 |
Der Schauspieler und Regisseur Ekkehard Schall galt als einer der profiliertesten Interpreten deutscher Sprache in
Stücken von Bertolt Brecht1) und
neben Brecht-Ehefrau Helene Weigel als eines
der prägendsten Mitglieder des "Berliner
Ensembles"1). Geboren wurde er am 29. Mai 1930 in
Magdeburg1), schon
als Schüler nahm er zwischen 1946 und 1948 Unterricht am "Schauspielstudio Magdeburg. Sein Bühnendebüt gab er
anschließend in seiner Geburtsstadt,
nach Engagements am "Kleist-Theater"1)
in Frankfurt/Oder (19481951) und an der Berliner "Neuen Bühne" (1951/52) kam er 1952 auf persönliche
Einladung Brechts an das "Berliner Ensemble", wo er bis 1999
seine künstlerische Heimat fand; 14 Jahre lang war er zwischen 1977 und 1991 zudem Stellvertreter
des Intendanten Manfred Wekwerth1). Seinen Einstand beim "Berliner
Ensemble" gab er 1952 mit der Figur des José an der Seite von Helene Weigel (Teresa Carrar)
in "Die
Gewehre der Frau Carrar"1), eine
Aufführung, die am 11. September 1953 als Studio-Gastspiel auch im
Fernsehen gezeigt wurde. Schall glänzte immer wieder mit den
Brecht-Protagonisten, sei es, dass er dem "Arturo Ui", den er über 500 Mal
spielte, dem "Coriolan", "Galileo Galilei",
"Baal" oder dem Gutsbesitzer Puntila eindrücklich und kraftvoll
Leben einhauchte.
Portrait von Ekkehard Schall im Juli 1957
Quelle: Deutsche
Fotothek, (file: df_pkm_0001289_003)
© SLUB Dresden/Deutsche Fotothek/Abraham Pisarek
Urheber: Abraham
Pisarek1) (19011983); Datierung: 03.07.1957
Quelle: www.deutschefotothek.de;
Genehmigung zur Veröffentlichung: 30.03.2017
|
"Die Begegnung mit Brecht hat diesen Schauspieler geformt", schreibt
Dieter Kranz1) 1966 in
einem Beitrag über Schall. Ständige harte Arbeit, verbunden mit hohem körperlichen und geistigen Einsatz sowie teils äußerst intensiver
Vorbereitung mit individuellen Sprachübungen und gründlicher Recherche katapultieren den begabten jungen Künstler
zum bedeutenden und prominenten Hauptrollenspieler der Brecht-Bühne.
wurde bei der ehemaligen Webseite defa-sternstunden ausgeführt.
Ekkehard Schall mit seiner Paraderolle des Arturo Ui in
"Der
aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui"1)
von Bertolt Brecht,
1959 am "Berliner Ensemble", die Hans-Dieter Schütt1)
als
"chaplineske Weltleistung" bezeichnet. → Quelle
→ weitere Szenenfotos bei www.deutschefotothek.de
Quelle: Deutsche
Fotothek, (file: df_pk_0004552_c_035a)
© SLUB Dresden/Deutsche Fotothek/Abraham Pisarek
Urheber: Abraham
Pisarek1) (19011983); Datierung: 18.03.1959
Quelle: www.deutschefotothek.de;
Genehmigung zur Veröffentlichung: 30.03.2017
An Rollen in Brecht-Theaterstücken (Quelle: "Henschel Theaterlexikon"*) seien
genannt:
(Link: Wikipedia)
|
 |
Ekkehard Schallgestaltete jedoch auch brillant Figuren anderer Autoren,
im folgenden eine Auswahl*):
- Hermann in "Katzgraben" nach der Komödie von Erwin
Strittmatter (erstmals 1953; auch TV 1957, Regie: Manfred Wekwerth)
- Gefreiter Johannes Hörder in "Winterschlacht" von Johannes R. Becher (1955; Regie: Bertolt Brecht)
- Wu Tsan in "Der Tag des großen Gelehrten Wu" nach einem chinesisches Volksstück, unter Aufsicht von Bertolt Brecht
