Der später unter dem Künstlernamen Peter Sturm arbeitende Österreicher hatte eine wechselvolle und bewegende Lebensgeschichte – er war nicht nur Schauspieler, sondern als Kommunist auch Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Der Sohn eines Schneiders wurde am 24. August 1909 als Josef Michel Dischel in Wien geboren und wuchs in einer religiösen jüdischen Familie auf; der Vater († 1915) stammte aus den polnischen Gebieten der Habsburgermonarchie1), die Mutter, während des Holocaust in Auschwitz ermordet, war Ungarin.2) Nach einer abgebrochenen Lehre zum Textilkaufmann hatte er sich seinen Lebensunterhalt anfangs als Radiotechniker verdient, entschied sich für die Schauspielerei und ließ sich Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre von "Burgtheater"-Schauspieler Raoul Aslan künstlerisch ausbilden – seither führte er den Namen Peter Sturm. Sein Bühnendebüt gab er Mitte der 1930er Jahre an der von Leon Askin1) geführten Kleinkunstbühne "Kabarett ABC"3) (vormals "Brettl am Alsergrund"), das als betont anti-nationalsozialistisches Kabarett der Zwischenkriegszeit galt; hier entstand auch eine Zusammenarbeit mit dem im Februar 1939 im KZ Buchenwald1) umgekommenen Autor Jura Soyfer1).
  
Der politisch links engagierte Schauspieler, schon als 19-Jähriger Mitglied der "Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs" (SDAPDÖ), war nach den Februarkämpfen 19341) der illegalen "Kommunistischen Partei Österreichs"1) (KPDÖ) beigetreten. Nach einem Hochverrats-Prozess bzw. Inhaftierung im Jahre 1935 freigelassen, wurde er beim "Anschluss" Österreichs1) 1938 von den Nazis erneut verhaftet und in das KZ Dachau1), anschließend in das KZ Buchenwald deportiert. Kai Weniger*) schreibt:" Diesmal verbrachte man ihn am 25. Juni 1938 in das KZ Dachau. Am 23. September 1938 wurde der Häftling Nr. 17234 in das KZ Buchenwald überstellt. Wieder entlassen, gelang Sturm, der noch bis zum 31  Mai 1939 in Wien gemeldet war und sich zu diesem Zeitpunkt in Richtung einer ominösen Destination namens "San Domingo" abgemeldet hatte, die Flucht nach Frankreich. Dort wurde der Österreicher jedoch bei Kriegsausbruch von den Franzosen als "feindlicher Ausländer" interniert. Im August 1942 an die Deutschen ausgeliefert, deportierten ihn die Nazis in ein Arbeitslager nahe Auschwitz. Angesichts der im Januar 1945 anrückenden Sowjetarmee wurde Sturm aus Auschwitz "evakuiert" und traf über das Außenlager Groß-Rosen am 10. Februar 1945 erneut in Buchenwald ein, wo er fast auf den Tag genau zwei Monate darauf befreit wurde."
 
Sturm, der wie durch ein Wunder den Nazi-Terror überlebt hatte, ging nach Wien zurück und betätigte sich kurzzeitig als Rundfunksprecher bei der sowjetischen Militäradministration, nahm dann seine Karriere als Schauspieler wieder auf. Bis 1953 gehörte er zum Ensemble des "Theaters in der Josefstadt"1), anschließend wirkte er bis Sommer 1956 an dem von kommunistischen Emigranten gegründeten "Neuen Theater in der Scala"1). Als die Bühne nach Abzug der Besatzungsmächte bzw. nachdem die "Kommunistische Partei" die finanzielle Unterstützung eingestellt hatte Ende Juni 1956 geschlossen wurde, fand Sturm, wie auch einige seiner Kollegen, bis 1960 eine neue Wirkungsstätte in Ost-Berlin am "Deutschen Theater"1).
Etwa zeitgleich startete er eine erfolgreiche Laufbahn bei Film und Fernsehen, erste Erfahrungen vor der Kamera hatte er in zwei österreichischen Kino-Produktionen sammeln können. Er gehörte – wenn auch ungenannt – zur Besetzung der 1955 gedrehten Brecht-Verfilmung "Herr Puntila und sein Knecht Matti"1) und der von Karl Paryla in Szene gesetzten Operetten-Adaption "Gasparone" (1956). Bei der DEFA1) sowie beim "Deutschen Fernsehfunk"1) (DFF), dessen Schauspieler-Ensemble er seit 1960 bis zu seinem Tod angehörte, fand der vielseitige Mime ein breites Betätigungsfeld. Besonders in den 60er Jahren ist er durch sein intelligentes Spiel, seine väterliche Ausstrahlung und nicht zuletzt seine österreichische Sprachfärbung einer der beliebtesten Fernsehschauspieler der DDR. Dazu trägt seine Hauptrolle als Kriminalkommissar Müller in dem mehrteiligen Krimi "Die Spur führt in den Siebenten Himmel"1)  (1963) entscheidend bei. Viel Kraft kostet ihn die Darstellung des Buchenwald-Häftlings Rose, den er in einer Fernsehadaption von Bruno Apitz' Roman "Nackt unter Wölfen"1) spielt, ehe er diese Rolle 1963 in Frank Beyers Spielfilm1) übernimmt. Von den Dreharbeiten berichtet er: "Als ich dann zum erstenmal nach Buchenwald kam und durch das Eingangstor trat – da war genau das Wetter, das bei meiner Einlieferung gewesen war: düster, kalt, regnerisch. Der Eindruck vorn Lager war schrecklich. Ich hab' mich abgesondert von den anderen, bin allein durch das Lager gelaufen und hab' geheult. Ganz von tief unten kam der Schmerz herauf. Als ich dann später vor der Kamera stand, hab' ich meine Angst und alle Erlebnisse wieder aufleben lassen müssen. Und das war sehr schlimm …" (In der Garderobe erzählt, 1986).**)  
Meist auf Nebenrollen reduziert, wusste Sturm auf der Leinwand dennoch Aufmerksamkeit zu erregen. Im Kino sah man unter anderem als jüdischen Arzt Dr. Hirsch in "Professor Mamlock"1) (1961; Regie: Konrad Wolf1)) nach dem Drama von Friedrich Wolf1), mit dem kleinen Part des früheren Rechtsanwaltes Leonard Schmidt zeigte er sich in der meisterlichen Verfilmung "Jakob der Lügner"1) (1974), gedreht von Frank Beyer1) nach dem Roman von Jurek Becker1). Positive Kritiken erlangte er auch mit der Figur des Antifaschisten bzw. ehemaligen KZ-Häftlings Max Stricker in dem Jugendfilm "Max und siebeneinhalb Jungen"1) (1980), mit der er erneut an die eigene Vergangenheit anknüpft und welche Kay Weniger*) als "die größte und wichtigste Kinorolle seiner gesamten Karriere" bezeichnet.
 
