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Ein Jahr zuvor war Bierbichler für seine Verkörperung des Lopachin in Peter Zadeks Tschechow-Inszenierung
"Der Kirschgarten" am Wiener Burgtheater vom Fachblatt "Theater
heute" zum "Schauspieler des Jahres" gewählt worden. In
jüngerer Zeit begeisterte der Charakterdarsteller das Publikum auch mit den
Hauptrollen in Shakespeares "König Lear" (1999) oder dessen "Sommernachtstraum" (2001) um
nur wenige von Bierbichlers herausragenden Theaterauftritten zu nennen. Das eigenwillige Einpersonenstück "Holzschlachten. Ein Stück Arbeit" entstand nach einer Idee bzw. einem Konzept von Josef Bierbichler, basierend auf Interviews des Journalisten Bruno Schirra zwischen 1995 und 1998 mit dem KZ-Arzt Hans Münch sowie Monologen des Schriftstellers Florian List und wurde mit Bierbichler in der Rolle des SS-Arztes Hans Münch Mitte Juni 2006 an der Berliner Schaubühne uraufgeführt. "Es geht um einen älteren Mann, umgeben von Bergen von Holzstämmen. Er zerlegt sie fachmännisch und sorgfältig und der Rhythmus seiner Arbeit bringt ihn zum Reden. Darüber, was er getan hat, bevor er anfing, Holz zu hacken. Arbeit ist Arbeit. Und wenn er sie macht, will er sie gut machen. Ein verstörender Monolog über die Routine der grausamen Vernichtungsmaschinerie des Nationalsozialismus und über den Umgang mit der Vergangenheit und der Schuld." (Quelle: www.schaubuehne.de) "Die Selbstverständlichkeit, mit der Münch über Auschwitz spricht, wie hemmungslos und ungebremst er redet, erzählt viel mehr als jeder Hinweis auf das Verbrechen", so Bierbichlers persönlicher Kommentar zu seinem eindringlichen Solo gegen das Vergessen. Zu den Höhepunkten in Bierbichlers Theaterschaffen gehörte am 18. Mai 2008 die Verleihung des "Theaterpreises Berlin"1) der Stiftung Preußische Seehandlung anlässlich des "Berliner Theatertreffens". Bierbichler erhielt die Auszeichnung für "herausragende Verdienste um das deutschsprachige Theater". Nach Angaben der Jury "gibt es kaum einen anderen deutschsprachigen Bühnendarsteller, der mit seiner einfachen Präsenz das Publikum so sehr in seinen Bann zu ziehen vermag". Weiter hieß es unter anderem: "Er ist kein Verwandlungskünstler, sondern ein Versinnlicher von Haltungen und Gefühlen. Dieser Schauspieler erklärt uns nicht Figuren und Situationen, er stellt sie nicht her oder aus, sondern er befragt sie im unangestrengten Spiel. Statt in fremde Figuren zu schlüpfen, erkundet er diese, indem er alle Nähe und Fremdheit aus sich selbst heraus holt, Bierbichlers Theaterspiel speist sich stark aus seiner Physis. ( ) Da Joseph Bierbichler zur Spezies des "denkenden Schauspielers" gehört, der nicht nur Widersprüche auf der Bühne zeigt, sondern sie auch im Leben findet, mischt er sich immer wieder mit Gegenrede und Widerspruch in gesellschaftliche und politische Diskurse ein." Dass Bierbichler diese Ehrung zu Recht bekam, bewies er auch an der Berliner "Schaubühne" mit der Titelrolle in Ibsens Drama "John Gabriel Borkmann". In dem von Thomas Ostermeier inszenierten Schauspiel verlieh Bierbichler dem kaltherzigen, machtbesessenen Bankier Borkmann eigenwillig Kontur, Angela Winkler und Kirsten Dene brillierten als Schwestern, deren Leben von Borkmann fremdbestimmt und am Ende zerstört wird. Die Premiere fand am 14. Januar 2009 vor ausverkauftem Haus statt, Bierbichler interpretierte Borkmann als selbstsicheren und selbstgerechten Mann, der nur darauf wartet, dass seine einstigen Widersacher "zu Kreuze kriechen", mit viel Applaus und Bravo-Rufen ging ein gelungener Theaterabend zu Ende. → www.schaubuehne.de
Seit Mitte der 1970er Jahre wurde Bierbichler durch Rollen in zahlreichen
Filmproduktionen, aber auch in viel beachteten Fernsehspielen
einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Als herzoglicher Jäger
Simmerl hatte er 1975 sein TV-Debüt in "Der Brandner Kaspar und das ewig'
Leben"1) gegeben, spielte bis Ende der 1980er Jahre in etlichen
anarchischen Heimatfilmen des Regisseurs Herbert Achternbusch mit, wie
beispielsweise in "Bierkampf"1) (1977), "Der Junge Mönch" (1978),
"Der Neger Erwin" (1981), "Der Komantsche" (1981),
"Das Gespenst"1) (1983), "Rita Ritter" (1984), "Wanderkrebs" (1984),
"Heilt Hitler!" (1986) oder "Wohin?" (1988).