bearbeitet von Peter Palitzsch und Carl M. Weber
für das "Berliner Ensemble" (Premiere: 08.11.1955;
Regie: Peter Palitzsch)
- Shawn Keogh in "Der
Held der westlichen Welt" von John Millington Synge (1956/57; Regie: Manfred Wekwerth / Peter Palitzsch; auch TV 1957)
-
Alexej in "Optimistische Tragödie", Revolutionsstück von Wsewolod
Witaljewitsch Wischnewski (1958, Regie: Manfred Wekwerth / Peter Palitzsch)
- Dr. J. Robert Oppenheimer in "In
der Sache J. Robert Oppenheimer" von Heiner Kipphardt (1965;
Regie: Manfred Wekwerth / Joachim Tenschert)
- Titelrolle in "Woyzeck"
von Georg Büchner (1970; auch TV 1965)
- Herakles in "Omphale" von Peter Hacks (1972; Regie: Ruth Berghaus)
- Kommunist Iwagin in "Zement"
von Heiner Müller nach dem Roman von Fjodor
Gladkow (Uraufführung: 12.10.1973; Regie: Ruth Berghaus)
- Krapp in "Das
letzte Band" von Samuel Beckett (1986, Gastspiel im "Theater im Palast"
(TIP); Regie: David Leveaux)
- Bauer Gau Dsu in "Großer
Frieden" nach dem Schauspiel von Volker
Braun (Regie: Manfred Wekwerth / Joachim Tenschert; auch TV)
- Kurfürst Friedrich
Wilhelm, in "Prinz
Friedrich von Homburg" von Heinrich von Kleist (1990; Regie: Manfred Wekwerth / Joachim Tenschert)
- Teufel in "Jedermann"
von Hugo von Hofmannsthal mit Helmuth Lohner
als "Jedermann" (1990, Salzburger Festspiele; Regie: Gernot
Friedel)
- Ill in "Der
Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt (1992/93, Berliner "Schlosspark Theater; Regie: Alfred
Kirchner)
- 1995: Kreon,
König von Theben, in "Antigone"
von Sophokles (1995, Ruhrfestspielen Recklinghausen; Regie: Hansgünther
Heyme)
→ berliner-schauspielschule.de
- Josef Stalin in "Germania 3" von Heiner
Müller (1996, Regie: Martin Wuttke)
-
Truffaldino in "Der
Diener zweier Herren" von Carlo Goldoni (2001, "Nationaltheater Luxemburg"; Regie: Hansgünther
Heyme)
- Galloudec in "Der Auftrag" von
Heiner Müller (2004, "Haus
der Berliner Festspiele"; Regie: Ulrich
Mühe; auch TV)
 |
Schall wurde für seine vielschichtige Rollengestaltungen gefeiert, konnte im Rahmen von
Gastspielreisen seine Kunst zudem im Ausland zeigen und errang so auch
internationale Anerkennung. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich auch seine Rezitationsabende, auf denen er
ebenfalls Texte von Brecht gestaltete. Sein Regiedebüt hatte
er 1974 mit dem Brecht-Stück "Leben Eduards des Zweiten von
England" gegeben, einer Adaption des Dramas "Edward II"1)
von Christopher Marlowe1).
Seit der so genannten "Wende" verlagerte sich Schalls Tätigkeitsfeld schrittweise vom "Berliner Ensemble"
hin zur Arbeit mit dem freien "Theater 89"1), das
in Berlin und Umland wechselnde Orte bespielt. In diesem Rahmen sprach
er u.a. den Monolog "Ein Kind unserer Zeit" (2001), der auf Horváths
gleichnamiger Erzählung1) basiert, und probte für
Hochhuths1)
"Die Stunde des Jägers" (2005), *), zur
Person Ernest Hemingways1) und der
Literaturszene der 1960er Jahre. Die Rolle des Hemingway auf der Bühne zu
präsentieren war ihm jedoch krankheitsbedingt nicht mehr vergönnt. Auch
ein geplantes Projekt der Inszenierung von Shakespeares "König
Lear" am "Volkstheater Rostock" konnte nicht mehr realisiert werden.
