Helmut Qualtinger wurde am 8. Oktober 1928 als Sohn eines
Gymnasialprofessors in der österreichischen Hauptstadt Wien geboren. Zunächst
studierte er Medizin und Publizistik, brach dann aber das Studium ab und
begann eine Schauspielerausbildung am Max-Reinhardt-Seminar in Wien; frühe
Theaterversuche in Wien und Graz endeten zunächst mit Misserfolgen. Nach dem
Zweiten Weltkrieg arbeitete Qualtinger zunächst als Film-, Theater- und
Literaturkritiker, schrieb Texte für das Kabarett und Theater und
lieferte filmkritische Beiträge für die
"Welt am Abend". 1946 gründete er das "Studio der
Hochschulen" in Wien, eine Studentenbühne, die allein von der Energie
des Beleuchters, Regisseurs und Hauptdarstellers Qualtinger in Gang gehalten
wurde. Sein Stück "Jugend vor den Schranken", 1948 in Graz
uraufgeführt, wurde zu einem handfesten Theaterskandal.
Foto mit freundlicher Genehmigung von Erich Reismann;
eine weitere Verwendung ist nur mit Zustimmung des Fotografen gestattet.
© Erich Reismann (www.reismann.at)
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Erst ab Mitte der 50er Jahre wurde
Qualtinger auch als Schauspieler einem breiteren Publikum durch seine
Mitwirkung in den berühmten Kabarettprogrammen "Blattl vorm Mund, Glasl vorm
Aug", "Spiegl vorm Gsicht", "Dachl überm Kopf" und
"Hackl ins Kreuz" bekannt, wo er auch im Fernsehen zusammen mit
Gerhard Bronner und Georg Kreisler auftrat. Die Nummern sorgten damals vor
allem durch die Einbeziehung der Wiener Mundart, die Satire auf den typischen Durchschnittsösterreicher
und Darstellung der Dekadenz für Aufsehen. Gerhard Bronner erinnert
sich in seinem 2003 erschienen Buch "Meine Jahre mit Qualtinger"
an die damaligen Glanzpunkte der Programme.
Über die Grenzen Österreichs hinaus populär und weltberühmt wurde
Qualtinger, der sich 1960 vom Kabarett zurückgezogen hatte, dann 1961 durch seine
Titelrolle in dem Ein-Personen-Stück "Der Herr Karl"1), das er zusammen mit
Carl Merz1)
(1906 1979) verfasst hatte. Darin wird der opportunistische Kleinbürger bissig karikiert, indem
er sein Spießbürgertum und seine Mitläuferhaltung auf der Bühne präsentierte
sowie die Plattheit des Bösen aufzeigte. Anfänglich wurde das Stück mit
ablehnender Empörung aufgenommen, doch dann entwickelte es sich zum
Erfolg und wurde auch im Fernsehen übertragen. Lange Zeit wurde
Qualtinger mit der Figur des "Herrn Karl" identifiziert.
Foto mit freundlicher Genehmigung von Erich Reismann; eine
weitere Verwendung ist nur mit Zustimmung des Fotografen gestattet.
© Erich Reismann
(www.reismann.at)
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In den kommenden Jahren folgten zahlreiche beeindruckende Rollen auf der
Bühne oder im Fernsehen: so wirkte Qualtinger u. a. 1969 in dem Kriminalstück
"Kurzer Prozess" mit oder spielte den Titus Feuerfuchs in
dem im Wiener Volkstheater aufgeführten Meisterstück
"Talisman" von Johann Nestroy. In den 1970 ausgestrahlten sechs Fernsehfolgen
"Die Berufe des Herrn K." übernahm er die Hauptrolle
und ebenfalls den Titelpart übernahm er in Shakespeares
"König Johann" in der Fassung von Friedrich Dürrenmatt. Ein Jahr
später wirkte er in Ludwig Anzengrubers "Das vierte Gebot" mit, das
auch als Fernsehspiel gesendet wurde.
1972 war er der Dorfrichter Adam in Heinrich Kleists Lustspiel "Der zerbrochene
Krug" am Thalia Theater in Hamburg. Im Mai 1973 führte er zum erstenmal
am Hamburger Thalia-Theater in dem Stück
"Oberösterreich" von Franz Xaver Kroetz Regie.
Im Sommer 1973 zog der Schauspieler ganz nach Hamburg, um dort eine zweite Karriere als Buchautor
und Schauspieler in Klassikerrollen zu
beginnen, im folgenden März stellte er in einem TV-Spiel nach der Erzählung von Thomas Bernhard
"Der Kulterer" einen alten Häftling dar.
Im Fernsehen sah man Qualtinger unter anderem Ende 1974 in "Krankensaal 6" nach
Anton Tschechow, später trat er zusammen mit Vera Borek in dem Stück
"Des Pudels Kern" auf. 1976 und 1977 wirkte er in drei Geschichten der
TV-Alpensaga "Liebe im Dorf", "Der Kaiser am Lande" und
"Das große Fest" mit. 1978 spielte er in dem Fernsehfilm "Mulligans Rückkehr" nach dem Roman von Hans Frick.
