Dorsay 1939 als Graf von Laubackenheim im "Kabarett der Komiker"; Urheber: Willy Pragher; Lizenz: CC BY 3.0; Rechteinhaber: Landesarchiv Baden-Württemberg; Quelle: Deutsche Digitale Bibliothek bzw. Wikimedia Commons Der Sänger, Tänzer, Choreograph und Schauspieler Robert Dorsay erblickte am 16. August 1904 als Paul Ferdinand Theodor Robert Stampa in Bremen das Licht der Welt. In eine Künstlerfamilie hineingeboren – der Vater Paul Stampa war Opernsänger, die Mutter Dora Stampa-Dorsay ebenfalls Sängerin sowie Schauspielerin – fühlte sich auch Sohn Robert zur Bühne hingezogen. Er begann seine Karriere mit Kleinstrollen in Linz und Wien, erhielt dann im Spätsommer 1927 – noch unter dem Pseudonym Bob Stampa-Dorsay – ein Engagement am "Theater am Gärtnerplatz"1) in München. Hier machte er sich als Schauspieler, Sänger, Tänzer und Choreograph in Operetten einen Namen. So zeichnete er unter anderem für die Choreographie der Operette "Cagliostro in Wien"1) von Johann Strauss1) verantwortlich, übernahm zudem die Partie des Cagliostro-Gehilfen Blasoni; ab Herbst 1928 hatte er überdies die Funktion eines Ballettmeisters inne. Nach Auslaufen des Vertrages stagnierte Dorsays Karriere für einige Zeit, er absolvierte gelegentliche Engagements an Provinztheatern, wirkte ab Mitte 1932 am "Intimen Theater" in Nürnberg, wo er auch als Dramaturg und Regisseur eingesetzt wurde. Dann zog es den Künstler in die Metropole Berlin, hier konnte er ab Sommer 1933 im legendären "Kabarett der Komiker"1) ("Kadeko") als Conferencier, Sänger und Autor Beschäftigung finden. Mit dem Programm "Revue der Abenteuer" trat er Anfang 1934 im Leipziger "Battenberg-Varieté" in Erscheinung, im Sommer 1934 berief man ihn an die "Komische Oper Berlin"1) als Schauspieler und Ballettmeister. Parallel dazu gastierte Dorsay am "Mellini-Theater"1) in Hannover und trat immer wieder am "Kadeko" auf. Zu dieser Zeit fand auch die linientreue NS-Presse durchaus lobende Worte für seine Arbeit; so pries beispielsweise der Theaterkritiker des Parteiblatts "Völkischer Beobachter"1) am 24. Juli 1934 Dorsays choreografische Qualitäten ("die sehr netten Tänze") in der Nummer "Traum und Wirklichkeit" aus der 25-teiligen "Komischen Oper"-Revue "Du musst zum Tonfilm".*)

Robert Dorsay 1939 als Graf von Laubackenheim im "Kabarett der Komiker"
Urheber: Willy Pragher1); Lizenz: CC BY 3.0; Rechteinhaber: Landesarchiv Baden-Württemberg
Quelle: Deutsche Digitale Bibliothek bzw. Wikimedia Commons

Furore machte Dorsay mit der quirligen Revue-Operette "Heut bin ich verliebt", die in Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Schriftsteller Walter W. Espe alias Victor Corzilius1) entstanden war. Die Welt-Uraufführung mit Startenor Walter Jankuhn1) und "femme fatale" Charlotte Susa in den Hauptrollen fand am 13. August 1937 im Berliner "Admiralspalast" statt, der von Dorsay interpretierte Titelsong "Komm tanz mit mir Swingtime" geriet zum aufsehenerregenden Hit. So ging die Revueoperette in 14 Bildern jeden Abend über die Bühne des "Admiralspalastes", riß das Publikum mit, wurde zur Attraktion. Da swingte Robert Dorsay, da tanzten die 24 Admiralgirls, da sangen und spielten die "laszive Charlotte Susa, die niedliche Gretl Theimer, der drollige Erwin Biegel1), der schöne Walter Jankuhn, das Münchener Orginal Hans Stadtmüller1) und der Regisseur des Stückes, Kurt Seiffert." notierte die Presse. Dorsay war über Monate der Star des Abends. Schleunigst wurde, zusammen mit dem Orchester Billy Bartholomew1), eine Schallplatte herausgebracht, jeder der mochte, konnte sich nun Swingtime nach Hause holen. Im Großdeutschen Rundfunk1) bestand ein Sendeverbot für Swingmusik. Ob darunter auch diese Platte fiel, ist unklar? Sie entsprach zwar nicht amerikanischem und englischem Standard, aber sie swingte! Robert Dorsay kümmerte sich nicht um diese Verbote, vielmehr reizten sie ihn. Er verstand die Leisetreterei vieler seiner Kollegen nicht. Diese seine Haltung sollte ihn fast auf den Tag genau sechs Jahre später das Leben kosten.2)
 
