Johanna Hofer
Johanna Hofer wurde am 30. Juli 1896 als Johanna Stern in Berlin geboren und wuchs dort in einem gutbürgerlichen Elternhaus auf. Bevor sie zu einer bedeutenden Charakterschauspielerin avancierte hatte sie sich an der Berliner Theaterakademie ausbilden lassen. Ein erstes Engagement erhielt sie 1916 an den Städtischen Bühnen Frankfurt am Main, wo sie sich mit Rollen wie der Schillerschen "Jungfrau von Orleans" oder der "Solveig" in Ibsens "Peer Gynt" rasch einen Namen als beeindruckende Bühneninterpretin machte. Etwa 1919 ging sie zurück in ihre Geburtsstadt und wirkte an der "Volksbühne", seit 1920 an den Staatlichen Schauspielbühnen Berlins. Auch hier verlieh sie mit ihrem facettenreichen Spiel Figuren wie der "Anna" in Shakespeares "König Richard", der "Desdemona" in Shakespeares "Othello" oder der "Elisabeth" in Schillers "Don Carlos" eindringliche Bühnenpräsenz.
1924 heiratete Johanna Hofer den Schauspieler und Regisseur Fritz Kortner1) (1902 – 1970), vier Jahre später gründete das Paar die "Kortner-Hofer-Gesellschaft m.b.H.", dessen Zweck "die Auswertung der schauspielerischen Tätigkeit des Schauspielers Fritz Kortner und der Schauspielerin Frau Johanna Kortner, genannt Frau Johanna Hofer" war.
Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten emigrierte Johanna Hofer mit ihrem, nach der Sprachregelung der Nazis als "rassefremd" eingestuften Mann 1933 zunächst nach Österreich, später nach Dänemark und Großbritannien sowie schließlich 1938 in die USA. 1947 kamen Johanna Hofer und Fritz Kortner, inzwischen amerikanische Staatsbürger, wieder nach Deutschland zurück; seit 1949 stand Johanna Hofer in Deutschland wieder auf der Bühne, gab Gastspiele unter anderem an den "Münchner Kammerspielen" und am Schauspielhaus Bochum sowie in Berlin am "Renaissance-Theater" und an der "Schaubühne am Halleschen Ufer". An den "Münchner Kammerspielen" brillierte sie beispielsweise – jeweils unter der Regie ihres Mannes Fritz Kortner – als "Frau Alving" in Ibsens "Gespenster" (1953) oder als "Gräfin Ostenburg" in Frys "Das Dunkel ist Licht genug" (1955), in einer Inszenierung von Dieter Dorn am Berliner "Schloßpark-Theater" gab sie 1975 die "Dorothea Merz" in Tankred Dorsts "Auf dem Chimborazo", ein Stück, welches 1977 von Peter Beauvais für das Fernsehen als Zweiteiler2) mit Heidemarie Hatheyer als "Dorothea Merz" und Johanna Hofer als "Klara Falk" verfilmt wurde. Mit Peter Zadek erarbeitete sie am Bochumer Schauspielhaus das Fräulein Tesmann in Ibsens "Hedda Gabler" (1977), trat 1979 unter der Regie von Peter Stein in Botho Strauß' Schauspiel "Groß und Klein" an der Berliner "Schaubühne am Halleschen Ufer" auf, einem Drama, welches von Stein auch für das Kino in Szene gesetzt wurde und in dem Johanna Hofer 1980 als "Die Alte" zu sehen war. 
  
Anlässlich einer Ausstellung zu Fritz Kortner und Johanna Hofer im fünften "Akademiefenster" in der Dresdner Bank schrieb die "Berliner Zeitung" am 27.01.2003 unter anderem: "Sie, die Hofer, … war introvertiert bis zu scheinbar somnambuler Abgehobenheit und im künstlerischen Ausdruck das genaue Gegenteil von Exaltation. Sie war an- und einpassungsfähig in herrschende Ausdrucksformen und trotz der Verwandtschaft mit Käthe Kollwitz politisch unbeschrieben. Aber zeit ihres gemeinsamen Lebens, 1924 standesamtlich besiegelt, im gleichen Jahr mit dem Sohn Peter, 1929 mit der Tochter Marianne gesegnet, sollte sich in ihrer Beziehung eine "Einheit der Gegensätze" herausbilden, die allen Lebensstürmen standhielt und erst 1970 mit dem Tod von Kortner endete. Umso erstaunlicher war dann, dass die Hofer im Greisinnenalter unter den Jungregisseuren der siebziger Jahre – Dorn, Zadek, Stein – aber auch unter Filmregisseuren wie Beauvais und Fassbinder zu einem völlig selbstständigen Ausdruck fand, in dem Mädchenhaftigkeit in Altersschönheit, Abgehobenheit in Abgeklärtheit aufgehoben waren."

