Jörg Gudzuhn wurde am 23. März 1945 in Seilershof (Kreis Ruppin) geboren und wuchs in Ost-Berlin auf, nachdem seine Familie dorthin gezogen war. In Berlin besuchte er von 1951 bis 1959 die Grundschule, anschließend das "Berta von Suttner-Gymnasium" in Berlin-Reinickendorf. Nach dem Bau der Berliner Mauer konnte er das in West-Berlin gelegene Gymnasium nicht mehr erreichen, musste kurz vor dem Abitur die Schule abbrechen. Zunächst arbeitete er als Schleifer im Walzlagerwerk "Joseph Orlopp" in Berlin-Lichtenberg, machte dann ab 1962 eine zweijährige Lehre als Haus- und Wandmaler und übte zwei weitere Jahre diesen Beruf aus, gleichzeitig holte er an der Volkshochschule in Berlin-Lichtenberg das Abitur nach; schon zu dieser Zeit gehörte er einer Laien-Theatergruppe an.
Jörg Gudzuhn; Copyright Werner Bethsold Nach bestandener Prüfung entschied sich Jörg Gudzuhn endgültig für die Schauspielerei, schaffte 1966 die Aufnahmeprüfung an der "Hochschule für Schauspielkunst 'Ernst Busch'"1) in Berlin-Schöneweide und begann ein vierjähriges Studium. 1970 erhielt er ein erstes Engagement in Karl-Marx-Stadt, 1974 wechselte der Schauspieler an das Potsdamer "Hans-Otto-Theater", zwei Jahre später folgte er einem Ruf an das renommierte Ost-Berliner "Maxim Gorki-Theater", ab 1987 wurde das "Deutsche Theater" seine künstlerische Heimat, dessen Ensemblemitglied er mehr als zwei Jahrzehnte war und mit seiner präzisen Darstellung sowohl klassischer als auch moderner Figuren immer wieder das Publikum begeisterte. Erst Anfang Januar 2011 schied der damals über 65-Jährige als festes Mitglied aus und verabschiedete sich mit einem einem Solo-Abend vom Publikum des "Deutsche Theaters": In Oliver Bukowskis Monolog "Der Heiler" brillierte Gudzuhn als Psychotherapeut Prof. Dr. Matthes Grebenhoeve. → www.deutschestheater.de und www.nachtkritik.de

Foto: © Werner Bethsold
Das Foto entstand 1991 während einer Hörspielproduktion.
Darüber hinaus gibt Jörg Gudzuhn vielbeachtete Gastspiele, trat unter anderem bei den Salzburger Festspielen auf, so bereits 1992 als Mammon neben Helmuth Lohner in Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" oder zehn Jahre später mit der Titelrolle in Turrinis "Da Ponte in Santa Fe". Er hält weiterhin Lesungen ab, rezitiert beispielsweise aus Stefan Heyms Buch "Immer sind die Weiber weg" oder aus Adelbert von Chamissos "Reise um die Welt".
Vor allem mit seiner Interpretation schräger, tragikomischer und skurriler Typen reihte er sich in die Riege der Charakterdarsteller ein, mit seiner Verkörperung des McMurphy in Dale Wassermans (nach dem Roman von Ken Kesey) "Einer flog über das Kuckucksnest" feierte er in einer Inszenierung von Wolf Winkelgrund am "Maxim Gorki-Theater" seinen ersten, vielbeachteten  Erfolg. Mit der Übertragung verschiedenster Theaterstücke im Fernsehen manifestierte Jörg Gudzuhn auch seine seit Ende der 1970er Jahre bestehende TV-Popularität, so unter anderem mit seinem Zettel in Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" (1984) oder als Dorfrichter Adam in Kleists "Der zerbrochene Krug" (1999). Als Hagen von Tronje wurde er 1994 in Thomas Langhoffs Inszenierung von Friedrich Hebbels "Kriemhilds Rache" neben der Titelheldin (Dagmar Manzel) ebenso gefeiert wie 1998 als ein an sich selbst verzweifelnder Othello in der gleichnamigen Shakespeare-Tragödie: "Jörg Gudzuhn – rabenschwarz das Antlitz, gestylt zottelig das Haupthaar, untadelig die weiße Uniform – kreiert einen betont bedächtigen, exotisch ritterlichen Mann, der, abgesehen von dieser oder jener drastischen Schimpfe, durchweg larmoyant selbstbewußte Statements säuselt. Er scheint befangen, wenn nicht gar gefangen in einer weltfremd anmutenden Haltung von geradezu ätherischer Lauterkeit. Der Schauspieler kocht den immensen Widerspruch seines Helden zwischen Barbarei und Zivilisation auf zu sparsamer Flamme. Kein orientalischer General von faszinierender Männlichkeit also, sondern ein rechter Traumtänzer, zu unwahrscheinlich selbst für ein Märchen aus Tausendundeine Nacht." notierte "Neues Deutschland" am 17. September 1998.
  
