Hertha Thiele
Hertha Thiele wurde am 8. Mai 1908 als zweite Tochter eines Schlossermeisters in Leipzig geboren. Nach dem Abitur und einer einer kurzen Ausbildung zur Schauspielerin gab sie 1927 in dem Ferdinand Bruckner-Stück "Krankheit der Jugend" ihr Bühnendebüt am Schauspielhaus ihrer Geburtsstadt, wo sie in den folgenden Jahren – bis auf einige Verpflichtungen in Berlin – wirkte.
Zum Film kam Hertha Thiele Mitte der 1920er Jahre und spielte erstmals eine kleine Rolle in "Drei Portiermädels" (1925). Der Durchbruch auf der Leinwand gelang ihr 1931 mit der Rolle der Manuela von Meinhardis in dem aufsehenerregenden Internats-Drama "Mädchen in Uniform"1) (1931), das Leontine Sagan1) (1889 – 1974) nach dem Bühnenstück "Ritter Nérestan" (späterer Titel "Gestern und Heute") von Christa Winsloe verfilmt hatte. Auf wirklichen Ereignissen beruhend werden die unmenschlichen Zustände in einem preußischen Mädcheninternat aufgedeckt, die keinen Platz für Gefühle lassen und die Heldin in den Freitod treiben. Bereits auf der Bühne hatte Hertha Thiele mit dieser Figur in der Uraufführung am 27. November 1930 in Leipzig brilliert und damit ihren Erfolg als anerkannte Charakterdarstellerin feiern können. 1958 brachte Regisseur Géza von Radványi ein Remake1) des Stoffes mit Lilli Palmer und Romy Schneider in die Kinos.
  
Nach diesem großen Erfolg wurde Hertha Thiele von der "Prometheus-Film" für weitere Streifen verpflichtet. In Slatan Dudows proletarischem Spielfilm "Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?"1) (1932) beispielsweise – hier hatte Bertolt Brecht als Drehbuchautor mitgewirkt – zeigte sie sich mit der Rolle des Arbeitermädchens Anni an der Seite von Ernst Busch, spielte in Gustav Ucickys freien Honoré de Balzac-Adaption "Mensch ohne Namen"2) (1932) mit Werner Krauss oder in "Kleiner Mann – was nun?" (1933) mit Hermann Thimig. Ebenfalls 1933 sah man sie mit der Hauptrolle in Carl Froelichs "Reifende Jugend"1), mit ihrer Partnerin aus "Mädchen in Uniform", Dorothea Wieck, spielte sie in Frank Wisbars Melodram "Anna und Elisabeth"2) sowie ein Jahr später mit Gustav Diessl in dem Berg-Melodram "Die Weiße Majestät"3) (1934). Ihr letzter Film während der Nazi-Zeit war die Titelheldin in Thea von Harbous Regiedebüt "Elisabeth und der Narr" (1934), ein Streifen, der seinerzeit einhellig als Kolportagekonglomerat abqualifiziert und wegen Verletzung religiösen Empfindens beanstandet wurde. Nach mehrfachen örtlichen Polizeiverboten wegen Gefährdung der öffentlichen Ruhe und Ordnung gab die Berliner Film-Oberprüfstelle den Film unter Auflagen und nach Änderung des Titels ("Elisabeth, die weiße Schwester von St. Veith") frei.4)
  
