeherrschung, Übereinstimmung von Gestus und Gestik – das zeichnet das Spiel von Martin Flörchinger aus." (Renate Seydel, 1974) So kennt ihn das Publikum z. B. als den scheinbaren Mustergatten aus der "Ehesache Lorenz"1) (1959), der vor die schwierige Entscheidung zwischen seiner langjährigen Frau und der hübschen Sekretärin gestellt wird, oder als den gewissenhaften Kriminalisten Albert Schirding im Film "Seilergasse 8"1) (1960). Im Fernseh-Mehrteiler "Die Bilder des Zeugen Schattmann"1) (1972) verkörpert Flörchinger ergreifend das Schicksal des von den Nazis deportierten jüdischen Arztes Dr. Marcus. Durch seine Darstellung des Spielzeugmachers Kasimir aus "Turlis Abenteuer"1) (1967) und des König Löwenzahn im Märchen "König Drosselbart"1) (1965) ist sein Gesicht auch den kleinen Zuschauern bekannt.

Mitte der 1970er Jahre kam es zu einem Umbruch in Flörchingers Leben: Als eine Woche nach seinem 65. Geburtstag (09.10.1974) in seinem Heimatdorf Geisenhausen Mutter Anna Paintner verstarb, durfte er als "Rentner" in die BRD reisen, ließ seinen festen Vertrag mit dem "Berliner Ensemble" in einen Gastspielvertrag ändern und gastierte (von Niederbayern aus pendelnd) in drei weiteren BE-Inszenierungen.
Am 9. Juli 1975 wurde er aus der "Staatsbürgerschaft der DDR" entlassen, Flörchinger zog nun endgültig zurück nach Geisenhausen, mit dem Vorsatz, nun einen ruhigen Lebensabend zu verbringen. Doch es kam anders: Dieter Dorn1), der den Mimen seit Leipzig kannte bzw. schätzte und seit 1976 mit der Oberspielleitung an den "Münchner Kammerspielen" betraut war bzw. seit 1983 als Intendant fungierte, konnte ihn überreden, an diesem traditionsreichen Haus wieder Theater zu spielen – mehr als 20 Jahre stand Flörchinger in München erfolgreich auf der Bühne. Seinen "Einstand" hatte er zur Spielzeit 1976/77 unter der Regie Dorns mit der Figur des Grafen von Bruchsall in Lessings "Minna von Barnhelm" gegeben, Cornelia Froboess gestaltete die Titelheldin, Helmut Griem den Major von Tellheim → www.berlinerfestspiele.de. Es sollten viele schöne Altersrollen folgen, beispielsweise der Gauner Schigolch in Wedekinds Tragödie "Lulu" (Zusammenfassung von "Der Erdgeist"1) und "Die Büchse der Pandora"1)), der Geist von Hamlets Vater in Shakespeares "Hamlet"1) oder der alte Buchhändler George Garga in Brechts "Im Dickicht der Städte"1). Flörchinger wusste auch kleineren Parts Prägnanz zu verleihenn, etwa dem (betrunkenen) Simon in Georg Büchners "Dantons Tod"1) oder einem skurrilen Gepäckträger in dem tragisch-komischen Stück "Ein Freudenfeuer für den Bischof" von Seán O'Casey. Seit der Premiere am 30. April 1987 erlebte man ihn als "Der Herr/Gott" in Dieter Dorns vielbeachteten, fünfeinhalb Stunden dauernden Inszenierung von Goethes "Faust I" mit Helmut Griem als Dr. Heinrich Faust und Romuald Pekny als Mephistopheles – 1988 kam die Aufführung als 162-minütige Theaterverfilmung unter dem Titel "Faust – Vom Himmel durch die Welt zur Hölle" in die Kinos. Eine seiner letzten Bühnenrollen war der Laërtes1), Vater des von Bruno Ganz dargestellten Odysseus1), in der von Dorn in Szene gesetzten, ambivalent aufgenommenen Uraufführung (19. Juli 1996) des Schauspiels "Ithaka" von Botho Strauß → www.zeit.de, www.spiegel.de.
 
