Shelley Winters
Shelley Winters wurde am 18. August 1920 als Shirley Schrift in East Saint Louis (Illinois) geboren; ihr Vater Jonas Schrift war in der Herrenmode-Branche tätig, ihre Mutter Rose war Sängerin. Die Tochter einer jüdischen Immigrantenfamilie wuchs ab ihrem dritten Lebensjahr im New Yorker Stadtteil Brooklyn auf und besuchte die "Thomas Jefferson High School", die sie vorzeitig abbrach, um Schauspielerin zu werden. Sie nahm Unterricht an der "New Theatre School" sowie bei Charles Laughton, finanzierte das Studium unter anderem als Fotomodell und trat im "Conga Night Club" als Chorsängerin sowie bei Sommer-Theatern auf. Ihr professionelles Bühnendebüt gab sie 1941 am Broadway mit "The Night before Christmas", ein Jahr später konnte sie einen beachtlichen Erfolg in Max Reinhards "Rosalinda" verzeichnen.
 
Ihre Filmkarriere begann 1943, als sie einen Vertrag von der "Columbia" erhielt, zunächst wurde sie jedoch nur in kleineren Rollen besetzt. Mit einer Minirolle in Irving Cummings Krimi-Melodram "What A Woman!" (Eine Frau hat Erfolg) kam sie 1943 erstmals auf die Kinoleinwand; in den kommenden Jahren folgten diverse weitere winzige Leinwandauftritte, wo sie meist nicht einmal als Darstellerin im Abspann aufgeführt wurde. Der Durchbruch zur anerkannten Mimin gelang ihr erst 1948 in George Cukors "Ein Doppelleben"1) (A Double Life), als sie für ihre Darstellung der Kellnerin Pat Kroll für den Oscar nominiert wurde.
Eine weitere Nominierung erhielt Shelley Winters, die 1951 ihre Schauspielausbildung am renommierten "Actors Studio" vertieft hatte, im gleichen Jahr für ihre Rolle in George Stevens Melodram "Ein Platz an der Sonne"1) (1951, A Place in the Sun). Ihre eindringliche Interpretation der schwangeren Arbeiterin Alice Tripp, die von ihrem Verführer alias Montgomery Clift wegen der reichen, schönen Angela Vickers, gespielt von Liz Taylor, ermordet wird, ist untrennbar mit ihrer Leinwandpräsenz verbunden.
Sieben Jahre lang wirkte Shelley Winters in verschiedensten Hollywood-Produktionen wie dem Western "Winchester '73"1) (1950), dem Krimi "Gangster unter sich" (1951, Behave yourself) oder dem Psychothriller "Steckbrief 7-73"2) (1951, He Ran all the Way) sowie mehreren Broadway-Inszenierungen mit, wurde jedoch überwiegend als Sexbombe und dümmliche Blondine besetzt und konnte kaum ihr schauspielerisches Talent unter Beweis stellen. Eine Ausnahme bildet Robert Aldrichs Melodram "Hollywood Story"2) (1955, The Big Knife) mit Jack Palance als Partner.

Der nahtlose Übergang zur Charakterdarstellerin gelang ihr dann 1959 mit der Nebenrolle der Nachbarin Auguste Van Pels in dem von George Stevens in Szene gesetzten bewegenden Drama "Das Tagebuch der Anne Frank" (The diary of Anne Frank), für die sie ihren ersten "Oscar" erhielt. Bereits in Charles Laughtons düsterem Psychothriller "Die Nacht des Jägers"1) (The Night of the Hunter2)) hatte sie 1955 mit der Figur der getäuschten Witwe neben Robert Mitchum überzeugt. Von diesem Zeitpunkt an verkörperte sie bis weit in die 80er Jahre fast ausschließlich ordinäre Matronen oder dominante Mütter, wie 1962 in Stanley Kubricks "Lolita"1) als liederliche Mutter der Protagonistin, gespielt von Sue Lyon: Der degenerierte Intellektuelle Humbert (James Mason) heiratet die propere Witwe Charlotte Haze (Shelley Winters), hat aber mehr Augen für deren Tochter Lolita. Als die Mutter – nicht auf natürliche Weise – stirbt, glaubt Humbert gesiegt zu haben. Shelley Winters faszinierte in dieser Rolle wie auch 1969 als "Bloody Mama" in Roger Cormans gleichnamigem Gangsterfilm um die Mutter Ma Baker, die mit ihren vier Söhnen im Amerika der 1920er Jahre auf Raub und Mord ausgeht.

