Paul Wegener wurde am 11. Dezember 1874 als Sohn eines Rittergutsbesitzers und Tuchfabrikanten auf dem westpreußischen Gut Arnoldshof bei Bischdorf (heute Jarantowice, Polen) geboren. Nach dem Besuch eines katholischen Gymnasiums studierte er ab 1894 auf Wunsch seines Vaters Jura in Freiburg und und Leipzig, doch sein eigentliches Interesse galt der Philosophie und Kunstgeschichte, vor allem fühlte Wegener sich zur Kunst des Fernen Ostens, vornehmlich Chinas, angezogen. Bereits nach einem Jahr brach er das Studium trotz des hartnäckigen Widerstand des Vaters ab und entschied sich für die Schauspielerei. Ab ca. 1896 nahm er privaten Unterricht, erhielt danach ein erstes bescheidenen Engagement in Rostock, über das Stadttheater in Aachen kam er nach Berlin, wo er am "Theater am Schiffbauerdamm" auftrat. Weitere Verpflichtungen führten den jungen Schauspieler unter anderem nach Magdeburg und Wiesbaden, 1904 wirkte er in Hamburg, 1905 kam er schließlich nach Berlin zurück und spielte am "Deutschen Theater" unter der Intendanz von Max Reinhardt1) (1873 – 1943).
 

Foto: Paul Wegener als "Der fremde Spielmann" in dem Stummfilm
"Der Rattenfänger von Hameln"*) (1918) 
Foto mit freundlicher Genehmigung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
*) Der Link führt zur Filmbeschreibung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Paul Wegener als "Der fremde Spielmann" in dem Stummfilm "Der Rattenfänger von Hameln"
Paul Wegener Rasch hatte er sich als brillanter Charakterdarsteller einen Namen gemacht, zu seinen Glanzrollen dort gehörten die großen Shakespeare-Figuren wie " Richard III.", "Macbeth" und "Othello", aber auch der "Mephisto" in Goethes "Faust" oder der " Fuhrmann Henschel" von Hauptmann. Der vielgefragte Wegener gab Gastspiele an allen großen Bühnen des Reiches und gründete eine eigene Truppe, mit der er nicht nur an europäischen Bühnen, sondern auch jenseits des Ozeans, vornehmlich in Südamerika, außerordentliche Erfolge erzielte. Von 1937 bis 1943 war er unter dem Intendanten Heinrich George Ensemblemitglied des Berliner "Schillertheaters", anschließend wirkte er am "Staatlichen Schauspielhaus" unter der Generalintendanz von Gustaf Gründgens.


Paul Wegener in der Titelrolle des "Graf von Gleichen" in dem auf einer Sage basierenden gleichnamigen Bühnenstück von Wilhelm Schmidtbonn*) (1876 – 1952), einer tragischen "Liaison à trois" aus der Kreuzzugszeit; siehe auch gutenberg.spiegel.de 

Foto (Quelle): Wikipedia aus "Spemanns goldenes Buch des Theaters" (1902) 
Anmerkung: Die Schutzdauer für die ursprüngliche Vorlage dieser Datei ist nach den Maßstäben des deutschen Urheberrechts abgelaufen, somit ist die Datei gemeinfrei. (Quelle: Wikipedia)
*) Der Link führt zu Wikipedia
Nach Ende des 2. Weltkrieges erhielt Wegener als einer der ersten Darsteller von der sowjetischen Militäradministration SMAD die Genehmigung zum Wiederauftreten und wurde auf Veranlassung von Generaloberst Nikolai Bersarin Präsident der "Kammer der Kulturschaffenden" in Berlin. Am 7. September 1945 interpretierte er bei der Wiedereröffnung des Deutschen Theaters in Berlin grandios die Hauptrolle in Lessings "Nathan der Weise", eine Rolle, die er noch mehr als 60 Mal spielen sollte. 
 
 
Szenenfoto anlässlich der Uraufführung von "Nathan der Weise" von Gotthold Ephraim Lessing im "Deutschen Theater" in Berlin mit Paul Wegener in der Titelrolle
 
Quelle: Deutsche Fotothek, (file: df_pk_0000018_021)
© SLUB Dresden/Deutsche Fotothek
Urheber: Abraham Pisarek (1901–1983; Link Wikipedia)
Datierung: 1945.09.09 / Lizenz CC-BY-SA 3.0.
Genehmigung der Deutschen Fotothek zur Veröffentlichung innerhalb
dieser Webpräsenz wurde am 12.11.2010 erteilt.
Originalfoto und Beschreibung:
Wikimedia Commons bzw. Wikipedia
Szenenfoto anlässlich der Uraufführung von "Nathan der Weise" von Gotthold Ephraim Lessing im "Deutschen Theater" in Berlin mit Paul Wegener in der Titelrolle; Copyright: SLUB Dresden/Deutsche Fotothek; Urheber: Abraham Pisarek; Datierung: 1945.09.09 / Lizenz CC-BY-SA 3.0.
In einer Kritik war damals zu lesen: "Die Vorstellung im Deutschen Theater reißt Paul Wegeners' Nathan' zur Größe hinauf. Er packt schon in der Individualisierung der Maske. Nicht der ideale Tugendsprecher einer versunkenen Bühnentradition geht da mit wuchtig tappendem Schritt umher, in Grau und Weinrot, mit weinroter Kappe. Sondern ein in Würde vergreister Mann, graue Haarbündel an den Schläfen, das Antlitz bartbeklebt, aber in jeder Miene beredt. Ein Antlitz, das bei dem Ausbruch des Schmerzes im vierten Akt, bei dem bis dahin verschwiegenen Jammer des Märtyrers um seine hingemordete Frau, seine sieben hingemordeten Söhne für Minuten wieder ist, was es in Wegeners Jago war, seinem Othello, seinem Danton: ein Schlachtfeld von Leidenschaften … (Paul Wiegler); beeindruckend war auch seine Darstellung in "Kollege Crampton" von Gerhart Hauptmann.
  
