Peter Reusse wurde am 15. Februar 1941 im Teltower Ortsteil Seehof (Brandenburg) geboren. Der Sohn eines Physikers und einer Bibliografin – schon früh durch seine Eltern an die Literatur herangeführt – besuchte nach der Grundschule das "Weinberg-Gymnasium"1) in Kleinmachnow und wollte nach dem Abitur (1959) anfangs ein Grafik-Studium beginnen, entschied sich dann jedoch für die Schauspielerei. "Theaterluft" hatte er bereits bei einer Laienspielgruppe seiner Schule geschnuppert, zwischen 1959 und 1963 ließ er sich an der "Filmhochschule Potsdam-Babelsberg"1) ausbilden. Bereits während des Studiums wirkte er in mehreren Spielfilmen mit und arbeitete als Gast am Theater der Stadt Zeitz. Nach dem Abschluss-Diplom erhielt Reusse ein erstes Engagement am Theater der Stadt Brandenburg, zwei Jahre später ging er an das "Landestheater Halle" und seit der Spielzeit 1968/69 bereicherte er für mehr als zwei Jahrzehnte das Ensemble des Berliner "Deutschen Theaters" (DT). Reusse machte sich in Stücken der Moderne aber auch Klassikern einen Namen als heraustagender Charakterdarsteller, zu nennen sind unter anderem (UA = Uraufführung/EA = Erstaufführung; Fremde Links: Wikipedia): Reusses Filmkarriere hatte bereits während der Schauspiel-Ausbildung begonnen, sein Leinwanddebüt gab er als Jugendlicher Freitag in dem DEFA1)-Streifen "Das Rabauken-Kabarett"2) (1961), in weiteren Produktionen wurde seine Jungenhaftigkeit zum Markenzeichen. Er spielt vor den Kameras anfangs Jugendliche aller Schattierungen, mal draufgängerisch und verwildert, mal nachdenklich und grüblerisch. So ist Reusse in Frank Vogels 1964/65 produziertem Streifen "Denk bloß nicht, ich heule"1) der provokante Oberschüler Peter Naumann. Vogels Film fällt einem Verbot zum Opfer, kann erst 1990 aufgeführt werden.*) Und bei defa-sternstunden3) konnte man lesen: "Mal sind seine Figuren frech und vorlaut, draufgängerisch, dann aber auch mal grüblerisch, sensibel und empfindsam. Der Künstler selbst sieht in einem Interview rückblickend "Denk bloß nicht, ich heule" als seinen wichtigsten Film, nicht so sehr wegen seiner Leistung, sondern eher der Gesamtwirkung wegen, die der Streifen hätte erzielen können, wäre er nicht verboten und somit 1990 erstmalig aufgeführt worden. Er spielt darin den rebellischen, am Sozialismus zweifelnden Oberschüler Peter Naumann – eine Rolle, die sicherlich nicht ganz unschuldig am Namen "James Dean des Ostens" war, den ihm die "Die Tageszeitung"1) (taz) einst verpasste."
Reusse konnte sich in späteren Jahren vom Klischee des "großen Jungen" lösen und seine darstellerische Vielseitigkeit in Produktionen verschiedenen Genres unter Beweis stellen. So fand er beispielsweise Beachtung als tüchtiger LPG-Parteisekretär Mattes bzw. "Mann mit dem zweiten Gesicht" in Roland Oehmes Komödie bzw. dem Kassenschlager "Ein irrer Duft von frischem Heu"1) (1977) und als Bandenchef Dieter Wollnick in Frank Vogels Drama "Eine Handvoll Hoffnung"4) (1978), basierend auf dem authentischen Fall der "Gladow-Bande" → Werner Gladow. In "Johann Sebastian Bachs vergebliche Reise in den Ruhm" (1980), einer von Victor Vicas1) in Szene gesetzten DEFA/BRD-Co-Produktion mit Alexander May als Bach1), verkörperte er dessen ältesten Sohn Friedemann Bach1), in "Die Jugend Peter I."2) (1981) nach dem Roman "Peter der Erste" von Alexej Tolstoi1) den François Le Fort1), Vertrauter des russischen Zaren Peter I.1). Eine letzte Arbeit für die DEFA war der an den Kinokassen wenig erfolgreiche Krimi "Familienbande"2) (1982) mit der Rolle des kriminellen Antiquitätenhändlers Markus Raban, der seinen ostdeutschen Bruder Frank (Roman Kaminski) zum Verbrechen anstiftet.
 