1936 startete Dorsay eine intensive, wenn auch kurze Karriere als Leinwanddarsteller, in nur drei Jahren wirke er in über dreißig Kinofilmen mit, wobei es sich bei etlichen um Kurz-Spielfilme handelte, die im Vorprogramm gezeigt wurden. Er etablierte sich mit mehr oder weniger großen Parts in der Tonfilmszene, wurde als "Stimmungskanone und als exzellenter Entertainer mit ausgeprägtem Mutterwitz"*) populär. Eine erste Rolle in einem abendfüllendem Spielfilm erhielt er von Regisseur Karel Lamač1) in der Komödie "Flitterwochen"3) (1936) als Rechtsanwalt Axel bzw. Freund von Hans (Hans Söhnker), der mit seiner frisch Angetrauten (Anny Ondra) während der Hochzeitsreise allerlei Turbulenzen durchlebt. Auch in Lamačs Lustspiel "Ein Mädel vom Ballett"3) (1937) gehörte er als Komiker Max neben Anny Ondra ermeut zur Besetzung. In dem von Richard Eichberg1) in Szene gesetzten Streifen "Es geht um mein Leben"4) (1936) nach dem Roman "Der schweigende Mund" von Oskar Jensen, einem "ironischen Spagat zwischen oberflächlicher Kriminalhandlung und doppelbödig-operettenhafter Verwechslungskomödie" wie filmblatt.de notiert, mimte er einen des Mordes an einem Kollegen (Harry Hardt) verdächtigten Stimmungssänger.
In den nachfolgenden Produktionen agierte Dorsay mit Chargenrollen unterschiedlichster Couleur, etwa als Chauffeur in "Liebe geht seltsame Wege"3) (1937; Regie: Hans H. Zerlett1)) und in  "Die Fledermaus"3) (1937; Regie: Paul Verhoeven) nach Motiven der gleichnamigen Operette1) von Johann Strauss1) oder einmal mehr neben Anny Ondra als Sekretär in der Komödie "Der Scheidungsgrund"4) (1937; Regie: Karel Lamač). In Detlef Sierks1) (= Douglas Sirk) Melodram "Zu neuen Ufern"1) (1937) tauchte er als Bobby Wells auf, der bei dem Revue-Star Gloria Vane (Zarah Leander) nicht landen kann. In seinen Kurz-Spielfilmen gab Dorsay Hochstapler wie in "Bluff"5) (1937), eifersüchtige Gatten wie in "Wiederseh'n macht Freude" (1937) oder Kavaliere mit Hang zum Halodri wie in "Familie auf Bestellung"5) (1939). Einen letzten Auftritt in einem Langfilm hatte er als Diener des Kommerzienrates Nathan Ipelmeyer (Herbert Hübner) in dem bis heute zu den so genannten "Vorbehaltsfilmen"1) zählenden antisemitischem NS-Propagandastreifen "Robert und Bertram"1) 1939; Regie: Hans H. Zerlett) → Übersicht Filmografie.
 
Trotz seiner Beliebtheit bekam Robert Dorsay, der sich anfangs geweigert hatte, in die NSDAP1) einzutreten, mit den braunen Machthabern erhebliche Probleme, fiel in Ungnade und erhielt keine Engagements mehr. Laut Wikipedia war er "vom 1. August 1932 bis zum Ausschluss wegen rückständiger Beitragszahlungen am 1. September 1933 Partei-Mitglied." Im Mai 1939 reiste er mit dem "Kadeko"-Ensemble noch einmal durch Deutschland, ging dann mit seiner Ehefrau Louise Mentkes, die er im gleichen Jahr geehelicht hatte, nach Hamburg an das seit 1933 bestehende und von Angehörigen der Gruppe "Freies Hamburg"1) betriebene Kabarett "Bronzekeller". Nach einer Verpflichtung am Kölner "Apollo-Theater" kam er schließlich zusammen mit seiner Frau in einer der KDF-Organisation1) ("Kraft durch Freude"1)) unterstellten Wanderbühne zur Truppenbetreuung in den besetzten Gebieten unter, erhielt 1942 Auftrittsverbot für die KDF-Unternehmen.
Im gleichen Jahr wurde Dorsay zur Wehrmacht eingezogen und als Kraftfahrer eingesetzt. Im März 1943 fiel er während eines Heimaturlaubs beim Erzählen politischer Witze im Restaurant des "Deutschen Theaters"1) einem Spitzel der Gestapo1) auf, woraufhin man seinen Briefverkehr ins Visier nahm. Wenig später fing die Gestapo am 31. März 1943 Dorsays Brief an seinen Freund Eddy Haase in Berlin ab, in dem er über den Krieg, die Nazis und deren Chef Hitler sarkastische Bemerkungen ("Eigentlich ärgere ich mich darüber, dass ich unseren geliebten Führer beim Endkampf nicht helfen kann, zu dumm …" und "Ich hätte so gern mein Leben eingesetzt für die herrliche Idee der NSDAP. Aber wir gewinnen auch so … die Überzeugung, wie man es nicht machen soll") schrieb.*)  
Als Konsequenz dieser Äußerungen wurde Dorsay im Juni 1943 verhaftet und "wegen fortgesetzter reichsfeindlicher Tätigkeit im Zusammenhang mit schwerster Zersetzung der deutschen Wehrkraft" zunächst zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Der sich anschließende Revisionsprozess am 8. Oktober 1943 hob das Urteil auf und wandelte die Strafe in ein Todesurteil um. Am 29. Oktober 1943 erfolgte die Hinrichtung des erst 39-jährigen Künstlers im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee1) (Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf); heute erinnert die "Gedenkstätte Plötzensee"1) an die Opfer des Nationalsozialismus.
Robert Dorsays Name wurde aus dem Titel-Vorspann aller Filme, in denen er mitgewirkt hatte, entfernt, seine zahlreichen Kurz-Spielfilme aus dem Verleih genommen. Dorsays Ehefrau erhielt die lapidare Mitteilung "Todesanzeigen oder Nachrufe in Zeitungen, Zeitschriften und dergl. sind verboten", der "Völkische Beobachter" berichtete im November 1943 über die "Hinrichtung eines Verräters".  Wikipedia notiert: "Der Witz, dessen Erzählung zu Dorsays Überwachung und Hinrichtung führte, lautete: "Bei Hitlers1) Einzug in eine Stadt hält ihm ein Mädchen ein Büschel Gras entgegen. Hitler fragt: "Was soll ich damit?" Das Mädchen antwortet: "Alle sagen, wenn der Führer ins Gras beißt, kommen bessere Zeiten"."
 