Und Wikipedia notiert: "Eigenen Worten zufolge lehnte er es ab, durch
"ignorante Jüngere als Zitat "der proletarischen Heldenzeit" eingesetzt zu werden. Daraufhin
begann er auf dem Anwesen Brechts in Buckow viel beachtete Gedichte zu schreiben,
die auch von der Literaturkritik geschätzt wurden."
Ekkehard Schall, 1988 fotografiert von Barbara Morgenstern
Quelle: Deutsche
Fotothek, (file: df_mo_0001303_009)
© SLUB Dresden/Deutsche Fotothek/Barbara Morgenstern;
Urheber: Barbara Morgenstern; Datierung: 11.01.1988;
Quelle: www.deutschefotothek.de
Genehmigung zur Veröffentlichung: 30.03.2017 |
Im Hinblick auf seine umfangreichen Bühnentätigkeit blieb Schalls
Arbeit vor der Kamera eher überschaubar, dennoch hinterließ er auch hier
nachhaltige Spuren. Im Jahrbuch "Unsere Filmsterne" konnte man Anfang der 1960er Jahre zu lesen:
"Der untersetzte Schauspieler mit dem eigenwilligen Gesicht ist dem Film- und Fernsehpublikum
vor allem durch seine breite stimmliche Ausdrucksskala und seine explosive Spielweise einige Male
aufgefallen."
Erste Erfahrungen vor der Kamera hatte er 1954 in
dem "Stacheltier"-Kurzfilm
"Die Studienreise"2)
sammeln können, eine erste Hauptrolle in einem abendfüllenden Kinofilm
erhielt er dann als Ostberliner "Halbstarker" Dieter in Gerhard Kleins Gegenwartsfilm
"Berlin Ecke Schönhauser
"1) (1957). So richtig
populär wurde der Mime mit der Figur des Gutsinspektors
Ekkehart Bröker in dem Zweiteiler "Schlösser
und Katen"1) (1957),
von Kurt Maetzig gedreht nach
dem gleichnamigen Roman von Kuba1) = Kurt Barthel.
In dem Märchenfilm "Die
Geschichte vom armen Hassan"1) (1958) erfreute er als Titelheld,
die Produktion "Mutter
Courage und ihre Kinder"1) (1961) mit Schall als Eilif war die filmische Übernahme der
Inszenierung des gleichnamigen
Theaterstücks1) von Bertolt Brecht mit Helene Weigel in der Titelrolle.
Weitere Arbeiten für das Kino waren unter anderem das Abenteuer "Der Traum des Hauptmann Loy"3) (1961) und
das Biopic über Karl Liebknecht1) mit
dem Titel "Trotz
alledem!"1) (1972), wo er den
General Wilhelm Groener1)
verkörperte.
Im Fernsehen erlebte man den Charakterdarsteller in verschiedenen
Übertragungen von Theateraufführungen, "sowohl im Film als auch im Fernsehen interpretiert Schall immer wieder Stoffe
von Bertolt Brecht voll bestechender Schärfe."**)
Besonders in Erinnerung blieb dem Publikum
am Bildschirm sicherlich sein Kammerdiener Räder
im mehrteiligen Fernsehfilm nach Falladas "Wolf
unter Wölfen"1) (1965). Mit kalt starrenden Augen im
maskenhaft unbeweglichen Gesicht und mit stockend
verhaltener Sprechweise spielte er einen glitschigen, schleimigen Widerling,
eine lebende Mumie, hinter deren devotem Gehabe auch das Aufbegehren des sozial
Unterdrückten und die Leidenschaft des verschmähten Mannes spürbar wird."
(Dieter Kranz, 1976). führt das "Lexikon der DDR-Stars"**) aus.