Seine Rollen in Stücken beispielsweise von Strindberg, Tschechow, Gorki, Hauptmann und Brecht lassen sich nicht alle aufzählen, in jüngerer Zeit glänzte Jörg Gudzuhn unter anderem als schrullig-edelmütiger Sultan Saladin in Lessings "Nathan der Weise" (2002) an der Seite von Otto Mellies als Nathan sowie als moderner Hermann der Cherusker in Kleists "Die Hermannsschlacht" (2004) und auch mit dem Soloauftritt eines knallharten Fußballtrainers in "Leben bis Männer oder: Der Fußballtrainer"2), Thomas Brussigs erfolgreichen Theateradaption des Wenderomans "Helden wie wir", machte er am "Deutschen Theater" Furore. "Der Tagesspiegel" schrieb hierzu unter anderem: "Der Mann ist hinreißend. Der Mann ist vernagelt. Der Mann ist Fußballtrainer. Ein Alleswisser über fünfzig, der sein DDR-Leben wütend verteidigt. Auf der Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters nimmt sich Jörg Gudzuhn dieses namenlosen Übungsleiters an. Und das mühsam gezügelte, brodelnde Temperament eines Predigers in der Fußball-Wüste macht er zum Ereignis. Lachhaft, schrecklich, bieder: Dieser Kerl ist nicht zu packen." Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" meinte "Jörg Gudzuhn spielt diesen verrückten Hund im Trainingsanzug mit trockenem Witz und liebevoller Distanz und gewinnt sogar der eitlen Borniertheit, der selbstgefälligen Rechthaberei noch leutselige Sympathiezüge ab." Ab 2002 spielte Gudzuhn rund 100 Mal diese Figur, letztmalig war er damit am 11. März 2010 in den "Kammerspielen" des "Deutschen Theaters" zu sehen.
Eine eindrucksvolle Leistung war auch sein Newton in Friedrich Dürrenmatts "Die Physiker", welches Ende April 2005 in einer Inszenierung von András Fricsay Premiere hatte und ein Beitrag des "Deutschen Theaters" zum Einstein-Jahr 2005 war. Zur Spielzeit 2007/2008 war der Charaktermime als Gesangspädagoge Josef Reißner in Frank Wedekinds Schauspiel "Musik" zu erleben. Am 14. März 2009 feiert das Stück "Der einsame Weg"2) von Arthur Schnitzler in einer Inszenierung von Christian Petzold Premiere, in dem Gudzuhn neben Nina Hoss in der Hauptrolle den Professor Wegrat gab. Seit der Spielzeit 2008/2009 stand das Stück "Sein oder Nichtsein"2) von Nick Whitby nach dem Film von Ernst Lubitsch auf dem Programm (Premiere 20.11.2009), in dem Gudzuhn als Gruppenführer Ehrhardt zu sehen war.
  
Jörg Gudzuhns Arbeiten für den Film blieben für den Theatermimen stets sporadisch, eine erste Fernsehrolle hatte der Schauspieler 1969 als Bauleiter in dem Stück "Strafversetzt" übernommen, nach Auftritten in der Krimi-Reihe "Der Staatsanwalt hat das Wort" (1970) sowie der TV-Serie "Stülpner-Legende" (1972/73) folgte sein Leinwanddebüt mit einer Nebenrolle unter der Regie von Rainer Simons in der Kinoproduktion "Till Eulenspiegel" (1974). Eine größere Aufgabe übertrug ihm Simons dann in "Das Luftschiff" (1983) nach dem Roman von Fritz Rudolf Fries: Hier zeigte sich Gudzuhn mit der Figur des flugbegeisterten Erfinders und Träumers Franz Xaver Stannebein, eine Rolle, die ihm auch internationale Beachtung einbrachte. Ein Jahr später trat er an der Seite von Christine Schorn in Lothar Warnekes einfühlsamen Beziehungsdrama "Eine Sonderbare Liebe"1) (1984) in Erscheinung und spielte den einsamen Kurzwellenfunker Harald Reich in "einer Mischung aus stiller Abgeklärtheit, Unbeholfenheit, Geduld und Zärtlichkeit": Ein Mann und eine Frau, beide Ende Dreißig, versuchen, sich eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Während ihres Zusammenlebens erkennen sie, wie wichtig Toleranz ist, und sehen nach einigen Rückschlägen ein, dass sie gemeinsam ihre Einsamkeit besiegen können. Einfühlsames Porträt, das das Arbeitsleben und private Glücksvorstellungen in der DDR beleuchtet. Intensiv gespielt und unaufdringlich inszeniert, spiegelt der Film den Alltag in der DDR und verweist auf Gemeinsamkeiten in den beiden deutschen Staaten.3)
  
