Ulrich Mühe (Friedrich Hans Ulrich Mühe) wurde am 20. Juni 1953
als Sohn eines Kürschnermeisters im sächsischen Grimma geboren, wo
er zusammen mit seinem Bruder Andreas seine Kindheit und Jugend
verbrachte. Anders als sein Bruder, der später die Werkstatt des
Vaters übernahm, interessierte sich Ulrich schon früh für das
Theater. Er besuchte die Polytechnische Oberschule seiner
Geburtsstadt, die er 1973 mit Abitur bzw. der Berufsausbildung als
Baufacharbeiter abschloss, anschließend wurde er zum Wehrdienst
einberufen. Nach seiner Entlassung ging Mühe 1975 nach Leipzig an die Theaterhochschule
"Hans Otto" und ließ sich zum Schauspieler ausbilden.
Parallel dazu übernahm er erste kleinere Rollen am Städtischen Theater
im damaligen Karl-Marx-Stadt (seit 1990 wieder Chemnitz). Nach
Beendigung des Studiums erhielt er dort 1979 ein festes Engagement,
debütierte als " Lyngstrand" in Hendrik Ibsens "Die Frau vom Meer"
und blieb dem Haus dann vier Spielzeiten lang verbunden.
Foto: Ulrich Mühe bei der Premiere des Films "Das Leben der
Anderen" (15.03.2006)
Foto mit freundlicher Genehmigung von Bodo Petermann
© Bodo Petermann, BP PHOTO (www.bpphoto.de) |
 |
1982 war Mühe Gast an der Ostberliner "Volksbühne" und
glänzte in Heiner Müllers Inszenierung von "Macbeth", 1983 folgte er einem Ruf
an das "Deutsche Theater" in Ostberlin und
avancierte rasch in zahlreichen klassischen und modernen Stücken mit seinem
facettenreichen Spiel zu einem anerkannten Charakterdarsteller. Er brilliert
beispielsweise als "Sigismundis" in Calderons "Das Leben ein
Traum", interpretierte Goethes "Egmont" ebenso eindrucksvoll
wie den den Patriarchen in Lessings "Nathan der Weise". Vor allem
in der Zeit des politischen Umbruchs wurde er von Kritikern wie Publikum
gleichermaßen hochgelobt, so etwa mit seiner Darstellung in Heiner Müllers Doppelprojekt
"Hamlet/Hamletmaschine" nach William Shakespeare.
"Mühe ist ein ungewöhnlich talentierter Schauspieler, der, ohne je zu forcieren,
selbst die wahnwitzigsten, eben nicht psychologisch begründbaren Veränderungen seiner
Figur mit aller Leichtigkeit entwickelt, sich einer Rolle zugleich mit der größten intellektuellen
Distanz nähert und sie andererseits beherzt emotionell einnimmt. Er offenbart das
Kind und den Liebhaber, den zornigen Revolutionär und den Mitmacher."
schrieb 1990 der Theaterwissenschaftler und Theaterkritiker
Professor Dr. C. Bernd Sucher. Über seine Zeit beim Theater sagte
Mühe später einmal in einem Interview: "Das Theater war der einzige Ort in der DDR,
an dem die Leute nicht belogen wurden. Für uns Schauspieler war's wie eine Insel.
Wir konnten uns Kritik leisten, die in einem volkseigenen Betrieb harte Konsequenzen gehabt hätte."
Bereits seit Ende der 70er Jahre war Mühe durch verschiedenste
Aufzeichnungen von Bühneninszenierungen auch im Fernsehen bekannt
geworden, seine erste TV-Hauptrolle spielte er 1983 in Vera Loebners Anna Seghers-Adaption
"Der Mann und sein Name". In DEFA-Produktionen
wurde er zunächst nur mit kleineren Aufgaben betraut, so in dem artistischen Trümmerfilm
"Olle Henry" (1982) von Ulrich Weiß und "Die Frau und der Fremde" (1985)
von Rainer Simon nach der Novelle "Karl und Anna" von
Leonhard Frank. Doch mit Herrmann Zschoches
Filmbiografie "Hälfte
des Lebens"1) (1985) und der Titelrolle des Johann
Friedrich Hölderlin gelang Mühe der Durchbruch zum Leinwandstar. Für
seine eindrucksvolle Darstellung des glücklich-unglücklich verliebten Dichters
an der Seite von Jenny Gröllmann als angebetete Bankiersgattin Susette Gontard
wurde er ein Jahr später mit dem Kritikerpreis "Große Klappe"
ausgezeichnet. Nach Bernhard Wickis Alfred Andersch-Verfilmung "Sansibar oder Der letzte Grund" (1987)
und der Rolle des Dr. Grote vertraute ihm Wicki in seiner preisgekrönten Joseph Roth-Adaption
"Das
Spinnennetz"1) (1989) neben Klaus Maria Brandauer und Armin Mueller-Stahl die
Figur des karrieresüchtigen, gewissenlosen Leutnant Theodor Lohse an,
womit Mühe nun auch internationale Beachtung fand und wenig später den
"Bayrischen Filmpreis" als "Bester Darsteller" mit nach Hause nehmen konnte.