Ihren zweiten "Oscar" erhielt Shelley Winters 1966 für Guy Greens Melodram "Träumende Lippen"1) (1965, A Patch of Blue) als schlampige, garstige Mutter eines blinden Mädchens, das sich in einen Schwarzen verliebt. 1972 wurde die Schauspielerin noch einmal nominiert für ihre Rolle der gealterten Wettschwimmerin Belle Rosen, die in Ronald Neames starbesetztem Katastrophenfilm "Die Höllenfahrt der Poseidon"1) (The Poseidon Adventure) durch ihren mutigen Tauchgang Menschenleben rettet, dabei aber selber zu Tode kommt. Sehenswert ist auch Curtis Harringtons Psychogramm um eine verängstigte Frau "Was ist denn bloß mit Helen los?"2) (1971, What's the Matter with Helen?) mit Debbie Reynolds als Partnerin, köstlich war 1976 ihre jüdische "Momme" in Paul Mazurskys Komödie "Ein Haar in der Suppe" (Next Stop, Greenwich Village): In einem kleinen, schmuddeligen Restaurant in Greenvich Village treffen sich eine Gruppe von Außenseitern der Gesellschaft. Erzählt werden kleine Schicksale, Heiteres und Ernstes vor dem Hintergrund der düsteren 50er Jahre.
In den 80er und 90er Jahren wurden die Filmangebote zwar seltener, dennoch blieb Shelley Winters auf der Leinwand und im Fernsehen präsent. Zu ihren Kinoproduktionen zählen beispielsweise Vincent J. Priviteras Krimikomödie "Witchfire" (1986), die griesgrämige Pianistin in Lewis Gilberts Musical "Stepping Out"1) (1991, mit Liza Minnelli) oder die schwarze Geschichte "Der teuflische Plan der verrückten Mrs. Munck" (1995, Mrs. Munck). Ihre letzten Filme, die Komödien "La bomba" (1999) und "Gideon"1) (1999; mit Christopher Lambert, Charlton Heston) sowie das Drama "The Portrait of a Lady"1) (1996; mit Nicole Kidman und John Malkovich) drehte sie Ende der 1990er Jahre.

Zwischen den vielen Filmrollen blieb die zweifache Oscar-Preisträgerin der Bühne treu, kehrte immer wieder an den Broadway zurück und begeisterte das Publikum in Komödien und Musicals mit schönen Rollen, darüber hinaus war sie als Pädagogin tätig und gab ihr Wissen an junge Nachwuchsschauspieler weiter. Als Bühnenautorin war sie weniger erfolgreich, ihr 1971 aufgeführtes Stück "One Night Stands Of A Noisy Passenger" mit stark autobiografischen Zügen fiel beim Publikum durch. 1980 erschienen ihre Erinnerungen unter dem Titel "Shelley, Also Known as Shirley" sowie 1989 "Shelley II: The Middle of My Century".

Die Mimin wird zu Recht als großartige Charakterdarstellerin des amerikanischen Kinos bezeichnet, auch in europäischen Produktionen übernahm sie vor allem in den 1960er und 1970er Jahren interessante Aufgaben. Es gab kaum etwas, was Shelley Winters in über 50 Bühnenstücken und mehr als 100 Kino- und TV-Filmen nicht gespielt hat. Man sah sie in Komödien und Western ebenso wie in anspruchsvollen Gesellschaftsdramen, sie verkörperte heiter-hintergründige Charaktere genau so überzeugend wie ernsthafte, tragische Rollen.
Shelley Winters war vier Mal verheiratet; von 1943 bis 1946 mit dem Verkäufer Mack Paul Mayer aus Chicago, im April 1952 ehelichte sie ihren Schauspielerkollegen Vittorio Gassman3) (1922 – 2000), von dem sie sich nach zwei Jahren wieder scheiden ließ; aus der Verbindung stammt die gemeinsame Tochter Vittoria-Gina. Ihre Anfang Mai 1957 geschlossene dritte Ehe mit dem Schauspieler Anthony Franciosa1) (1928 – 2006) war ebenfalls nicht von langer Dauer und endete 1960 vor dem Scheidungsrichter.
 
Die zweifache Oscar-Preisträgerin Shelley Winters, die zu den wenigen noch lebenden Schauspielerinnen der Goldenen Ära Hollywoods gehörte, starb am 14. Januar 2006 im Alter von 85 Jahren an Herzversagen in einem Pflegeheim im kalifornischen Beverly Hills; bereits im Oktober 2005 hatte sie einen Herzanfall erlitten, von dem sie sich nicht mehr erholte. Noch Stunden vor ihrem Tod hatte sie ihrem langjährigen Lebensgefährten Gerry DeFord offiziell das Ja-Wort gegeben. Ihre Patentochter Sally Kirkland, eine ordinierte Priesterin, traute das Paar am Freitag, den 13. Januar 2006.
 