Ab 1980 wohnte Qualtinger wieder in Wien. Seine künstlerische Heimat wurde dort
das "Schauspielhaus", ein junges Theater in der Porzellangasse; hier überzeugte er bei
den Wiener Festwochen 1980 mit der Regie der
"Unüberwindlichen" von Karl Kraus. 1981 beispielsweise sah man ihn im Wiener
"Volkstheater" als "Theobald Maske" in Carl Sternheims Lustspiel
"Die Hose", 1981 folgte die Verfilmung der "Hinrichtung" für den ORF und
im März eine erfolgreiche Tournee durch die USA.
Auch in zahlreichen Spielfilmen wirkte Qualtinger mit: Seine Leinwandkarriere begann in den frühen
1950er Jahren; erstmalig sah
man ihn 1952 in einer winzigen Nebenrolle in "1. April 2000"1), in den
folgenden Jahren wirkte er verschiedenen Heimatfilmen mit. Erst mit seinem
Part als SA-Führer Ernst Röhm in "Hanussen" (1955)
wurden seine Rollen dann anspruchsvoller. 1965 war er der versoffene Schuster Knieriem in
"Lumpazivagabundus", 1967 spielte er in "Kurzer Prozeß" den typisierten
österreichischen Kriminalinspektor Pokorny, der auf seine unorthodoxe, brummige, aber
menschliche Art einen Mordfall löst, dabei sich und einen Unschuldigen rehabilitiert.
1971 glänzte Qualtinger als Eichmeister Anselm Eibenschütz in der
Joseph-Roth-Verfilmung "Das Falsche Gewicht"1) und erhielt dafür das
"Filmband in Gold";
1975 verkörperte er den skrupellosen Rechtsanwalt von Schwendi
in "Der Richter und sein Henker"1) und 1979 den Zauberkönig in Maximilian
Schells Horváth-Verfilmung "Geschichten aus dem Wienerwald"1).
Unvergessen bleibt 1986 Qualtingers Darstellung des Kellermeisters Remigio da Varagine
in dem berühmten Kino-Krimi "Der Name der Rose"1) nach der literarischen Romanvorlage
von Umberto Eco.
Das Foto wurde mir freundlicherweise von der Fotografin
Ute Schendel zur Verfügung gestellt.
© Ute Schendel (www.uteschendel.ch)
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Besondere Bedeutung erlangte Qualtinger auch durch seine Lesungen, die
er auf zahlreichen Tourneen einem begeisterten Publikum vortrug und
auf über 60 Schallplatten verewigte;
er las vornehmlich Johann Nestroy, Karl Kraus, Ödön von Horváth und eigene Satiren.
Einen Skandal entfesselte Qualtinger 1973 mit seinen Lesungen aus Hitlers
"Mein Kampf", mit denen er seinen Zeitgenossen die Augen öffnen
wollte; daneben betätigte sich Qualtinger auch als Schriftsteller.
Monologe von und Dialoge mit Qualtinger sind in den Büchern
"Der Mörder und andere Leut" (1975) und "Das letzte Lokal" (1978) gesammelt.
Satiren enthalten die Bücher "Die rotweiß-rote Rasse" (1979),
"Drei Viertel ohne Takt" (1980) und "Halbwelttheater" (1981).
Eine Art Lebenserinnerung von Qualtinger ist das von ihm und Wolfgang Kudrnofsky 1973 herausgegebene Buch
"Vom Dritten Reich zum Dritten Mann".
Der Kabarettist, Schauspieler, Schriftsteller und
Drehbuchautor Helmut Qualtinger starb am 29. September 1986 in einem Wiener Krankenhaus wenige Tage
vor seinem 58. Geburtstag an den Folgen eines Leberleidens;
bereits im Mai des Jahres hatte er sich wegen innerer Blutungen einer klinischen Behandlung unterziehen müssen.
"Quasi", wie er in Wien gern genannt wurde, war seit 1952 mit der Journalistin Leomare verheiratet; aus
der Verbindung stammt ein Sohn, der Maler, Schriftsteller, Musiker und
Kabarettist Christian Heimito Qualtinger (geb. 1958). Nach seiner Scheidung heiratete
Helmut Qualtinger 1982 seine langjährige Gefährtin,
die Wiener Schauspielerin Vera Borek1), mit der er viele Jahre zusammengearbeitet hatte.
1999 erschien von Gunna Wendt die Biografie "Helmut Qualtinger. Ein Leben";
von seiner Kindheit an verfolgt die Autorin detailgetreu den Werdegang des engagierten Menschen und
Schauspielers Helmut Qualtinger. Meinungen, Aussagen und Kommentare
von Zeitzeugen zum Schaffen und zur Person
des Künstlers ergänzen die Lebensbeschreibung.
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