Auf der Leinwand erlebte man Wegener erstmals 1913 mit der Doppelrolle des Studenten Balduin und dem dubiosen Dr. Skapinelli, dem Balduin in dem Stummfilm "Der Student von Prag"1) aus akutem Geldmangel sein Spiegelbild verkauft; hier führte Wegener auch gemeinsam mit dem Dänen Stellan Rye Regie. Der Film wurde ein Publikumserfolg, nicht zuletzt wegen neuartiger Kameratricks und dem effektvollen Einsatz von Kunstlicht; von Filmhistorikern wird der Streifen als der beste deutsche Film vor dem Ersten Weltkrieg bezeichnet. In den folgenden Jahren wirkte Wegener in etwa 30 Stummfilmen mit und arbeitete mit den bedeutendsten Stars des frühen deutschen Kinos wie Asta Nielsen oder Ernst Lubitsch zusammen. Mit seiner wuchtigen Statur, den hohen Wangenknochen und schmalen Augenschlitzen wurde der Schauspieler schnell die ideale Besetzung für mysteriöse und unheimliche Charaktere. Dabei war sein bevorzugtes Genre der Phantasie- und Märchenfilm, da er der Meinung war, dass hier die technischen Möglichkeiten der Kinematographie am wirkungsvollsten zum Einsatz kamen; die damals sehr populären Gesellschaftsdramen lehnt er in der frühen Zeit schlicht als Kitsch ab.
1915 erregte seine Film "
Der Golem"1), basierend auf einer jüdischen Sage, ungeheures Aufsehen. Wegener war Drehbuchautor, Regisseur und Darsteller zugleich; 1917 folgte "Der Golem und die Tänzerin"2), drei Jahre später "Der Golem, wie er in die Welt kam"1). Mit dem letzten dieser drei Filme, der die von Wegener selbst erfundene Filmhandlung vom künstlichen Menschen, der, durch magische Kräfte belebt, Unheil anrichtet, zeigt, errang er den ersten Welterfolg für einen deutschen Film. Die Dekorationen des Architekten Hans Poelzig1) (1869 – 1936) zählen noch immer zu den berühmtesten Bauten der Filmgeschichte und wurden zum Vorbild für zahlreiche andere expressionistische Filme.  Aufsehen erregte er auch in Rochus Glieses zweiteiligem Historiendrama "Der Galeerensträfling"2) (1919), gedreht nach einem eigenem Script frei nach Motiven von Honoré de Balzac, die Hauptrolle spielte Paul Wegener. Schon äußerlich wie kein anderer für diese Rolle geschaffen, gab er eine Figur brutal-verbrecherisch, den Typ eines alten Sträflings, der trotz aller Rücksichtslosigkeit ein weiches Herz für seinen Kameraden im Elend hat. Paul Wegeners Filmkunst sind große starke Gesten und ein Gesicht, dem er den mannigfaltigsten Ausdruck zu geben weiß. Den anderen Galeerensträfling spielte Ernst Deutsch, routiniert und für die Rolle geeignet …3)
Zu Wegeners weiteren Filmen jener Ära zählen unter anderem "Der Yoghi" (1916), "Rübezahls Hochzeit" (1916), "Der Rattenfänger von Hameln" (1918), "Madame DuBarry" (1919), "Nachtgestalten" (1920), "Sumurun"
1) (1920), "Die Geliebte Roswolskys" (1921), "Das Weib des Pharao"1) (1922) und "Lucrezia Borgia" (1922) siehe Stummfilm-Übersicht.
Nachdem Wegener anfänglich bei der Ufa gefilmt hatte, gründete er 1923 die "Paul Wegener Film A.G."; einer der ersten Filme dieser Gesellschaft war "Der lebende Buddha" (1924), eine Glanzleistung Wegeners als Darsteller wie als Regisseur. Doch schon im darauffolgenden Jahr musste die Firma Konkurs anmelden. Danach konzentrierte sich Wegener vermehr auf seine Arbeit beim Theater, stand bis Anfang der 1930er Jahre nur noch selten vor der Kamera und führte kaum Regie. 
  