Für seine eindringliche schauspielerische Leistung wurde Bierbichler am 4. Mai 2007 bei der 57. Verleihung der Deutschen Filmpreise in Berlin mit einer "Goldenen Lola" als "Bester männlicher Hauptdarsteller" ausgezeichnet. (siehe auch "Winterreise" bei Wikipedia) Gerade abgedreht hatte er unter der Regie von Caroline Link (auch Drehbuch) das Familiendrama "Im Winter ein Jahr"1). Nach dem Roman "Aftermath" von Scott Campbell zeichnet die Filmemacherin beeindruckend das atmosphärische Portrait einer zerrissenen Familie, Bierbichler spielt den Künstler Max Hollander, der von Eliane Richter (Corinna Harfouch) gebeten wird, ein Bild ihrer beiden Kinder zu malen, der 22-jährigen Lilli (Karoline Herfurth), einer talentierten Tanz-Studentin, und des 19-jährigen Alexander (Cyril Sjöström), der vor einem knappen Jahr tödlich verunglückt ist. Als Lilli, zunächst lustlos, zu Sitzungen im Studio des Malers erscheint, merkt dieser schnell, dass sie in großen emotionalen Schwierigkeiten steckt und er versucht, die ehemals tiefe Verbindung der Geschwister besser zu verstehen.4) Kinostart war der 13. November 2008, bei der Verleihung des "Deutschen Filmpreises" am 24. April 2009 in Berlin wurde "Im Winter ein Jahr" als "Bester Spielfilm" mit einer "Lola in Silber" prämiert. Ebenfalls Ende 2008 kam die österreichische Produktion "Der Knochenmann"1) von Regisseur Wolfgang Murnberger in die Kinos, gedreht nach einem der Bestseller-Romane von Wolf Haas um den kauzigen Privatdetektiv "Brenner", gespielt von Josef Hader. Bierbichler glänzt in dieser skurrilen Geschichte als Notoriker namens Löschenkohl, Chef einer gleichnamigen Grillstation, in der ganzen Steiermark berühmt berüchtigt für seine riesigen Grillhendl bzw. einer massenhaften Verköstigung von Hungrigen. Der produzierte Knochenabfall wird in einer Knochenmehlmaschine verarbeitet, eines Tages kommt es dort zu einem grausigen Fund Bei den 42. Internationalen Hofer Filmtagen (21. bis 26. Oktober 2008) wurde neben "Im Winter ein Jahr" ein weiterer Spielfilm mit Bierbichler in der Hauptrolle vorgestellt. "Der Architekt"2) hieß das Regiedebüt der Berliner Schauspielerin Ina Weisse. Im Mittelpunkt steht der Hamburger Erfolgsmensch und Architekt Georg Winter (Josef Bierbichler) der vom Tod seiner Mutter erfährt und sich mit seiner Familie widerwillig in sein Heimatdorf aufmacht. Bei schlechtem Wetter fährt er mit seiner Frau Eva (Hilde von Mieghem) und seinen beiden erwachsenen Kindern (Matthias Schweighöfer und Sandra Hüller) mit dem Auto zur Beerdigung seiner Mutter. Dort wird der Familienvater mit seiner Vergangenheit konfrontiert, mit seiner Jugendfreundin Hannah (Sophie Rois) und deren Sohn Alex (Lucas Zolgar). Die scheinbar harmonische Fassade der Familie Winter beginnt zu bröckeln. Bei der Testamentseröffnung kommt es zu einem Eklat. Als das Dorf dann auch noch durch eine Schneelawine von der Außenwelt abgeschnitten wird, kann der Architekt nicht mehr entfliehen. Sein mühsam aufrecht erhaltenes Leben droht einzustürzen. Schließlich läuft er vor sich selbst und seinen Problemen davon. Erschöpft bricht er zusammen und landet im verschneiten Straßengraben.5) Der Film kam am 29. Januar 2009 in die Kinos. Wenige Monate später startete am 15. Oktober 2009 das Drama "Das Weiße Band"1) mit dem Untertitel "Eine deutsche Kindergeschichte" des österreichischen Regisseurs Michael Haneke in den Kinos. Der prominent besetzten Film u.a. mit Burkhart Klaußner, Susanne Lothar und Ulrich Tukur spielt am Vorabend des Ersten Weltkriegs 1913/14 in einem Dorf im