Das "Fernsehen der DDR"1) (DFF) bot Peter Reusse seit Ende der 1960er Jahre ebenfalls ein breites Betätigungsfeld und ließ ihn mit tragenden, markanten Rollen rasch dem TV-Zuschauer bekannt werden. Neben Inszenierungen von Klassikern wie Schillers "Wallenstein5) (1970), wo der Schauspieler in "Die Piccolomini"1) und "Wallensteins Tod"1) an der Seite von Protagonist Horst Schulze als Max Piccolomini brillierte, sind unter anderem die Titelrolle in dem ambitionierten Drama "Fiete Stein"5) (1970) und die ähnlich gelagerte Figur des verbitterten Kriegsheimkehrers Martin Stein in dem Dreiteiler "Heimkehr in ein fremdes Land"5) (1976) nach dem Roman von Günter Görlich1) hervorzuheben. Zu nennen sind etliche Krimis, so mimte er beispielsweise den Prinz Karl Prosper von Arenberg in "Der Fall des Prinzen von Arenberg"5) (1972) aus der populären Krimireihe "Fernseh-Pitaval"1), tauchte 1973 erstmals in der Serie "Der Staatsanwalt hat das Wort" auf (Episode "Nachteinkäufe"1)). Vor allem aber mit dem Dauerbrenner " Polizeiruf 110"1) prägte sich Reusse dem Publikum ein, nach seinem ersten Auftritt als verdächtiger Maschinist Eberhard Mäusler in der Folge "Das Ende einer Mondscheinfahrt"1) am 29. Dezember 1972 sollten bis 1991 noch 13 Storys aus dieser Krimireihe folgen, in denen er meist den Bösewicht gab. In "Das Ende einer Mondscheinfahrt" sowie drei weiteren "Polizeiruf 110"-Episoden mit Reusse unterstützte die von Sigrid Göhler gespielte Leutnant Vera Arndt die Ermittler Oberleutnant Jürgen Hübner (Jürgen Frohriep) bzw. Oberleutnant Peter Fuchs (Peter Borgelt) – da waren Peter Reusse und Sigrid Göhler bereits ein Paar; erstmals hatten sie bei "Das Rabauken-Kabarett" gemeinsam vor der Kamera gestanden.
In nachhaltiger Erinnerung ist Reusse auch mit der Figur des Abenteurers Kid in "Alaska-Kids großer Coup5) (1979) nach einer Erzählung von Jack London1) geblieben, in dem zweiteiligen Spionage-Thriller "Feuerdrachen"1) (1981) überzeugte er als MfS-Agent Alexander, in "Es geht einer vor die Hunde"5) (1983) als Proletarier Wilhelm Thiele, der Ende der 1920er Jahre gegen das Elend ankämpft. In der siebenteiligen Serie "Kiezgeschichten"1) (1987) spielte Reusse authentisch den Berliner Bauarbeiter Matti Wruck, eindrucksvoll war seine Gestaltung des Vanek in "Vanek-Trilogie"5) (1991), drei Miniaturkomödien von Václav Havel1).
Erwähnt werden muss, dass Reusse seit den 1970er Jahren regelmäßig im Hörspiel-Studio stand und mit seiner markanten Stimme in mehr als 250 Produktionen mitwirkte. Eine Auswahl der in der ARD-Hörspieldatenbank aufgeführten Stücke findet man hier am Ende des Artikels. Auch die Synchronisation zählte zu seinen künstlerischen Spektrum, so sprach er unter anderem für Pavel Trávníček1) den Prinzen in dem Märchenklassiker "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel"1) (1974).

Szenenfoto mit Peter Reusse aus "Es geht einer vor die Hunde";
seit April 2017 ist diese legendäre Produktion auf DVD im Handel erhältlich.
Abbildung DVD-Cover  mit freundlicher Genehmigung von "Studio Hamburg Enterprises GmbH
Quelle: presse.studio-hamburg-enterprises.de