Dazwischen lagen Auftritte in verschiedenen ambitionierten TV-Produktionen,
etwa in der Geschichte "Das Buschgespenst" (1986) nach Karl May
oder der Romanze "Nadine, meine Liebe" (1988). Von der Kritik hoch
gelobt wurde Mühe als artistischer Rezitator von Büchner-Texten in Konrad Herrmanns
experimentellem dokumentarische Dichterporträt "Lieb Georg" (1988).
|
Auch nach der so genannten "Wende" blieb Mühe ein vielgefragter
Darsteller, der sich sowohl auf der Bühne, im Fernsehen als auch auf der
Kinoleinwand als vielschichtiger Charakterdarsteller empfahl. Die
Theaterzuschauer konnten ihn unter anderem 1990 bei den Salzburger
Festspielen als König Alphons in Franz Grillparzers "Die Jüdin von
Toledo" in einer Inszenierung von Thomas Langhoff erleben, Gastspiele
am Wiener Burgtheater, an den Hamburger Kammerspielen oder auch bei den Wiener Festwochen
sind nur einige Stationen seiner Bühnentätigkeit. Darüber hinaus war
Mühe ein begnadeter Rezitator, erfreute das Publikum mit Lesungen und Literaturveranstaltungen.
Foto:
Ulrich Mühe und Johanna Schall (Link Wikipedia)
sprechen bei der Berliner Großdemonstration am 4. November 1989
Quelle: Deutsches
Bundesarchiv, Digitale
Bilddatenbank, Bild 183-1989-1104-034;
Fotograf: Hubert Link / Datierung: 4. 11.1989 / Lizenz CC-BY-SA 3.0.
Genehmigung des Bundesarchivs zur Veröffentlichung innerhalb
dieser Webpräsenz wurde am 11.10.2010 erteilt.
Originalfoto und Beschreibung:
Deutsches Bundesarchiv Bild 183-1989-1104-034 bzw. commons.wikimedia.org
|
Den Fernsehzuschauern bleibt Mühe vor allem mit der Figur des
scharfsinnigen, von seinem fast besessen wirkenden Gerichtspathologen Dr. Robert Kolmaar in
der spannenden, preisgekrönten ZDF-Serie "Der letzte Zeuge"2) in nachhaltiger
Erinnerung, seit 1998 machte er mit dieser Rolle in mehr als 60 Folgen bis
zum Schluss Furore. Dass er sich nie auf einen bestimmten Rollentypus
festlegen ließ, bewies der charismatische Schauspieler in unterschiedlichsten
Einzelproduktionen. Peter Vogel besetzte ihn als Protagonisten in seiner
Thomas Mann-Adaption "Der Kleine Herr Friedemann" (1990), in Michael Knofs
Psychodrama "Jugend ohne Gott" (1991) nach Ödön von Horváth
spielte er überzeugend den Lehrer Rockstroh,
der mit seinen humanistischen Bildungsidealen in Widerspruch mit den Nationalsozialisten gerät,
in Frank Beyers Kriegsdrama "Das letzte
U-Boot"1) (1991) gab er den U-Bootkommandanten Gerber.
Der Pfarrer Ohlbaum in Frank Beyers zweiteiligen Fernsehversion von Erich Loests "Nikolaikirche"1) (1995), der
gescheiterte Rechtsanwalt Stefan Phillis in Fred Breinersdorfers Psychothriller "Das
Tödliche Auge"1) (1996) oder der dem Tode nahe
Krebskranke in dem Sat1-Thriller "Sterben ist gesünder" (1997)
sind weitere Figuren, mit denen
Mühe die Fernsehzuschauer in seinen Bann zog. In dem Thriller "Todesengel"1) (1999)
mimte er den Dr. Leon Stein, in dem vielbeachteten Zweiteiler
"Im
Schatten der Macht"2) (2003), dem von Oliver Storz
in Szene gesetzten Doku-Spiel um Bundeskanzler Willy Brandt und dessen
Verstrickung in die Guillaume-Affäre, verkörperte er neben dem
Protagonisten Michael Mendl den ständigen Vertreter der Bundesrepublik in
der DDR, Günther Gaus. Unterhaltsam war das Abenteuer "Das
Geheimnis von St. Ambrose"1) (2006), wo Mühe als Professor Nicolas Cramer
auftauchte, darüber hinaus war er auch mit Gastrollen in so populären
Krimi-Reihen wie "Rosa Roth", "Siska" und natürlich
"Tatort" zu sehen.
