Kurt Raab wurde am 20. Juli 1941 im damals böhmischen Bergreichenstein geboren; er wuchs ab 1945 in Bayern auf, zunächst im oberfränkischen Weißenbrunn, dann im niederbayerischen Steinbeißen, wo sein Vater als Pferdeknecht arbeitete. Später besuchte er in Straubing das Musische Gymnasium, wo er den Komponisten Wilhelm Rabenbauer alias Peer Raben1) (1940 – 2007) kennen lernte, mit dem er nach dem Abitur 1963 nach München ging. Dort begann er ein Studium der Germanistik und Geschichte, wandte sich dann aber bald dem Fernsehen zu, nachdem er schon während des Studiums als Kabelträger beim Fernsehen des Bayerischen Rundfunks gearbeitet hatte; bis 1969 war Raab als Requisiteur für das ZDF und für die "Bavaria Produktionsgesellschaft" tätig. 
Während seiner Münchener Zeit kam er 1966 am "action-theater" mit Rainer Werner Fassbinder1) (1945 – 1982) in Kontakt, der sein langjähriger Weggefährte wurde und mit dem er bis 1977 eng zusammenarbeitete. Sein Debüt als Schauspieler gab Raab 1967 in Peer Rabens "Antigone"-Bearbeitung am "action-theater", im gleichen Jahr sah man ihn in der Raben/Fassbinder-Gruppenproduktion "Leonce und Lena". 1968 gehörte er neben Fassbinder und Hanna Schygulla zu den Gründern des berühmten "antitheater"1), an dem er in der Folge in verschiedenen Fassbinder-Inszenierungen zu sehen war. So unter anderem 1969 als "Peachum" in Brechts "Die Bettleroper" oder als Mörder in "Pre-paradise sorry now". Beindruckend war seine schauspielerische Leistung mit der Titelrolle in Fassbinders "Warum läuft Herr R. Amok?", einem Part, den er in der gleichnamigen Verfilmung1) (1970) ebenfalls übernahm. 1971 wechselte Raab an das Schauspielhaus in Bremen, 1972 ging er zusammen mit Fassbinder an das Bochumer Schauspielhaus, ein Jahr später sah man ihn in Fassbinders "Hedda Gabler"-Inszenierung an der Berliner "Freien Volksbühne".
 
Hervorzuheben ist Raabs Filmarbeit mit Fassbinder sowohl in Fernseh- als auch Kinoproduktionen: In der Zeit von 1969 bis 1977 wirkte er in 31 Fassbinder-Filmen mit, nicht nur als Darsteller und Ausstatter, sondern zum Teil auch als Drehbuchautor, Regieassistent und Produktionsleiter. So erlebte man ihn unter anderem auf der Leinwand in "Der Amerikanische Soldat"2) (1970), "Warnung vor einer heiligen Nutte"2) (1971), "Händler der vier Jahreszeiten"2) (1972), "Angst essen Seele auf"1) (1974) oder "Mutter Küsters' Fahrt zum Himmel"2) (1975). In "Satansbraten"3) spielte er 1976 beeindruckend den anarchistischen Dichter Walter Kranz.
Bolwieser; Copyright Einhorn-Film

Im Fernsehen stand Raab beispielsweise als Bischof in "Die Niklashauser Fart"2) (1970) vor der Kamera, mimte einen Tankwart in "Rio das Mortes"2) (1971), den Harald in dem Mehrteiler "Acht Stunden sind kein Tag"1) (1972), einen Fabrikboss in "Wildwechsel"1) (1973) oder den Mark Holm in dem Zweiteiler "Welt am Draht"1) (1973). 1977 erlebte am ihn mit der Titelrolle in dem zweiteiligen Bayerischen Kleinstadt-Drama "Bolwieser"3), mit dem Fassbinder nach dem Roman von Oskar Maria Graf am Beispiel des verblendeten Bahnhofsvorstehers Xaver Ferdinand Maria Bolwieser ein beeindruckendes Bild der kranken Prä-Nazi-Zeit-Gesellschaft nachzeichnete.
 