Auch Film und Fernsehen griffen auf den Charakterdarsteller zurück, zwei Mal spielte er unter der Regie Hans W. Geißendörfers in Kinofilmen – 1976 in "Die Wildente"1) (mit Jean Seberg, Anne Bennent, Bruno Ganz, Peter Kern und Heinz Bennent) und zwei Jahre später in "Die gläserne Zelle"1) (1978). Er zeigte sich auf dem Bildschirm in Literaturverfilmungen wie "Ein Kapitel für sich" (1979) nach Walter Kempowski und "Die Geschwister Oppermann" (1983) nach Lion Feuchtwanger sowie in etlichen weiteren Fernsehproduktionen.
Daneben arbeitete Martin Flörchinger in der ehemaligen DDR sowie in der Bundesrepublik als Sprecher für Synchronisation und Hörfunk. So lieh er beispielsweise Anfang der 1980er Jahre in der Hörspielproduktion des BR von Douglas Adams' "Per Anhalter durch die Galaxis"1) (auch "Per Anhalter ins All") dem paranoid-depressiven Roboter "Marvin" seine Stimme. Eine Auswahl der in der ARD-Hörspieldatenbank aufgeführten Produktionen mit Martin Flörchinger findet man hier am Ende des Artikels.
Flörchinger war zudem als Schauspiel-Pädagoge in Leipzig und Berlin tätig, bereits während seiner Zeit in Dortmund (1939/40) hatte er sich erstmals in diesem Bereich engagiert.
Darüber hinaus galt Flörchinger als leidenschaftlicher Zeichner, der dieser Passion nicht nur in seiner Freizeit nachging sondern auch bei vielen Tourneen Spielpausen und sonstige Gelegenheiten für sein Hobby  nutzte. Außerdem nahm er eine komplette Neuübersetzung von Shakespeares 154 Sonetten vor, die 1996 unter dem Titel "Und Narren urteil'n über echtes Können" veröffentlicht wurden.
Für seine künstlerische Leistung wurde Flörchinger 1967 und 1972 mit dem "Nationalpreis der DDR"1) ausgezeichnet. Darüber hinaus erhielt er 1962 den "Kunstpreis der DDR"1) und 1964 den "Kunstpreis des FDGB"1).

Martin Flörchinger starb am am 27. Oktober 2004 im Alter von 95 Jahren im niederbayerischen Vilsbiburg (Landkreis Landshut).
Auch seine Tochter Wera Paintner und sein Schwiegersohn Wolfgang Dehler (1936 – 2003) arbeiteten als Schauspieler. Enkel Thomas Dehler1) ist ebenfalls Schauspieler und sowohl am Theater (u. a. in Rostock, Magdeburg, Leipzig) als auch bei Film und Fernsehen sowie als Hörbuch-Sprecher tätig → www.thomasdehler.com.
 
Die Berliner "Akademie der Künste" verwaltet das "Martin-Flörchinger-Archiv" bzw. den schriftlichen Nachlass. Eine Übersicht (PDF-Dokument) des künstlerischen Gesamt-Schaffens wurde von Tochter Wera Paintner-Blanke und deren zweiten Ehemann Detlev Blanke1) (1941 – 2016) zusammengestellt und ist ebenfalls Teil des "Martin-Flörchinger-Archivs".

Martin Flörchinger spaßt in seinem Garten in Bayern
Mit Dank aus dem Privatarchiv von Thomas Dehler
© Thomas Dehler

Martin Flörchinger spaßt in seinem Garten in Bayern; Mit Dank aus dem Privatarchiv Thomas Dehler; Copyright Thomas Dehler
Quellen (unter anderem): Wera Paintner-Blanke, Wikipedia sowie
defa-sternstunden.de (Seite nicht mehr existent)
Siehe auch und www.defa-stiftung.de, www.film-zeit.de, filmportal.de
*) Quelle: www.defa-stiftung.de, zusammengestellt von Ines Walk (www.film-zeit.de) (Stand: Mai 2006), mit Ergänzungen bzw. Korrekturen von Wera Paintner
**)  Quelle: Artikel "Martin Flörchinger: Der "Schweyk" des Berliner Ensembles wird heute in München neunzig Jahre alt" bei www.berliner-zeitung.de (09.10.1999)
Fremde Links: 1) Wikipedia
  
Filme
Filmografie bei der Internet Movie Database, filmportal.de
(Link: defa-stiftung.de, Wikipedia, filmportal.de, fernsehenderddr.de, 
fernsehserien.de, Beschreibung innerhalb dieser HP, tittelbach.tv)
Kinofilme Fernsehen (Auszug)
  
Hörspielproduktionen (Auszug)
(Fremde Links: ARD-Hörspieldatenbank (mit Datum der Erstausstrahlung) bzw. Wikipedia) 
  
Als Sprecher / Als Regisseur
Als Sprecher Als Regisseur
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