In Bernhard Wickis "Die Grünstein-Variante"1) (1985), nach der Erzählung von Wolfgang Kohlhaas, überzeugte Gudzuhn als Ex-Boxer und Seemann Lodek, der gemeinsam mit einem griechischen Koch (Klaus Schwarzkopf) und dem polnisch-jüdischen Metzger Grünstein (Fred Düren) kurz vor Kriegsausbruch in Paris eine Gefängniszelle teilt. Unter dem Druck eines gemeinsamen Schicksals geschieht ein kleines Wunder: Drei Männer unterschiedlichster Herkunft und Temperamente fangen an, sich zu verständigen und zu verstehen… "Mit Hilfe der drei hervorragenden Hauptdarsteller ist es Wicki gelungen, einen packenden, dramatischen Film zu machen, dem man die Begrenzung seines Schauplatzes nicht anmerkt. Das Geschehen vollzieht sich weitestgehend über die Dialoge, über Gesichter und Gesten. Was allzu leicht zu abgefilmtem Theater hätte werden können, wurde von Regie und Kamera meisterhaft visualisiert und für den Film umgesetzt."4)
Nach seiner Rolle des Steinköhler, einem Fußgänger aus Passion, der plötzlich und unerwartet in Bernhard Stephans Filmkomödie "Die Fahrschule" (1986) zu zwei Wartburgs gelangt, folgte dann in Roland Gräfs TV-Biografie "Fallada – letztes Kapitel" (1988) ein weiteres filmisches "Highligt" mit Gudzuhn in der Hauptrolle: Meisterlich verkörperte er den innerlich zerrissenen und physisch durch Drogen und Alkohol zerstörten Schriftsteller Hans Fallada. Die Szenaristin des Films, Helga Schütz bemerkt unter anderen hierzu: "Ich stand am Rande und schaute beim Drehen zu, sah, wie Jörg Gudzuhn beinahe wörtlich die Finger auf die Wunde des Schriftstellers Hans Fallada legte. Mein erstes Empfinden, der Schauspieler übertreibt. Doch allmählich bekam die Szene ihren Wert und ihre Bedeutung, die Übertreibung gehörte dazu. Die Szene würde nicht Teil eines dokumentierten Lebens, sondern Teil einer von Jörg Gudzuhn gestalteten Kunstfigur sein. Die Aktentasche, das Zerren am Hemd, der Blick in die Kamera, das Danebengreifen – auf der Leinwand wurde aus den beobachteten Teilen ein Ganzes, aus der Übertreibung das richtige, das anrührende Maß. (…) Bei Gudzuhn gesellen sich zu Menschenkenntnis, Beobachtungsgabe und Lesefleiß vor allem Mut und Talent. Wenn ich sein Spiel beschreiben sollte, würde ich es in seinen besten Augenblicken international nennen. (…) Beobachten und Nachmachen sind ihm gleichsam nur Material."5)
  
In nachhaltiger Erinnerung bleibt auch sein Bürgermeister Reimelt in Heiner Carows deutsch-deutschen Liebesgeschichte "Die Verfehlung" (1992) an der Seite von Angelica Domröse und Gottfried John, wenig später erlebte man ihn in Matti Geschonnecks Katastrophenfilm-Satire "Möbius" (1993). Jörg Gudzuhns Arbeiten für den Film sind seit den 1990er Jahren überwiegend durch das Fernsehen geprägt: Zur Serien-Filmografie zählen populäre Krimi-Reihen wie "Polizeiruf 110", wo er schon zu DDR-Zeiten mitwirkte, "Doppelter Einsatz", "Helicops – Einsatz über Berlin", "Die Männer vom K3" und "Wolffs Revier" sowie der Quotenrenner "Liebling Kreuzberg"1), in dem er 1992/93 sechs Folgen lang als "Cowboy" sein komödiantisches Talent ausleben konnte. Darüber hinaus stand Gudzuhn beispielsweise für die TV-Filme "Karate-Bill kehrt zurück" (1993), "Kinder ohne Gnade" (1996), "Atemlos durch die Nacht" (1996), "Viel Spaß mit meiner Frau" (1997), "Freiwild" (1998) und "Jacks Baby" (1999) vor der Kamera. Spätestens seit 2002 und seiner Mitwirkung in der Krimi-Reihe "Der letzte Zeuge"1) gehörte auch Jörg Gudzuhn zu den Serienstars: Hier mimte er den brummeligen Berliner Ermittler Johannes "Joe" Hoffer, dessen trockener Humor und Sarkasmus einfach immer wieder erfrischend ist, besonders wenn er sich mal wieder über die Alleingänge seines besserwisserischen "Gegenspielers", den Gerichtsmediziner Dr. Kolmaar alias Ulrich Mühe6) (1953 – 2007) aufregt.
 
