Übersicht (Auswahl) Theater / Film / Hörspiel
Rolf Boysen; Copyright Virginia Shue Rolf Boysen wurde am 31. März 1920 in Flensburg geboren. Er gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Theaterschauspielern unserer Zeit und interpretierte im Verlaufe seiner langen Karriere eine Vielzahl von Rollen sowohl in klassischen als auch modernen Bühnestücken, arbeitete unter anderem mit so berühmten und renommierten Regisseuren wie Fritz Kortner, Hans Lietzau, Dieter Dorn, Erwin Piscator, Hans Schweikart und Thomas Langhoff zusammen. So brillierte er unter anderem als Shakespeare'scher "König Lear"1), "Macbeth"1) und "Othello"1), glänzte als Dorfrichter Adam in Kleists "Der zerbrochne Krug"1), als Nathan in Lessings "Nathan der Weise"1) oder als Philipp II. in Schillers "Don Karlos"1), ebenso wie als Jean in Strindbergs "Fräulein Julie"1) oder als Ägypter Amenothep in "Meine Grabinschrift" von Herbert Achternbusch1) – um nur einiges zu nennen.
 
 
Das Foto wurde mir freundlicherweise von der
Fotografin Virginia Shue (Hamburg) zur Verfügung gestellt.
 Das Copyright liegt bei Virginia Shue.
Nach seinem Abitur 1939 bzw. einer sich anschließenden einer kaufmännischen Ausbildung konnte Rolf Boysen zunächst seine Pläne, Schauspieler zu werden, nicht verwirklichen. Er wurde zum Kriegsdienst berufen und erst nach Ende des 2. Weltkrieges besuchte er in Hamburg ein Schauspielstudio. Sein Bühnendebüt gab er 1948 in Dortmund, weitere Engagements führten den jungen Schauspieler nach Kiel (1952–1954), Hannover (1954–1956) und an das "Schauspielhaus Bochum"1) (1956–1958) zu Hans Schalla1). Unter dessen Regie machte er beispielsweise als Königsohn Sigismund in "Das Leben ein Traum"1) von Calderón de la Barca auf sich aufmerksam, interpretierte den Marc Anton1) in dem Shakespeare-Drama "Julius Caesar"1), den Hjalmar Ekdal in Ibsens "Die Wildente"1) und wurde als Shakespeares "Macbeth" gefeiert.
Anschließend gehörte Boysen (vorerst) bis 1968  zum Ensemble der "Münchner Kammerspiele"1), danach wechselte er bis 1978 an das ""Deutsche Schauspielhaus"1) in Hamburg, gab zudem Gastspiele am den Berliner "Staatlichen Schauspielbühnen", am Wiener "Burgtheater" und am "Düsseldorfer Schauspielhaus", um anschließend ab 1978 wieder für mehr als zwanzig Jahre an den "Münchner Kammerspielen" auf der Bühne zu stehen. Dieter Dorn, zwischen 1983 und 2001 Intendant der "Kammerspiele", gehörte zu Boysens wichtigsten Regisseuren. Als Dorn 2001 die Intendanz des "Bayerischen Staatsschauspiels"1) übernahm, ging Boysen mit ihm, beeindruckte hier – als bereits über 80-Jähriger – mit der Figur des Shylock in Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig"1) in einer Inszenierung von Dieter Dorn mit Thomas Holtzmann (1927 – 2013) in der Titelrolle; außerdem spielte er unter Dorns Regie den Karl in "Der Schein trügt" von Thomas Bernhard1) (ab 2001) sowie den Dionysos in "Die Bakchen"1) (2005) von Euripides→ Auszug Theater-Wirken.
Boysens Lesungen am "Bayerischen Staatsschauspiel" bzw. seine Sprech-Kunst waren immer wieder ein Ereignis, beispielsweise brachte er in den letzten Jahren an fünf aufeinanderfolgenden Abenden Homers "Ilias"1) (Februar 2003 in der Allerheiligen-Hofkirche1)) zu Gehör. Darüber schrieb Joachim Kaiser1) in der "Süddeutschen Zeitung" (24.06.2003) unter anderem: "Einzig Worte, Dichter-Worte – realistisch grimmig, Schritt für Schritt voranschreitend, archaisch fern, aber kaum je abstrus, und wie von machtvollen Ideen durchströmt. Boysen, ganz uneitel der Sache verbündet, sprach mit drängender Vehemenz. Er gliederte, ordnete, akzentuierte souverän und unauffällig. Bot weder dickes Pathos, das rasch unerträglich, noch gefühllose Sachlichkeit, die rasch langweilig wird. (…) Boysen glaubt an die Kraft, an die Wirkungsmacht, an die – Menschheitsgeschichte bewahrende – Gewalt von Sprach-Kunst. Und sein atemlos mitgehendes Münchner Publikum ließ erkennen, dass er sich in seinem Wort-Vertrauen nicht getäuscht hatte."
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Im Mai 2004 folgten im "Residenztheater" die "Metamorphosen"1) von Ovid, im November das mittelalterliche Heldenepos "Nibelungenlied"1) (auch als Hörbuch) in der Allerheiligen-Hofkirche. Aus der "Aeneis"1) von Vergil las Boysen im April 2006 im "Residenztheater", im Juni 2007 interpretierte er dort Dantes "Göttliche Komödie"1), im Mai 2008 den fragmentarischen Versroman "Tristan"1) von Gottfried von Straßburg1) und am 28. Oktober 2009 brachte der Charaktermime mit Wolfram von Eschenbachs Versroman "Parzival"1) dem Publikum im "Residenz Theater" ein weiteres Werk der Weltliteratur nahe. Im Jahre 2011 stand der Solo-Abend "Rolf Boysen liest Heinrich von Kleist"1) auf dem Programm, eine Lese-Reihe, die inzwischen auch als Hörbuch verfügbar ist. Seinen letzten Bühnenauftritt hatte Boysen am 2. Juli 2012 mit der Lesung "Der Wij"1) von Nikolai Gogol in der Reihe "Nachtseiten" des "Residenztheaters". Einige dieser Lesungen sind bei "Der Hörverlag"1) (München) auf CD erschienen.
 