Für das Kino hatte Mühe 1992 in Helmut Dietls Oscar-nominierten
Satire "Schtonk"2)
die Rolle des Verlagschefs Dr. Wieland übernommen, mit Manfred Krug spielte
er in Lienhard Wawrzyns die Stasi-Vergangenheit thematisierenden Drama
"Der Blaue" (1994). Dass er auch in Unterhaltungsstreifen durchaus
eine gute Figur machte, hatte er als stressgeplagter Dr. Heinrich Gützkow
in Peter Timms witzigen Geschichte "Rennschwein Rudi Rüssel" (1995)
bewiesen, es folgten Produktionen wie Carlo Rolas Komödie "Peanuts Die Bank zahlt alles" (1996,
u.a. mit Iris Berben) und Helke Misselwitz's eindringliche Studie "Engelchen"2) (1996).
Michael Haneke realisierte mit ihm den umstrittenen medienkritischen
Psychothriller "Funny Games" (1997)
sowie "Das Schloß" (1997) nach der gleichnamigen Erzählung
von Franz Kafka, mit Mühe in der Hauptrolle des "Landvermessers K." Dies
war nach "Benny's Video"2) (1992)
und "Funny Games" die dritte gemeinsame Arbeit mit
dem österreichischen Regisseur Haneke. In der gelungenen Literaturverfilmung verkörpert
Ulrich Mühe die Hauptfigur eindringlich und bringt die ganze Absurdität der Verhältnisse mit seinem Spiel auf den Punkt.
(Quelle: www.defa.de)
Mühe schlüpfte auch auf der Leinwand in die unterschiedlichsten Masken,
mimte den feingeistigen Autor Eschbach in Peter Fratzschers Horrorthriller
"Sieben Monde" (1998), den korrekten Bankier Jacob Gontard in Nina Grosses
"Feuerreiter" (1998) oder den Staatssekretär Markus Paufler in Thomas Bohns
Action-Streifen "Straight Shooter" (1999).
Das Foto wurde mir freundlicherweise von dem Fotografen Edmond Frederik
zur Verfügung gestellt. © Edmond Frederik
|
|
Herrlich seine
Doppelrolle des Harry Geduldig bzw. Joseph Goebbels in Kai Wessels
Politsatire "Goebbels und
Geduldig"1) (2000), bedrückend sein zynischer,
menschenverachtender KZ-Arzt in Constantin Costa-Gavras' Hochhuth-Verfilmung
"Amen."1) (2002,
Der
Stellvertreter3)).
Für Hans W. Geissendörfers "Schneeland" (2005)
nach dem gleichnamigen Roman von Elisabeth Rynell stand Mühe als
tyrannischer Bauer Knövel zusammen mit Julia Jentsch und Thomas Kretschmann
vor der Kamera, dann folgte mit Florian Henckel von Donnersmarcks
Debütfilm "Das
Leben der Anderen"2) (2006) und der Rolle des Stasi-Hauptmanns Gerd Wiesler,
der damit beauftragt wird, einen bekannten DDR-Theaterschriftsteller zu bespitzeln, seine Regimetreue aber mit der Zeit
revidiert, die Krönung von Mühes bisherigen Leinwandkarriere.
|
Bei der
Oscar-Verleihung 2007 wurde das Drama in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film"
ausgezeichnet. Mühe selbst hatte ein Jahr zuvor für seine darstellerische
Leistung den "Deutschen Filmpreis 2006" als "Bester Hauptdarsteller",
den "Europäischen Filmpreis 2006" als "Bester Darsteller" sowie
die "Goldene Henne" entgegen nehmen können, eine Auszeichnung,
die seit 1995 jährlich im Friedrichstadtpalast in Berlin zur
Erinnerung an die 1991 verstorbene Sängerin und Entertainerin Helga Hahnemann (Spitzname
"Henne") verliehen wird.