Link: 1) Wikipedia, 2) prisma-online.de, 3) Kurzportrait innerhalb dieser HP
Textbausteine des Kurzportraits von www.prisma-online.de
  Siehe auch Wikipedia
 
Kinofilme (Auszug)
Filmografie bei www.imdb.de
(Link: Wikipedia)
1943: What a Woman! (Eine Frau hat Erfolg)
1945: Tonight and Every Night (Music Box Girls)
1945: A Thousand and One Nights (Tausend und eine Nacht)
1947: Living in a Big Way (Liebe auf den zweiten Blick)
1947: A Double Life (Ein Doppelleben)
1948: Cry of the City (Schrei der Großstadt)
1948: Red River (Panik am roten Fluss)
1949: Take One False Step
1949: The Great Gatsby (Der große Gatsby)
1949: Johnny Stool Pigeon
1950: Winchester '73 (Winchester 73)
1950: South Sea Sinner (Südsee-Vagabunden)
1950: Frenchie (Revolverlady)
1951: He Ran All the Way (Steckbrief 7-73)
1951: A Place in the Sun (Ein Platz an der Sonne)
1951: Behave Yourself! (Gangster unter sich)
1951: A Place in the Sun (Ein Platz an der Sonne)
1951: The Raging Tide
1951: Meet Danny Wilson (Zu allem entschlossen)
1952: Phone Call from a Stranger (Ein Fremder ruft an)
1952: Untamed Frontier (Der Tag der Vergeltung)
1952: My Man and I
1954: Tennessee Champ
1954: Saskatchewan (Saskatchewan)
1954: Executive Suite (Die Intriganten)
1954: Playgirl
1954: Mambo
1954: To Dorothy a Son
1955: The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)
1955: I Am a Camera
1955: The Big Knife (Hollywood-Story)
1955: The Treasure of Pancho Villa (Heißer Atem)
1955: I Died a Thousand Times (Gegen alle Gewalten)
1959: The Diary of Anne Frank (Das Tagebuch der Anne Frank)
1959: Odds Against Tomorrow (Wenig Chancen für morgen)
1961: The Young Savages (Die jungen Wilden)
1962: Lolita (Lolita)
1962: The Chapman Report (Der Chapman-Report)
1963: The Balcony (Der Balkon)
1963: Wives and Lovers (Ach Liebling… nicht hier!)
1964: Gli indifferenti
1964: A House Is Not a Home (Madame P. und ihre Mädchen)
1965: The Greatest Story Ever Told (Die größte Geschichte aller Zeiten)
1965: A Patch of Blue (Träumende Lippen)
1966: The Three Sisters
1966: Harper (Ein Fall für Harper)
1966: Alfie (Der Verführer lässt schön grüßen)
1967: Enter Laughing (Sein großer Auftritt)
1968: The Scalphunters (Mit eisernen Fäusten)
1968: Wild in the Streets (Wild in den Straßen)
1968: Buona Sera, Mrs. Campbell
1969: The Mad Room (Das Haus der blutigen Hände)
1969: Arthur! Arthur!
1970: Bloody Mama
1970: How Do I Love Thee? (Wie ich dich liebe?)
1970: Flap (Der Indianer)
1971: What's the Matter with Helen? (Was ist denn bloß mit Helen los?)
1971: Who Slew Auntie Roo? (Wer hat Tante Ruth angezündet)
1972: The Poseidon Adventure (Die Höllenfahrt der Poseidon)
1973: Blume in Love (Heirat ausgeschlossen)
1973: Cleopatra Jones (Ein Fall für Cleopatra Jones)
1975: Poor Pretty Eddy
1975: That Lucky Touch (Bleib mir ja vom Leib)
1975: Journey Into Fear (Reise in die Angst)
1975: Diamonds (Der Diamanten-Clou)
1976: La Dahlia scarlatta
1976: Next Stop, Greenwich Village (Ein Haar in der Suppe )
1976: Something to Hide
1976: Le locataire (Der Mieter)
1977: Mimì Bluette … fiore del mio giardino
1977: Gran bollito
1977: Tentacoli (Der Polyp)
1977: Pete's Dragon (Elliot, das Schmunzelmonster)
1978: King of the Gypsies (König der Zigeuner)
1979: Stridulum (Die Außerirdischen)
1979: City on Fire (Stadt in Flammen)
1979: The Magician of Lublin (Der Magier)
1981: S.O.B. (S.O.B. – Hollywoods letzter Heuler)
1981: Looping (Looping – Der lange Traum vom kurzen Glück)
1983: Fanny Hill
1984: Ellie
1984: Over the Brooklyn Bridge
1985 : Déjà Vu
1986: Very Close Quarters
1986: Witchfire
1986: The Delta Force (Delta Force)
1988: Purple People Eater (Purple People Eater – Der kleine Lila Menschenfresser)
1989: An Unremarkable Life
1991: Stepping Out
1991: Touch of a Stranger
1994: Il silenzio dei prosciutti (Das Schweigen der Hammel)
1994: The Pickle (Stage Fright – Eine Gurke erobert Hollywood)
1995: Backfire! (Backfire – Die total verrückte Feuerwehr)
1995: Heavy (Liebeshunger)
1995: Jury Duty (Chaos! Schwiegersohn Junior im Gerichtssaal)
1995: Mrs. Munck (Der teuflische Plan der verrückten Mrs. Munck)
1995: Raging Angels
1996: The Portrait of a Lady (Portrait of a Lady)
1999: Gideon
1999: La bomba
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