Auch die Fernsehzuschauer konnten sich im Verlaufe der Jahrzehnte, meist in Klassiker-Adaptionen oder historischen Stoffen, von der Vielseitigkeit des großen Charaktermimen überzeugen. Bereits 1958 sah man ihn mit der Rolle des Simon Chachava in der Brecht-Verfilmung "Der Kaukasische Kreidekreis", drei Jahre später beeindruckte er an der Seite von Hamlet-Darsteller Maximilian Schell als Offizier Bernardo in Franz Peter Wirths1) TV-Inszenierung "Hamlet, Prinz von Dänemark" oder war 1966 der Jesus-Verräter Judas Iskariot1) in "Pontius Pilatus" (Regie: Hagen Mueller-Stahl1)) mit Wolfgang Preiss als römischem Statthalter Pontius Pilatus1).
In dem Vierteiler "Die Odyssee"1) (1968) erlebte man den Schauspieler als Agamemnon1), unter der Regie von Wolf Vollmar gestaltete er in dem Mehrteiler "Michael Kohlhaas" (1969), gedreht nach der Novelle von Heinrich von Kleist1),  den Titelhelden  → fernsehserien.de.
Vor allem aber mit der grandios verkörperten Titelrolle in Franz Peter Wirths vierteiligen "Wallenstein"-Verfilmung (1978), gedreht nach der Biographie von Golo Mann, bleibt Rolf Boysen nachdrücklich in Erinnerung. Franz Peter Wirth besetzte ihn zudem mit der Rolle des Lotsenkommandanten Schwarzkopf, Vater von Morten Schwarzkopf (Rainer Goernemann), in seiner monumentalen 11-teiligen TV-Verfilmung "Buddenbrooks" (1979). 1984 stand er einmal mehr für Franz Peter Wirth vor der Fernsehkamera, als Herzog von Alba in der Fernsehfassung von Goethes "Egmont" sowie als spanischer König Philipp II. in Schillers "Don Carlos". 1990 begeisterte er auch im Fernsehen als Dorfrichter Adam in "Der Zerbrochene Krug" und 1997 als Friedrich Wilhelm in der Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" - beides Aufzeichnungen aus den "Münchner Kammerspielen". Seither machte sich Boysen sehr zum Leidwesen der Zuschauer auf dem Bildschirm rar.

Rolf Boysen 1964 mit Mady Rahl (1915 – 2009)
in "Tom und seine Söhne" ("The Country Boy")
von John Murphy; Regie: Fritz Umgelter1)
Foto mit freundlicher Genehmigung von SWR Media Services; © SWR

Rolf Boysen 1964 mit Mady Rahl (1915 - 2009) in "Tom und seine Söhne" (The Country Boy) von John Murphy; Regie: Fritz Umgelter; Foto mit freundlicher Genehmigung von SWR Media Services; Copyright SWR
Im Kino trat Rolf Boysen nur in wenigen Filmen in Erscheinung, so stand er beispielsweise für "Bekenntnisse eines möblierten Herrn"1) (1963), "Liebesnächte in der Taiga"1) (1967), "Als Mutter streikte"1) (1974) und "Die wunderbaren Jahre"2) (1979) vor der Kamera; in Dominik Grafs Filmessay "München – Geheimnisse einer Stadt"1) (2000) war seine markante Stimme als Erzähler zu hören → mehr Filmografie.
Darüber hinaus bereicherte Boysen mit seiner unverwechselbaren Stimme zahlreiche Hörspiele, eine Auswahl der bei der ARD Hörspieldatenbank gelisteten Produktionen findet man hier. Als Synchronsprecher lieh der Künstler seine Stimme unter anderem Bela Lugosi (1931, "Dracula"1)), Pierre Mondy1) (1961, "Der Graf von Monte Christo"1)), Eli Wallach1) (1963, "Die Sieger"1)), Leonard Nimoy1) (1973, "Columbo: Zwei Leben an einem Faden") und Peter Jones1) (Erzähler) in der Serie "Per Anhalter durch die Galaxis"1) (1980) → www.synchronkartei.de.
  