Foto: Ulrich Mühe und Martina Gedeck bei der Premiere des Films
"Das Leben der
Anderen" (15.03.2006)
Foto mit freundlicher Genehmigung von Bodo Petermann
© Bodo Petermann, BP PHOTO (www.bpphoto.de)
|
Seinen letzten Auftritt im Kino hatte Ulrich Mühe an der Seite von Helge Schneider in der
im Vorfeld kontrovers diskutierten Hitler-Satire "Mein Führer Die wirklich
wahrste Wahrheit über Adolf Hitler"2) (2007)
von Regisseur Dani Levy. Mit der Rolle des jüdischen Schauspielers Adolf Grünbaum,
der Hitler alias Helge Schneider Unterricht geben soll, verbuchte er einen letzten großen
Kinoerfolg.
Neben den erwähnten Preisen war Mühe unter anderem Träger der "Helene-Weigel-Medaille"
und des "Gertrud-Eysoldt-Rings", 1992 konnte er einen
"Bambi" entgegen nehmen, 1994 wurde er mit der " Kainz-Medaille"
ausgezeichnet. Zwei Mal erhielt er den "Deutschen Fernsehpreis" (1998, 2005), 2006 würdigte
man seine Leistungen mit dem "Bernhard-Wicki-Filmpreis".
Posthum wurde ihm 2007 die Ehrenbürgerschaft seiner Geburtsstadt Grimma
verliehen. Der politisch engagierte Künstler im Herbst 1989 gehörte auch Ulrich Mühe zu
den DDR-Künstlern, die am
4. November an der Großdemonstration in Berlin teilnahmen und sich für eine Demokratisierung des Landes
aussprachen war Mitglied der " Akademie der Künste" München und Berlin/Brandenburg.
Am 22. Juli 2007 starb Ulrich Mühe in Walbeck (Sachsen-Anhalt) mit nur 54 Jahren an den
Folgen seiner Magenkrebserkrankung; bereits kurz nach der
Oscar-Verleihung im März 2007 hatte er sich einer Operation unterziehen
müssen. Er hinterließ seine dritte Ehefrau, die Schauspielerin Susanne Lothar2),
sowie seine fünf Kinder.
Foto: Ulrich Mühe und seine Frau Susanne Lothar
Das Foto (einschl. Hintergrund) wurde mir freundlicherweise
von dem Fotografen Kai-Uwe Heinrich (www.kai-uwe-heinrich.de)
zur Verfügung gestellt.
Das Copyright liegt bei Kai-Uwe Heinrich.
© Kai-Uwe Heinrich
|
|
In erster Ehe war der Schauspieler mit der Dramaturgin Annegret Hahn2) verheiratet
gewesen, aus dieser Verbindung stammen die beiden Söhne Andreas
und Konrad, die als Fotograf bzw. Maler erfolgreich sind. Von 1984 bis 1990
war Mühe mit Schauspielerkollegin Jenny Gröllmann2)
(1947 2006) verheiratet, mit der es noch kurz vor deren frühen Tod zu
einer gerichtlichen Auseinandersetzung kam. Die 1985 geborene gemeinsame
Tochter Anna Maria Mühe2)
hat sich inzwischen ebenfalls als Schauspielerin
profiliert. Aus Mühes 1997 geschlossenen Ehe mit Susanne Lothar stammen
Tochter Sophie Marie (geb. 1995) und Sohn Jakob (geb. 1998).
Die Beisetzung fand auf Wunsch des Schauspielers drei Tage später in aller Stille im engsten Familienkreis
auf dem Friedhof in Walbeck statt, dem Ort, wo seine Mutter Isolde und Bruder Andreas
leben.
Freunde, Weggefährten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens
brachten ihre Anteilnahme zum Ausdruck, einhellig wurde Mühe als einer der
"ganz Großen" in der deutschen Theater- bzw. Filmlandschaft
bezeichnet. Der Westdeutsche Rundfunk würdigte Ulrich Mühe für seine
beindruckende "Hingabe an die Schauspielkunst",
WDR-Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff sagte unter anderem "In seinen
zahlreichen Rollen im Fernsehen, im Kino sowie im Theater berührte und
begeisterte er sein Publikum". Die Worte des Kulturstaatsministers Bernd Neumann
stehen stellvertretend für die "Verbeugungen" vor einem der
großen Mimen unserer Zeit: "Mit seiner Kunst und der ihm
eigenen enormen Wandlungsfähigkeit, mit seiner leisen und bescheidenen Art
hat Mühe das Publikum und die Kritiker immer wieder aufs Neue fasziniert. (
) Ulrich Mühe wird vor
allem für Cineasten und Freunde des Theaters unvergessen
bleiben".
|