1933 hatte die Schauspielerin ein Angebot abgelehnt, in dem Nazi-Propaganda-Streifen "Hans Westmar"1) mitzuwirken, aus diesen und anderen Gründen wurde sie 1936 aus der "Reichstheater- und Filmkammer" ausgeschlossen. Hertha Thiele selbst sagte 1981 in einem Interview: "Ich bekam einen Prozess wegen meiner Beziehungen zu Kommunisten und Juden". 1937 emigrierte sie in die Schweiz, konnte jedoch sowohl auf der Bühne als auch beim Film nicht an ihre früheren Erfolge anknüpfen. Sie hielt sich mit einfachen Arbeiten über Wasser, war unter anderem in einem Labor und als Hausangestellte tätig.
1942 erhielt sie ein Engagement an das "Berner Stadttheater", heiratete später in zweiter Ehe einen Schweizer und ging mit diesem 1949 in die ehemalige DDR. Zwei Jahre lang arbeitete sie unter anderem beim Rundfunk, der Versuch ein Boulevard-Theater aufzubauen, scheiterte. Hertha Thiele ging 1951 in die Schweiz zurück, arbeitete zwischen 1952 und 1955 am Theater in Bern, danach war sie als Schwester in der Psychiatrie tätig.
Erst 1966 kehrte sie in die DDR zurück, stand wieder in Magdeburg und Leipzig auf der Bühne und konnte sich als Theaterschauspielerin etablieren; zwischen 1968 und 1979 war sie auch Ensemblemitglied des "Deutschen Fernsehfunks" (DFF).
Als Hertha Thiele nach 33-jähriger Pause wieder filmte, fielen ihr überwiegend kleine Rollen zu – als beherzte Nachbarin und wundersame Tante, als besorgte Mutter oder ältliches Fräulein. So etwa in "Husaren in Berlin" (1971), "Die Legende von Paul und Paula"1) (1974) oder "Hostess"1) (1976). Fünfundvierzig Jahre nach dem Arbeitermädchen Anni spielt Hertha Thiele in einer Hauptrolle bei Lothar Warneke als alte Werkmeisterin die Schwiegermutter der Heldin in "Die unverbesserliche Barbara" (1976/77). Die ergreifende Studie einer durch Kriegserlebnisse verwirrten Großmutter in dem Studentenfilm "Insel im See" (1980/81) war ihre letzte Rolle. Daneben stand sie auch für etliche Fernsehproduktionen oder einige der beliebten TV-Reihen "Polizeiruf 110" vor der Kamera; ihr Film-Comeback im Westen scheiterte.
1975 dreht das DDR-Fernsehen über sie das Filmporträt "Das Herz auf der linken Seite".
 
Hertha Thiele, die zwischen 1932 und 1936 mit dem Schauspieler Heinz Klingenberg1) (1905 – 1959) verheiratet war, starb am 5. August 1984 mit 76 Jahren in Ost-Berlin. In Potsdam-Drewitz erinnert der "Hertha-Thiele-Weg" an den einstigen Filmstar, der nur eine kurze Leinwandkarriere beschieden war.
Ihren knabenhafter Körper, gepaart mit einem madonnenhaften Gesicht, nutzte die Leinwand in frühen Rollen für eine doppeldeutige erotische Aussage. Sie konnte aber auch ganz direkt agierende Proletarierinnen spielen, die umwerfend realistisch und unsentimental die Arme in die Hüften stemmen. Nicht umsonst hatte der Theaterkritiker Herbert Ihering schon 1931 geschrieben: "Hertha Thiele ist … eine Begabung für frische, nicht für sentimentale Rollen."5)
 
Link: 1) Wikipedia, 2) Murnau Stiftung, 3) www.film.at
Quelle: 4) www.zweitausendeins.de, 5) "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf  Heinzelmeier/Berndt Schulz, Ausgabe 2000, S. 347
Textbausteine des Kurzportraits aus:
"Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf  Heinzelmeier/Berndt Schulz, Ausgabe 2000, S. 346/347
"Lexikon der DDR-Stars" von F.-B. Habel und Volker Wachter, Ausgabe 1999, S. 335
sowie www.cyranos.ch
Siehe auch Wikipedia und den Artikel bei www.kultur-szene.de zum 25. Todestag
Fotos bei film.virtual-history.com
  
Kinofilme
Filmografie bei www.imdb.de
(Link:  Wikipedia, Murnau Stiftung)
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