Anlässlich seines 75. Geburtstags, den Rolf Boysen 1995 zugleich mit seinem 50-jährigen Bühnenjubiläum feiern konnte, schrieb damals die Süddeutsche Zeitung unter anderem: "Den Glanz, den Boysen in all seinen Rollen sucht und mit dem er seine Figuren beleben will, ist die Menschlichkeit … Sein Spiel ist die Fortsetzung des Blochschen Prinzips Hoffnung auf der Bühne – und im Leben.
Karin Lottermoser veröffentlichte das Buch "Der Schauspieler Rolf Boysen – Seine Karriere im Spiegel der Presse (1946 – 1996); der Buchrückentext weist unter anderem aus: "Rolf Boysen ist einer der großen deutschen Theaterschauspieler. Das Publikum verehrt ihn, die Rezensenten tasten seinen Status nicht an. Seine Figuren faszinieren, weil er ihnen keine Plausibilität aufoktroyiert, sondern ihnen ihre Widersprüche und Unergründlichkeit bewahrt. Hinter der Professionalität der ästhetischen Gestaltung lässt sich immer menschliches Interesse erkennen. Ein Darsteller von solchem Rang verdient es, nicht unkritisch betrachtet zu werden."
Boysen selbst brachte – neben zahlreichen Hörbucheinspielungen – 1998 seine Reflexionen, Essays und Arbeitsnotizen über das Theater in "Nachdenken über Theater" auf den Markt.
 
Zahlreiche Auszeichnungen untermauern die herausragende Stellung Boysens als "Jahrhundertschauspieler" bzw. seine künstlerischen Leistungen, neben einer "Goldenen Kamera"1) (1967, für seine Wandlungsfähigkeit in sechs unterschiedlichen Hauptrollen), der "Wiesbadener Theatermedaille" sowie verschiedenen Kritikerpreisen erhielt er 1998 den "Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst"1), im gleichen Jahr den Ehrenpreis des "Bayerischen Theaterpreises"1). 1999 folgte der "Kulturelle Ehrenpreis der Landeshauptstadt München"1), 2003 konnte er zusammen mit Thomas Holtzmann den Ehrenpreis des "Verbandes der deutschen Kritiker e. V." (Deutscher Kritikerpreis1)) entgegen nehmen. 2009 wurde ihm das "Große Bundesverdienstkreuz" verliehen.
 
Mit Rolf Boysen – er wurde 94 Jahre alt  – starb am 16. Mai 2014 in München einer "der großen, prägenden Zeugen des deutschen Theaters. Einer der wenigen, die feierlich werden konnten, ohne zu langweilen." schrieb unter anderem DIE WELT in ihrem Nachruf. Die letzte Ruhe fand Boysen auf dem Bogenhausener Friedhof1) → Foto der Grabstelle bei Wikimedia Commons bzw. knerger.de.
Die Theater-Legende war verheiratet und Vater einer Tochter sowie zweier Söhne: Markus Boysen1) (geb. 1954) ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten, gehört inzwischen ebenfalls zu den renommierten Charakterdarstellern der deutschen Bühne und tritt in den letzten Jahren auch vermehrt im Fernsehen auf. Sohn Peer Boysen1) (geb. 1957) arbeitet als Regisseur und Bühnenbildner. Aus einer früheren Ehe von Rolf Boysen stammt Tochter Sabine. 
Quelle (unter anderem) "Henschel Theaterlexikon"*)
Siehe auch Wikipedia, filmportal.de, "100 Jahre Münchner Kammerspiele" sowie
den Artikel zum 90. Geburtstag bei www.faz.net und die Nachrufe bei
www.zeit.de, www.deutschlandfunk.de
*) Henschel Theaterlexikon (Hrsg. C. Bernd Sucher; Henschel Verlag, 2010, S.  99/100)
Fremde Links: 1) Wikipedia, 2) filmportal.de
   
Theater-Wirken (Auszug)
Quelle (unter anderem): "Henschel Theaterlexikon",
 Hrsg. C. Bernd Sucher (Henschel Verlag, 2010, S. 99/100)
(Fremde Links: Wikipedia;  R = Regie,  UA = Uraufführung, P =  Premiere)
"Münchner Kammerspiele" "Bayerisches Staatsschauspiel", München "Deutsches Schauspielhaus", Hamburg "Staatliche Schauspielbühnen", Berlin "Burgtheater", Wien "Salzburger Festspiele"
Filme
Filmografie bei der Internet Movie Database sowie filmportal.de
(Fremde Links: Wikipedia, filmportal.de, Die Krimihomepage, fernsehserien.de, deutsches-filmhais.de)
Kinofilme Fernsehen (Auszug)
Hörspielproduktionen (Auszug)
1950er 1960er 1970er 1980er 1990er ab 2000
(Fremde Links: ARD-Hörspieldatenbank (mit Datum der Erstausstrahlung), Wikipedia)
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