(siehe auch alle Fassbinder-Filme bei deutsches-filmhaus.de)
 
Foto mit freundlicher Genehmigung von Einhorn-Film
© Einhorn-Film/Weltlichtspiele Kino GmbH

Während und nach seiner Fassbinder-Zeit arbeite Raab mit zahlreichen anderen bedeutenden Regisseuren zusammen: Unter anderem sah man ihn in Reinhard Hauffs Filmen "Die Revolte" (1969), "Mathias Kneißl"2) (1971), "Die Verrohung des Franz Blum"1) (1973) und "Endstation Freiheit"2) (1980). Mit Uli Lommel drehte er den Thriller "Die Zärtlichkeit der Wölfe"1) (1972), einer freien Variante um den berüchtigten Massenmörder Haarmann, sowie "Adolf und Marlene" (1976), wo er als "Führer Adolf Hitler" auftrat. Mit Ulrike Ottinger drehte er "Bildnis einer Trinkerin"1)  (1979), Hans W. Geissendörfer gab ihm die Rolle des Dr. Krokowski in der Thomas Mann-Verfilmung "Der Zauberberg"2) (1982), Herbert Achterbusch besetzte ihn in "Das Gespenst"1) (1983). Zu Raabs weiteren Kinoproduktionen zählen unter anderem "Im Himmel ist die Hölle los"1)  (1984), "Der Formel Eins Film" (1985), "Bittere Ernte"1) (1985) und "Motten im Licht" (1987). Im Fernsehen war er in den 1980er Jahren beispielsweise in der Serie "Franz Xaver Brunnmayr" (1984) zu sehen, mischte in der Kultserie "Kir Royal"1) (1986) mit oder stand für die Serien "Der Elegante Hund" und "Reporter" (1988) vor der Kamera.
 
Wie kein Zweiter verkörperte Kurt Raab den Spießer des deutschen Kinos: Miese Biedermänner, angepasste Opportunisten, passionierte Fieslinge brachte er reihenweise vor die Kamera, manchmal unterwandern allerdings grelle, groteske Züge die Lust am Verschwinden hinter der Rolle. Er sagte selbst: "Ich liebe nichts mehr als plüschige Schwülstigkeit", und diesen Hang rieb er allen seinen unvergesslichen Figuren ein. Andrerseits betonte er immer wieder: "Ich spiele mich nicht selbst", deshalb blieb er mehr als die Summe seiner Rollengestalten: ein Mann mit Mut zum provozierend-schlechten Geschmack.4)
Seine schriftstellerischen Fähigkeiten hat Kurt Raab mit einer Fassbinder-Biografie bewiesen: Im September 1982 veröffentlichte er zusammen mit dem Journalisten Karsten Peters das Buch "Die Sehnsucht des Rainer Werner Fassbinder", unter dem von Fassbinder verliehenen Kosenamen "Emma Kartoffel" war er Kolumnist für die Filmzeitschrift "Cinema". Nur ein einziges Mal stand Raab als Regisseur hinter der Kamera, realisierte mit seinen Protagonisten Udo Kier und Barbara Valentin "Die Insel der blutigen Plantage"1) (1982).

In seinen letzten Lebensjahren war Raab noch einige Male am "Hamburger Schauspielhaus" zu sehen, doch wurden seine Auftritte immer seltener, nachdem er sich mit der Immunschwächekrankheit AIDS infiziert hatte. Seine Ängste und Erfahrungen als AIDS-Kranker schilderte er in Herbert Achternbuschs Film "Wohin?"2), außerdem drehte er zusammen mit dem Schauspieler Hans Hirschmüller einen Videofilm über sich und sein Leiden unter dem Titel "Mitten im Leben" (1988). Drei Wochen vor seinem Tod berichtete er in der Fernseh-Talkshow von NDR 3 noch einmal offen über sein Schicksal und bekannte sich auch freimütig zu seiner Homosexualität.
Kurt Raab, der 1971 mit dem "Bundesfilmpreis" für die Ausstattung des Fassbinder-Melodrams "Whity"1) (1970) ausgezeichnet worden war, erlag am 28. Juni 1988 im Alter von 46 Jahren im Hamburger Tropeninstitut seiner AIDS-Erkrankung; nach seinem Tod verweigerte die bayerische Heimatgemeinde Steinbeißen seine Erdbestattung.
  

Link: 1) Wikipedia, 2) deutsches-filmhaus.de, 3) prisma-online.de
Quelle: 4) "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf Heinzelmeier/Berndt Schulz, Ausgabe 2000, S. 294
Siehe auch Wikipedia, www.deutsches-filmhaus.de
Nachrufe bei www.filmzentrale.com und www.spiegel.de
  
Filme (Auszug; als Darsteller)
Filmografie bei www.imdb.de
(Quelle und Link: Wikipedia; weitere Links: deutsches-filmhaus.de, prisma.de)
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