Erst 1934 kamen mit "Die Freundin eines großen Mannes" und "Ein Mann will nach Deutschland" wieder Filme ins Kino, die seine Handschrift trugen. Er zeichnete als Regisseur verantwortlich für "Die Stunde der Versuchung" (1936), "Der Weg nach Shanghai" (1936), "Krach und Glück um Künnemann" (1936), "August der Starke" (1936) sowie "Unter Ausschluss der Öffentlichkeit" (1937), als Darsteller erlebte man ihn beispielsweise in "Der Mann mit der Pranke" (1935), "Das Unsterbliche Herz"1) (1939), "Der Große König" (1942) oder "Hochzeit auf dem Bärenhof" (1942). Zu seinen letzten Leinwandauftritten gehört der NS-Durchhaltefilm "Kolberg"1) (1945) sowie Rollen in "Der Fall Molander" (1945), "Dr. phil. Doederlein" (1945) und "Der Große Mandarin", letztgenannter Film kam erst nach seinem Tod in die Kinos. 

Foto: Paul Wegener als Dr. Schedel in "Das Unsterbliche Herz"*)
einem Drama aus dem Jahre 1939 
Foto mit freundlicher Genehmigung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
*) Der Link führt zur Filmbeschreibung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Paul Wegener als Dr. Schedel in "Das Unsterbliche Herz", einem Drama aus dem Jahre 1939; Foto: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung
Paul Wegener starb am 12. September 1948 in Berlin. Bereits im Juli hatte er während einer Vorstellung des "Nathan" auf der Bühne einen Schwächeanfall erlitten und konnte seitdem nicht mehr im Theater auftreten. Seine letzte Ruhestätte fand der große Schauspieler auf dem Berliner Friedhof Heerstrasse, ein chinesischer Tempelstein trägt seine Inschrift, ein Marmor-Buddha aus Wegeners bemerkenswerter privaten Sammlungen ostasiatischer Raritäten bewacht das Grab → Foto der Grabstätte bei www.knerger.de bzw. Wikipedia.
Der Schauspieler war seit 1896 in zweijähriger Ehe mit Ida Ahlers verheiratet gewesen, 1903 heiratete er die Änny Hindermann, eine Koloratursängerin an der Hamburger Oper, von der er sich 1924 scheiden ließ. Im gleichen Jahr ehelichte Wegener die Prager Schauspielerin Lyda Salmonova4) (1889 – 1968), die Partnerin in vielen seiner Filme war. Auch dieser dritten Ehe war kein Glück beschieden, bereits 1926 trennte sich das Paar. Seine vierte Ehefrau wurde dann die Theater- bzw. Filmschauspielerin Greta Schröder4), diese Ehe zerbrach ebenfalls. 1931 folgte die Eheschließung mit der Theaterschauspielerin Elisabeth Rohwer.
Wegeners Sohn Peter Wegener1), geboren am 29. August 1917 in Berlin († 13.09.2008), war Physiker und Spezialist für hypersonische Gasdynamik und ihrer Kanäle bzw. Professor an der "Yale University". Er soll laut Wikipedia bzw. opac.yale.edu (Yale News) aus der Ehe Wegeners mit Lyda Salmonova stammen. Da Paul Wegener die tschechische Schauspielerin jedoch nach einschlägigen Quellen erst 1924 geheiratet hat, bleiben einige Fragen offen. Anderen Quellen zufolge sollen Wegener und Lyda Salmonova bereits 1913 geheiratet haben → Artikel zu Lyda Salmonova bei www.film-zeit.de bzw. www.cyranos.ch; hier wird als Scheidungsjahr 1924 angegeben, was ein Artikel in "Die Filmwelt" (Nr. 34, Wien) bestätigt (= Scheidung 17. oder 24. Oktober 1924).
Paul Wegener war der Vetter des bekannten deutschen Meteorologen, Polar- und Geowissenschaftlers Alfred Wegener
1) (1880 – 1930).
  
Paul Wegener gehört zu den Pionieren des deutschen Films, vor allem durch seine märchenhaft-phantastischen Filme setzte er neue Maßstäbe. Das jüngst in der Edition Axel Menges erschienene Buch von Heide Schönemann, "Paul Wegener – Frühe Moderne im Film" widmet sich dem Regisseur und "Autorenfilmer" Paul Wegener sowie den zwölf Filmen, die in der Zeit zwischen 1913 und 1925 unter maßgeblicher Beteiligung Paul Wegeners als Drehbuchautor, Regisseur oder Schauspieler entstanden sind.
In Berlin-Mahlsdorf bzw. in Potsdam erinnert die "Paul-Wegener-Straße" an den legendären Künstler.
  
Link: 1) Wikipedia, 2) Murnau Stiftung, 4) Kurzportrait innerhalb dieser HP
3) Film-Kurier, Nr. 116 (19.10.1919) → www.filmportal.de
Textbausteine des Kurzportraits stammen von der Seite des LeMO-Projekts –  Deutsches Historisches Museum
sowie von www.cyranos.ch; siehe auch Wikipedia, www.ostpreussen-info.de, www.film-zeit.de
und eine Informationsseite zu dem Schauspieler
Fotos bei film.virtual-history.com
  
Filme (als Darsteller)
Filmografie bei der Internet Movie Database
(Link: Murnau Stiftung, Wikipedia)
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