protestantischen Norden Deutschlands und erzählt die Geschichte des vom Dorflehrer (Christian Friedel) geleiteten Schul- und Kirchenchors, der kindlichen und jugendlichen Sänger und deren Familien wie dem Gutsherr (Ulrich Tukur), dem Pfarrer (Burghart Klaußner), dem Gutsverwalter (Josef Bierbichler), einer Hebamme (Susanne Lothar), einem Arzt (Rainer Bock) und einiger Bauern. Dann passieren seltsame Unfälle, die nach und nach den Charakter ritueller Bestrafungen annehmen. Wer steckt dahinter? Der Film nahm im Mai 2009 am offiziellen Wettbewerb der 62. Internationalen Filmfestspiele im französischen Cannes teil und feierte damit seine Weltpremiere. Hanekes Sozialstudie über eine autoritäre Gesellschaft, deren Kinder sich 20 Jahre später begeistert in den Nationalsozialismus stürzen werden, wurde in Cannes mit der "Goldenen Palme" ausgezeichnet. Einen weiteren Preis konnte Michael Haneke mit dem "Grand Prix de la FIPRESCI" für den "besten Film des Jahres" entgegennehmen, jährlich verliehen von der internationalen Filmkritiker- und Filmjournalisten-Vereinigung "FIPRESCI". Am 26. August 2009 wählte die Organisation "German Films" die Produktion "Das weiße Band" als offiziellen deutschen Bewerber für eine Oscar-Nominierung in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" aus. Am 12. Dezember 2009 ging der "Europäische Filmpreis" an "Das weiße Band" in den Kategorien "Bester europäischer Film", "Beste Regie" und "Bestes Drehbuch". Knapp einen Monat später – am 17. Januar 2010 – gehörte die deutsch-österreichische Produktion zu den Gewinnern des "Golden Globe Award" in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film". Die jährlich in Hollywood verliehenen "Golden Globes" sind eine der wichtigsten Preisverleihungen in der Filmbranche und gelten als Barometer für die Oscar-Verleihung. Michael Hanekes Film "Das weiße Band" gelingen Bilder, die im Kopf bleiben. Und sie sind schwarz-weiß. "Schwierigkeiten, die Bilder zu glauben", bereiteten ihm Farbfilme über historische Themen, sagt der Regisseur: "Mein Bildgedächtnis ist schwarz-weiß, anders kann ich es mir nicht vorstellen." Seine Bilder scheinen in der Tradition des schwedischen Meisterregisseurs und Pfarrersohns Ingmar Bergmann zu stehen. Ähnlich kraftvoll und scharf sind sie. Hanekes Film ist ein Panoptikum abgründiger Miniaturen und "das weiße Band" des Titels steht dabei für die schwarze Pädagogik eines evangelischen Pfarrers.6) Bierbichler zeigte sich mit der titelgebenden Figur des berühmten Schriftstellers Brand in Thomas Roths Thriller "Brand Eine Totengeschichte"2) und war für den am 27. Januar 2012 zu verleihenden "Österreichischen Filmpreis"1) als "Bester männlicher Darsteller" nominiert; die Auszeichnung ging allerdings an Thomas Schubert in dem Film "Atmen"1). "Brand Eine Totengeschichte" feierte am 1. Dezember 2011 seine deutschlandweite Kinopremiere → www.brand-derfilm.at. Aktuell war der Charaktermime nach längerer Zeit auch wieder im Fernsehen präsent und verkörperte den Anwalt Friedrich Leonhardt in der sechsteiligen ZDF-Serie "Verbrechen" nach dem nach dem gleichnamigen, Aufsehen erregenden Bestseller des Strafverteidigers und Schriftstellers Ferdinand von Schirach1). Die erste Doppelfolge "Fähner" und "Tanatas Teeschale" lief am 7. April 2013 ab 22:00 Uhr bzw. 22:45 Uhr, die weiteren spannenden vier Geschichten am 14.04. ("Grün"/"Der Igel") und 21.04.2013 ("Summertime"/"Notwehr") → www.zdf.de. Josef Bierbichler, der bereits 1987 mit dem Kinofilm "Triumph der Gerechten" sein Debüt als Drehbuchautor und