Ihr Leinwanddebüt hatte Johanna Hofer mit eher unbedeutenden Parts in den Stummfilmen "Die Schwestern vom Roten Kreuz" (1926) und "Die Ausgestoßenen" (1927) gegeben, in den USA übernahm sie kleinere Rollen in Douglas Sirks "Hitler's Madman" (1943), Richard Thorpes "Above Suspicion" (1943, Gefährliche Flitterwochen) und Peter Godfreys "Hotel Berlin" (1945). Nach dem Krieg agierte sie an der Seite ihres Mannes in Josef von Bákys "Der Ruf"3) (1949), Schauspieler Peter Lorre besetzte sie in seiner einzigen Regiearbeit, dem Thriller "Der Verlorene"3) (1951, mit Karl John), und Robert A. Stemmle in dem Melodram "Toxi" (1952). Mit Hans Albers und Hannelore Schroth drehte sie Gottfried Reinhardts Hauptmann-Adaption "Vor Sonnenuntergang" (1956), stand für John Hustons und Charles Vidors in der Hemingway-Verfilmung "A Farewell to Arms"3) (1957, In einem anderen Land) vor der Kamera. Weitere Kinofilme waren beispielsweise "Die große Chance"3) (1957, mit Freddy Quinn), "Ein  Lied geht um die Welt"3) (1958, mit Hans Reiser als Tenor Josef Schmidt), "Il Vendicatore" (1959, Rebell von Samara), "Der Fußgänger"3)  (1973, von und mit Maximilian Schell) sowie Andrzej Zulawskis "Possession" (1981) und Rainer Werner Fassbinders "Die Sehnsucht der Veronika Voss"3) (1982).

Die Fernsehzuschauer erlebten Johanna Hofer neben sporadischen Auftritten bei "Derrick" oder "Der Alte" unter anderem 1960 als Frau Aronsohn in John Oldens Mehrteiler "Waldhausstrasse 20" sowie 1972 als Frau Minkwitz in Peter Beauvais' TV-Spiel "Im Reservat"4); hier mimte sie eindringlich eine alte Frau, die sich standhaft weigert, ihre Wohnung zu verlassen, als in einem Berliner Sanierungsgebiet das Mietshaus abgerissen werden soll. In Herbert Ballmanns Marlitt-Verfilmung "Im Hause des Kommerzienrates" (1975) war Johanna Hofer ebenso zu sehen wie in Ludwig Cremers "Memento Mori" (1975), Otto Jägersbergs "Seniorenschweiz" (1976), Rainer Werner Fassbinders "Ich will doch nur, dass ihr mich liebt"3) (1976) und Peter Beauvais' "Rückfälle" (1977). Zu ihren Fernsehrollen gehört auch die "Großmutter Pawlak" in der Serie "Die Pawlaks – Eine Geschichte aus dem Ruhrgebiet" (1982), einer ihrer
letzten Auftritte vor ihrem Tod verband, wie bereits öfter in ihrer langen Karriere, Film und Theater: Es war die Aufzeichnung von Peter Steins legendärer Tschechow-Inszenierung von "Die Drei Schwestern" an der Berliner Schaubühne im Jahre 1984.

Johanna Hofer, die gemeinsam mit ihrem Mann Fritz Kortner maßgeblich die Theatergeschichte ihres Jahrhunderts prägte und noch im hohen Alter auf der Bühne stand, starb am 30. Juni 1988 in München – genau vier Wochen vor ihrem 92. Geburtstag. Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem Münchener Waldfriedhof an der Seite ihres 1970 verstorbenen Mannes Fritz Kortner.
Aus der Ehe mit Fritz Kortner stammte Sohn Peter Kortner (1924 – 1991), der sich in den USA einen Namen als Filmproduzent, Drehbuchautor und Regisseur machte. Die 1929 geborene Tochter Marianne Brün-Kortner lehrte unter anderem 24 Jahre lang an der Universität von Illinois und hielt eine Reihe von Seminaren unter dem Titel "Social Change" (Gesellschaftsveränderung). Jahrzehnte teilte sie ihre Zeit zwischen Berlin und Urbana (Illinois, USA), wo sie mit "Non Sequitur Press" einen kleinen Verlag betrieb. 2010 zog sie endgültig in die USA zu ihren beiden Söhne, von denen einer ein Theater in Chicago leitet und der andere Professor für Ökonomie ist. Seit 1968 ist Marianne Brün-Kortner aktives Mitglied der "Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit"; siehe auch den Artikel bei www.welt.de sowie das Interview bei www.faz.net.
 

Link: 1) Kurzportrait innerhalb dieser HP, 2) www.deutsches-filmhaus.de,  3) Wikipedia, 4) www.prisma-online.de
Siehe auch www.cyranos.ch, Wikipedia
Filmografie bei www.imdb.de
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