Dorsays Stimme kann man bis heute auf verschiedenen Tonträgern oder bei YouTube hören, unter anderem mit dem Lied "Ich tanz´ mit Fräulein Dolly Swing" (Text: Erwin Hartung1)) aus der Heinz Rühmann-Komödie "Fünf Millionen Suchen Einen Erben"1) (1938).
Auch an Robert Dorsay wird in dem 1997 und 2005 in erweiterter Auflage publizierten Buch "Verehrt, verfolgt, vergessen: Schauspieler als Naziopfer" des Kulturhistorikers Ulrich Liebe erinnert. Seit 1993 bot die "Herbert Ihering Gesellschaft"1), dessen Geschäftsführer Ulrich Liebe ist/war, zudem eine gleichnamige, von Liebe konzipierte Wanderausstellung an und "dokumentiert exemplarisch die Entwürdigung, Entrechtung und schließlich Vernichtung von 47 Schauspielern, die einstmals zu den Publikumslieblingen gehörten." (Quelle: Bildungswerk Erfurt) → siehe auch taz.de
Vor seinem Geburtshaus auf der Wulwesstraße 15 in Bremen-Mitte weist seit Februar 2017 ein Stolperstein1) an den von den Nazis ermordeten Künstler hin → Foto bei Wikipedia. Dorsays Cousin Dr. Volkrat Stampa, bis 2004 beruflich an der Stadtplanung in Bremen beteiligt, veröffentlichte wenig später nach intensiver Ahnenforschung das Buch mit dem Titel "Es ging um sein Leben", wohl in Anlehnung an den Kinofilm "Es geht um mein Leben" (1936) → taz.de.
Quelle (unter anderem*)): Wikipedia, cyranos.ch sowie
CineGraph – Lexikon zum deutschsprachigen Film, LG 5**),
Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933 – 1945***) und
der Artikel bei stolpersteine-bremen.de
*) Kay Weniger: "Zwischen Bühne und Baracke. Lexikon der verfolgten Theater-, Film- und Musikkünstler 1933 bis 1945" (Metropol, Berlin 2008, S. 139)
**) CineGraph LG mit der Quelle: Peter-Matthias Gaede: Ein ironischer Brief brachte den Tod. Vor vierzig Jahren wurde der Schauspieler Dorsay hingerichtet. In: "Frankfurter Rundschau" (28.10.1983)
***) Handbuch des deutschsprachigen Exiltheaters 1933 – 1945; Herausgeber: Frithjof Trapp, Werner Mittenzwei, Henning Rischbieter, Hansjörg Schneider; Band 2: Biographisches Lexikon der Theaterkünstler von Frithjof Trapp, Bärbel Schrader, Dieter Wenk, Ingrid Maaß (Teil 1, A–K; K G Saur, München 1999)
Fremde Links: 1) Wikipedia, 3) filmportal.de, 4) filmdienst.de, 5) Murnau Stiftung
2) Quelle: rudolfjankuhn.de
Filme
Filmografie bei der Internet Movie Database sowie filmportal.de
(Fremde Links: filmportal.de, Murnau Stiftung, Wikipedia)
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