Szenenfoto mit Peter Reusse aus "Es geht einer vor die Hunde"; seit April 2017 ist diese legendäre Produktion auf DVD im Handel erhältlich. Abbildung DVD-Cover  mit freundlicher Genehmigung von "Studio Hamburg Enterprises GmbH; Quelle: presse.studio-hamburg-enterprises.de
Nach der so genannten "Wende" zeigte sich der politisch engagierte Reusse – er war einer der Organisatoren der Massendemonstration auf dem Alexanderplatz1) am 4. November 1989 sowie im Bürgerkomitee zur Aufklärung von Stasiverbrechen aktiv – sowohl im Kino als auch auf dem Bildschirm nur noch wenige Male. Er gehörte als Hans zur Besetzung von Horst Seemanns Literaturadaption bzw. dem Nachkriegsdrama "Zwischen Pankow und Zehlendorf"1) (1991) nach dem Roman "Wenn ich kein Vogel wär" von Rita Kuczynski1), war im Fernsehen unter anderem in Dagmar Dameks Vierteiler "Böses Blut"6) (1993) als Kommissar Scholz zu sehen. Die Dreharbeiten zu der Ehekomödie "Christinas Seitensprung" (1993) mit Iris Berben waren Reusses letzte Arbeit vor der Kamera.
Aus gesundheitlichen Gründen verabschiedete er sich von der Schauspielerei, zog sich von der Bühne sowie dem Filmgeschäft zurück. Bei den Proben zu dem Theaterstück "Der Eismann kommt" von Eugene O'Neill1) ereilte den erfolgreichen Mimen Mitte März 1993 ein Ereignis, das sein Leben grundlegend verändern sollte: Auf der Bühne des "Deutschen Theaters" erlitt er einen Zusammenbruch und vorübergehenden Gedächtnisverlust, den man heute als klassischen Burn-out1) einstufen würde. Nach einer mehrmonatigen Therapie befand sich Reusse auf dem Weg der Besserung und widmete sich seither der Malerei, Bildhauerei und Literatur. Vor allem als Autor machte er sich einen Namen, mit dem ersten Buch "Der Eismann geht. Krise eines Schauspielers" (1996) verarbeitete er den Wendepunkt in seinem Leben. Es folgten Kurzgeschichten, Reisereportagen, Künstlerporträts oder Gedichte zum Teil mit eigenen Illustrationen, an Publikationen sind unter anderem "Da capo für die Leiche. Schauspielergeschichten" (1997), "Landgang. Reisetagebücher aus Island und Israel" (1999), "Indian Summer. Eine Liebesgeschichte" (2000), die Wendegeschichte "BÜRZEL oder Stehauf im Land Sibebe" (2014) oder das tragikomische Buch über die Einsamkeit mit dem Titel "Kerbs Tag" (2016) zu nennen – Veröffentlichungen, die Reusse auch bei Lesereisen dem Publikum nahe brachte bzw. bringt. 1996 wurde er für seine Erzählung "Gaskopp" außer Konkurrenz mit einem Sonderpreis des undotierten Schreibwettbewerbs "Zeitzeugenpreis Berlin-Brandenburg"1) ausgezeichnet. Im Rahmen des Projektes "Drehbuch 2002" erhielt er für sein Exposé zu "Die blaue Stunde" von der Stadt Nürnberg ein Stipendium, das fertige Drehbuch erarbeitete der Autor gemeinsam mit Regisseur Egon Günther1).
 
Wie erwähnt ist Peter Reusse mit seiner Kollegin Sigrid Göhler verheiratet und lebt mit ihr seit Ende der 1990er Jahre im brandenburgischen Kolberg1). Aus der Verbindung stammen die 1965 in Berlin geborenen Zwillinge Bettina und Sebastian Reusse. Tochter Bettina arbeitet als Sonderschulpädagogin, Sohn Sebastian Reusse1) trat in die Fußstapfen seiner Eltern und wurde ebenfalls Schauspieler; seit 2009 gehört er zum Ensemble des "Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin". Enkelin Linn Reusse1), Tochter von Bettina Reusse, setzte die Familientradition fort und ist seit der Spielzeit 2016/17 festes Ensemblemitglied am Berliner "Deutschen Theater".
Peter Reusse wurde 1987 mit dem "Goethe-Preis der Stadt Berlin"1) ausgezeichnet.
Quellen: "Lexikon der DDR-Stars"*), Wikipedia, filmportal.de, defa-stiftung.de, film-zeit.de, www.literaturport.de
Fotos bei www.filmstadt-quedlinburg.de
*) "Lexikon der DDR-Stars" von F.-B. Habel und Volker Wachter (Ausgabe 1999, S. 276)
Fremde Links: 1) Wikipedia, 2) defa-stiftung.de, 4) filmportal.de, 5) fernsehenderddr.de, 6) fernsehserien.de
3) ehemalige Seite defa-sternstunden.de → Memento bei web.archive.org

Stand: August 2017

  
Filme
Kino / Fernsehen
Filmografie bei der Internet Movie Database sowie filmportal.de
(Fremde Links: defa-stiftung.de, Wikipedia, filmportal.de, fernsehenderddr.de, fernsehserien.de)
Kinofilme Fernsehen (Auszug)
Hörspielproduktionen (Auszug)
1970er / 1980er / 1990er
(Link: ARD-Hörspieldatenbank (mit Datum der Erstausstrahlung), Wikipedia (deutsch/englisch))
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