Regisseur gegeben hatte, veröffentlichte im September 2001 sein autobiographisch gefärbtes Buch "Verfluchtes Fleisch", um "herauszufinden, wie weit die Wahrheit noch entfernt ist, wenn man ihr besonders nahe gekommen zu sein glaubt.", wie er in einem Interview sagte. Am 13. März 2008, knapp einen Monat vor Bierbichlers 60. Geburtstag, kam die von Regina Schilling realisierte 90-minütige Dokumentation "Bierbichler"7) in die Kinos, mit der der Filmemacherin ein einfühlsames Portrait über den wortgewaltigen Querdenker gelang: Die Filmemacherin Regina Schilling hat den Ausnahmeschauspieler über zwei Jahre begleitet, seine zeitweiligen Weggefährten Werner Herzog und Herbert Achternbusch und seine Geliebte Luisa Francia befragt, vor allem aber hat sie den Bauern- und Wirtssohn vom Starnberger See, der seit seiner Geburt 1948 im Gasthof der Familie lebt, zum Reden gebracht. Bierbichler gibt offen Auskunft über seine Hassliebe zum Theater, über den Ursprung und die Sehnsucht nach der Kunst, darüber wie er mit dem Schauspielerdasein hadert und auf der Suche nach neuen Wegen ist. Er probiert andere Dinge aus, singt Mahler- und Eisler-Lieder, schreibt ein Buch ("Verfluchtes Fleisch"). Man sieht ihn bei Theaterproben, folgt ihm während der Vorbereitungen zu seinem Theaterstück "Holzschlachten. Ein Stück Arbeit", in dem er Schauspieler, Regisseur und Dramaturg in einer Person ist.8) Bierbichlers erster Roman "Mittelreich" erschien am 10. September 2011 im "Suhrkamp Verlag", erzählt wird die Geschichte einer Bauern- und Wirtsfamilie zwischen 1914 und 1984. "Josef Bierbichler, der große Menschendarsteller des deutschen Theaters und Films, erzählt hundert Jahre Deutschland. Ein Epos über Krieg und Zerstörung, alte Macht und neuen Wohlstand, über die vermeintlich fetten Jahre." schreibt der "Suhrkamp Verlag"; das Werk liegt inzwischen auch als Hörbuch vor. Sicherlich auch für diese Arbeit erhielt Bierbichler 2013 den "Bayerischen Poetentaler"1), der jährlich von den "Münchner Turmschreibern"1) an Institutionen und Personen vergeben wird, die sich um die bayerische Kultur verdient gemacht haben. Neben seiner umfangreichen Arbeit für Theater und Film, steht der charismatische Künstler mitunter als Vokalist und Sänger auf der Bühne. Darüber hinaus ist der Hobby-Landwirt seit Jahren als Sprecher für verschiedenste Audio-Produktionen und Hörspiele tätig. Der bedeutende, vielseitige und mehrfach ausgezeichnete Charakterdarsteller, Regisseur und Autor Josef Bierbichler ist Vater von drei Kindern und lebt in seinem Geburtsort Ambach. Er war viele Jahre mit der Autorin, Filmemacherin und Malerin Luisa Francia liiert. Seine 1946 geborene Schwester Annamirl Bierbichler1) hatte ebenfalls den Beruf der Schauspielerin ergriffen und sich vorwiegend in Filmen Herbert Achternbuschs, aber auch am Theater einen Namen gemacht. Annamirl Bierbichler starb am 27. Mai 2005. |
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Link: 1) Wikipedia, 2) prisma-online.de, 7)
www.realfictionfilme.de Quelle: 3) "DVD Kritik: Winterreise" von Andreas Fischer (29.10.2007) bei www.monstersandcritics.de (2007 teleschau der mediendienst) 4) www.bavaria-film.de 5) www.lycos.de (Seite nicht mehr existent) 6) www.sonntagsblatt-bayern.de 8) www.realfictionfilme.de |
Stand: April 2013 | ||
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Textbausteine des Kurzportraits von www.prisma-online.de; siehe auch Wikipedia, www.film-zeit.de; Filmografie bei der Internet Movie Database |
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