Zu Gudzuhns jüngeren Arbeiten für den Film zählen die Kinoproduktion "Crazy"1) (2000) sowie die Rolle des Leibwächters Manne Schacht in Oliver Storz' hochgelobten zweiteiligen Dokumentarspiel "Im Schatten der Macht"7) (2003), der Geschichte des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt (Michael Mendl) und dessen Verstrickung in die Guillaume-Affäre. Man sah ihn in "Ein Starker Abgang"8) (2008), einer Mischung aus Roadmovie und Tragikomödie, neben den Protagonisten Bruno Ganz und Monica Bleibtreu, sowie in der "Tatort"-Episode "Blinder Glaube" (2008). Danach folgten Gastauftritte in so populären Serien wie "Küstenwache" (2009, Folge "Macht der Verzweiflung"), "Doktor Martin" (2009, Folge "In Gedanken bei Dir") und "Großstadtrevier" (2009, Folge "Ein neuer Anfang"). Nach längerer Fernsehabstinenz tauchte Gudzuhn in der "Traumschiff"-Episode "Bali"1) (EA: 01.01.2012) als ehemaliger Lateinlehrer Dr. Peter Schmitz auf.
Jörg Gudzuhn, anlässlich der Premiere des Dokumentarfilms "Ich will da sein - Jenny Gröllmann" am 15. Juni 2008 im Kino INTERNATIONAL in Berlin-Mitte; Copyright Christian Behring Neben seiner umfangreichen Arbeit für Theater und Fernsehen ist Jörg Gudzuhn schon seit vielen Jahren auch für den Rundfunk tätig: So erlebte man ihn unter anderem schon zu DDR-Zeiten in der Kinder-Hörspielreihe "Geschichten von Henriette und Onkel Titus", später in der beliebten Sendung "Ohrenbär" in den Folgen "Wie der Fuchs und der Wolf Freunde wurden" (2000), "Schnaub und Schoba oder Freunde haben's schwer" (2009) und "Karlmanns Uhren" (2002). Aber auch ambitionierte Hörspielen für Erwachsene wie beispielsweise Horst Hussels "Musik aus Gägelow", welches 2002 mit dem Hörspielpreis der "Berliner Akademie der Künste" ausgezeichnet wurde, gehören zu seinen Arbeiten.
 
Der in Berlin lebende Jörg Gudzuhn wurde während seiner bisherigen Karriere mehrfach für seine darstellerischen Leistungen geehrt: So erhielt er unter anderem 1985 den Kritikerpreis "Die große Klappe" des "Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR" für seine Interpretation des Harald Reich in "Eine Sonderbare Liebe", vier Jahre später wurde er auf dem Internationalen Filmfestival in Chicago für die "Beste Darstellung einer männlichen Hauptrolle" in "Fallada – Letztes Kapitel" mit dem "Silbernen Hugo" ausgezeichnet. 1998 erhielt Jörg Gudzuhn gemeinsam mit Jörg Schüttauf und Regisseur Peter Welz den "Adolf-Grimme-Preis" für die Ostalgie-Komödie "Viel Spaß mit meiner Frau"8), 2000 wurde er als "Bester Schauspieler" in der Serie "Der letzte Zeuge" für den "Deutschen Fernsehpreis" nominiert. 
 
Foto: Jörg Gudzuhn, anlässlich der Premiere des Dokumentarfilms "Ich will da sein – Jenny Gröllmann" am 15. Juni 2008 im Kino INTERNATIONAL in Berlin-Mitte; Foto mit freundlicher Genehmigung des Berliner Fotografen Christian Behring
© Christian Behring (www.christian-behring.com)
Link: 1) Wikipedia, 2)  www.deutschestheater.de, 6) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 7)  www.fernsehserien.de, 8) prisma.de
Quelle: 3) www.kabel1.de, 4) Fischer Film-Almanach 1986, 5)  Vor der Kamera – Fünfzig Schauspieler in Babelberg, S. 83
Stand: Februar 2012
Kurzportrait in Anlehnung an "CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film"
Siehe auch www.defa.de, Wikipedia, www.film-zeit.de, www.deutschestheater.de
Filmografie bei www.imdb.de
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