Im Fernsehen ließ sich Sturm nicht auf ein bestimmtes Genre festlegen, er konnte mit Haupt- und Nebenrollen in Kriminalstücken und Abenteuern ebenso überzeugen wie in Komödien und Literatur-Adaptionen. Aus der Vielzahl der Produktionen seien der Professor Martin Gollwitz in dem Schwank "Der Raub der Sabinerinnen"4) (1960) und der Diener Sturm in der Nestroy-Posse "Der Färber und sein Zwillingsbruder"4) (1961) genannt. In der 1962er-Verfilmung der "Marius"-Trilogie von Marcel Pagnol1) – "Zum goldenen Anker"4), "Fanny"4) und "Rue Paradies"4) – war er der reiche, verwitwete Segeltuchmacher Panisse, in "Wallenstein"4) (1970) nach der Dramen-Trilogie von Friedrich Schiller1) in "Die Piccolomini"1) der Kriegsrat von Questenberg1). Zu Sturms letzten TV-Auftritten zählte der Dr. Levi bzw. Dr. Silberstein in dem Dreiteiler "Hotel Polan und seine Gäste"4), frei nach der Erzählung "Der Kampf um die Bohemia" von Jan Koplowitz1) über das Schicksal seiner jüdischen Familie und ihres Hotels. Endgültig von seinem Publikum verabschiedete er sich mit der Figur des Hans Luther1), Vater des Reformators Martin Luther1) (Teile 3 und 5), in dem Fünfteiler "Martin Luther"1) (1983) mit Ulrich Thein in der Titelrolle.
Erwähnung finden muss Sturms Mitwirkung in etlichen Hörspiel-Produktionen. So gehörte er beispielsweise auch in der Hörspielfassung des Romans "Nackt unter Wölfen" (EA: 14.09.1958) zur Besetzung, sprach hier jedoch den Häftling Rudi Pippig, der in den beiden Filmversionen (TV 19604) / Kino 1963) von Fred Delmare dargestellt wurde → hoerspiele.dra.de. Eine Auswahl der in der ARD-Hörspieldatenbank aufgeführten Stücke mit Peter Sturm findet man hier am Ende des Artikels.
 
Der 1961 mit dem "Kunstpreis der DDR"1) ausgezeichnete Peter Sturm starb am 11. Mai 1984 im Alter von 74 Jahren in Ost-Berlin.
Anlässlich des 105. Geburtstages wurde 2014 in "Neues Deutschland"1) an den Schauspieler erinnert, der Journalist Hans-Dieter Schütt1) schrieb unter anderem: "Er war der sanfte Zähe. Der weiche Beharrliche. Der ohnmächtig Tapfere. (…) Ein Gesicht der weisen Freundlichkeit, der mahnenden Trauer – und des Zorns, der noch in größter Entladung um ein Lächeln rang. Wer diesen kleinen Mann spielen sah, schien vorübergehend ein besserer Mensch zu werden. Er war ein Komödiant im Auftrag des Guten." → www.neues-deutschland.de
Quellen: Kay Weniger: "Zwischen Bühne und Baracke"*), "Lexikon der DDR-Stars"**) und
Wikipedia (deutsch), Wikipedia (englisch)
Siehe auch: Peter Sturm "Erinnerungen an den Todesmarsch von Blechhammer nach Buchenwald, 1945"
*) Kay Weniger: "Zwischen Bühne und Baracke. Lexikon der verfolgten Theater-, Film- und Musikkünstler 1933 bis 1945" (Metropol, Berlin 2008, S. 331)
**) "Lexikon der DDR-Stars" von F.-B. Habel und Volker Wachter (Ausgabe 1999, S. 326)
Fremde Links: 1) Wikipedia, 3) www.wien.gv.at, 4) fernsehenderddr.de
2) Helga Schwarz-Stötzer: "Mit Leib und Seele: 25 Porträts Bekannter Schauspieler der DDR" (Berliner Verlag 1990, S. 195/196)
Filme
DEFA-Kinofilme / Fernsehen
Filmografie bei der Internet Movie Database sowie filmportal.de
(Fremde Links: Wikipedia, defa-stiftung.de, filmportal.de,
fernsehenderddr.de, fernsehserien.de)
Kinofilme (DEFA-Produktionen, wenn nicht anders vermerkt) Fernsehen (Auszug; DFF-Produktionen, wenn nicht anders vermerkt)
  
Hörspielproduktionen (Auszug)
(Link: ARD-Hörspieldatenbank (mit Datum der Erstausstrahlung), Wikipedia)
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