In dem Fünfteiler "Ich Axel
Caesar Springer"1) (19681970)
mit Horst Drinda
als Zeitungsmogul Axel Springer1),
verlieh er dem Bankier Hermann Josef Abs1) Kontur,
überzeugte als Diplomat Gustav Krupp von Bohlen und Halbach1)
in dem Zweiteiler "Goldene Zeiten Feine Leute"4) (1977).
Eine weitere Persönlichkeit der Zeitgeschichte stellte er als Franz Liszt1) in der mehrteiligen,
internationalen Produktion "Wagner"1) (1983) an der
Seite von Richard Burton
als Richard agner1) dar,
präsentierte sich als Komponist Gasparo Spontini1)
in "Freischütz in Berlin"4) (1987), einer in den Jahren 1817 bis 1821 in Berlin angesiedelten Geschichte.
Herausragend war seine Doppelrolle des Gouverneurs Muratow, genannt "Die Bestie", bzw. Schauspielers Kochalow
in "Die Bestie"4) (1988)
nach der Erzählung
von Bertolt Brecht1). Ein Jahr später spielte er den
Priester und Wissenschaftler Giordano Bruno1)
in "Der Mantel des Ketzers"4) (1989), ebenfalls in Szene gesetzt
nach der Erzählung
von Bertolt Brecht1).
Erwähnt werden muss, dass der Charakterdarsteller im Verlaufe der
Jahrzehnte mit seiner "unverkennbar stets etwas heiser anmutenden Stimme"5)
immer mal wieder als Sprecher das Ensemble verschiedener Hörspiele
bereicherte. Eine Auswahl der in der ARD-Hörspieldatenbank
aufgeführten Produktionen findet man hier am Ende des Artikels.
Ekkehard Schalls schauspielerische Leistungen wurden mehrfach gewürdigt,
bereits 1959 erhielt er den "Kunstpreis der DDR"1),
der "Vaterländische Verdienstorden in Silber"1)
wurde ihm 1973 überreicht, 1976 folgte der "Nationalpreis der DDR1)
I. Klasse für Kunst und Literatur". Auch im Ausland ehrte man den
Künstler, 1985 zeichnete man ihn in New York mit dem renommierten "Obie Award"1)
für seinen Bertolt Brecht-Abend bzw. die Off-Broadway-Theaterproduktion
"An Evening with Ekkehard Schall" aus. Er war seit 1980 Präsidiumsmitglied des
"Verbandes der Theaterschaffenden der DDR"1).
1983 drehte Karin Hercher für das Fernsehen der DDR das Porträt "Ekkehard Schall Poet der Bühne".
Ekkehard Schall starb am 3. September 2005 nach schwerer Krankheit
im Alter von 75 Jahren in Berlin. Die letzte Ruhe fand der als
"Brecht-Mime schlechthin" bezeichnete Künstler auf dem dortigen
"Dorotheenstädtischer
Friedhof" ganz in der Nähe seines Förderers und Schwiegervaters Bertolt Brecht
→ Foto der Grabstelle bei Wikimedia
Commons und knerger.de.
Foto: Ekkehard Schall hält im November 1989 eine Demonstrations-Rede
Original-Text: 500.000 Bürger beteiligten sich an einer Demonstration für den Inhalt
der Artikel 27 und 28 der Verfassung der DDR. Auf dem anschließenden
Meeting
auf dem "Alexanderplatz" ergriff auch der Schauspieler
Ekkehard Schall das Wort
Quelle: Deutsches
Bundesarchiv, Digitale
Bilddatenbank, Bild 183-1989-1104-035
Fotograf: Hubert Link / Datierung: 04.11.1989 / Lizenz CC-BY-SA 3.0
Originalfoto und Beschreibung: Deutsches Bundesarchiv Bild 183-1989-1104-035
bzw.
Wikimedia Commons;
Genehmigung des Bundesarchivs zur Veröffentlichung
innerhalb dieser Webpräsenz wurde am 11.10.2010 erteilt. |
 |
|