Andreas Schmidt, 2011 fotografiert von Udo Grimberg (Wikipedia-Benutzer Chester100); Lizenz CC-BY-SA 3.0; Quelle: Wikimedia Commons In den letzten Jahren  machte immer wieder ein Schauspieler auf sich aufmerksam, der nicht nur durch seine schlaksige Figur und sein markantes Gesicht auffiel – Andreas Schmidt. Geboren wurde er am 23. November 1963 im sauerländischen Heggen1), eines der drei größten Finnentroper Dörfer, wuchs jedoch seit seinem fünften Lebensjahr gemeinsam mit seinem Bruder im West-Berliner Märkischen Viertel1) auf. Nach dem Gymnasium ergriff Schmidt zunächst an der FU Berlin ein Germanistik- und Philosophiestudium, entschied sich später für die Schauspielerei und belegte verschiedene Regie-, Dramaturgie- und Schauspielseminare, darunter bei Agnieszka Holland1) und Krzysztof Kieślowski1). Es folgten Engagements als Schauspieler an Bühnen in Mannheim, Dortmund, Bonn und Berlin, zudem schrieb und inszenierte eigene Theaterstücke.
Seit Ende der 1980er Jahre wandte sich Schmidt dem Film zu, sein Leinwanddebüt gab er mit einer winzigen Rolle in der Krimikomödie "Peng! Du bist tot!"1) (1987), in den nachfolgenden Jahren hatte er weitere, wenn auch eher kleinere Auftritte in diversen Kino- und Fernsehproduktionen. Erst Regisseur Eoin Moore1) erkannte das darstellerische Potential des hageren Mimen und besetzte ihn mit Hauptrollen in vier seiner Filme, wobei Schmidts Figurenname in den ersten drei Streifen jeweils leicht modifiziert wurde. In Moores DFFB-Abschlussfilm über drei Außenseiter, die auf den Straßen Berlins ums Überleben kämpfen bzw. dem Milieu-Drama "plus-minus null"2) (2000) war er der junge, großmäulige Bauarbeiter Alex, in der Dreiecksgeschichte "Conamara"2) (2000) der Deutsche Axel, der in Irland ein neues Leben anfangen will, in dem Gewaltdrama "Pigs Will Fly"2) (2003) der unauffällige Berliner Polizist Laxe, dessen zweites Ich das eines Schlägers ist – hierfür erhielt Schmidt eine Nominierung für den "Deutschen Filmpreis"1) als "Bester männlicher Hauptdarsteller", unterlag jedoch Daniel Brühl1) ("Elefantenherz"2) / "Good Bye, Lenin!"1)). In der Tragikomödie "Im Schwitzkasten"1) (2006) schließlich gab er den Langzeitarbeitslosen Toni Neer, der nichts auf die Reihe bekommt.

Andreas Schmidt, 2011 fotografiert von
Udo Grimberg (Wikipedia-Benutzer Chester100)
Lizenz: CC-BY-SA 3.0; Quelle: Wikimedia Commons

2006 wurde Schmidt erneut für den "Deutschen Filmpreis" nominiert, diesmal als "Bester männlicher Nebendarsteller" in Andreas Dresens1) melancholischen Komödie "Sommer vorm Balkon"1) (Kinostart: 05.01.2006) – Ulrich Tukur1) erhielt den Preis für die Rolle des Oberstleutnant Grubitz in " Das Leben der Anderen"1). Doch mit dem Kino-Hit "Sommer vorm Balkon" bzw. dem Part des machohaften LKW-Fahrers Ronald rückte Schmidt mehr in den Focus der Zuschauer, ein Jahr später erlangte er durch die deutsch-österreichische Produktion "Die Fälscher"1) (2007) auch internationale Anerkennung. Stefan Ruzowitzky1) hatte das packende KZ-Drama nach den Erinnerungen von Adolf Burger in Szene gesetzt, thematisiert wird die reale Geschichte der größten Geldfälschungsaktion der Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkrieges, die unter dem Decknamen "Aktion Bernhard" durchgeführt wurde. Karl Markovics spielt den russischen Fälscher und Holocaust-Überlebenden Salomon Smolianoff1) und August Diehl1) den Buchdrucker Adolf Burger, die bei der Aktion von den "Spezialisten" Zilinski (Andreas Schmidt) und Kolja Karloff (Sebastian Urzendowsky1)) unterstützt werden. Ein "Oscar" als "Bester fremdsprachiger Film"1) war 2008 sicherlich die höchste Auszeichnung für den mehrfach prämierten Streifen.

v.l.n.r.: Karl Markovics, Andreas Schmidt, Adolf Burger und August Diehl
bei der Premiere des Films "Die Fälscher" auf der "Berlinale 2007"
Urheber: Martin Kraft; Lizenz: CC-BY-SA 3.0
Quelle: Wikimedia Commons

v.l.n.r.: Karl Markovics, Andreas Schmidt, Adolf Burger und August Diehl bei der Premiere des Films "Die Fälscher" auf der "Berlinale 2007"; Urheber: Martin Kraft; Lizenz: CC-BY-SA 3.0; Quelle: Wikimedia Commons
Andreas Schmidt 2016; Urheber: Sandro Halank: Lizenz: CC-BY-SA 3.0; Quelle: Wikimedia Commons 2009 konnte Schmidt dann endlich den "Deutschen Filmpreis" in der Kategorie "Beste darstellerische Leistung – männliche Nebenrolle" in der Tragikomödie "Fleisch ist mein Gemüse"1) (2008) entgegennehmen, detailgetreu gedreht von Christian Görlitz1) nach dem autobiografischen Roman von Heinz Strunk1). Schmidt hatte die Jury mit seinem wunderbaren Auftritt des erfolglosen, durchgeknallten Stimmungssängers bzw. Bandleaders Gurki überzeugt.
Der oft für skurrile Außenseiter-Figuren prädestinierte Charakterdarsteller tauchte in den letzten Jahren mit prägnanten Rollen immer wieder in erfolgreichen Kinoproduktionen auf, beispielweise als Ganove Spacko in "Rennschwein Rudi Rüssel 2"2) (2007), als Poet Guillaume du Bartas
1) in Jo Baiers Historienepos "Henri 4"1) (2010) nach den Romanen "Die Jugend des Königs Henri Quatre"1) und "Die Vollendung des Königs Henri Quatre" von Heinrich Mann1), als Sklaventreiber Bill in Hermine Huntgeburths "Die Abenteuer des Huck Finn"1) (2012) oder als Fabrikarbeiter bzw.. Bankräuber Uwe in Christian Alvarts "Banklady"1) (2013), der Story über die erste Bankräuberin Deutschlands Gisela Werler1).

Andreas Schmidt 2016
Urheber: Sandro Halank: Lizenz: CC-BY-SA 3.0
Quelle: Wikimedia Commons

Seit Februar 2017 sieht man Schmidt als Belial, Gehilfe des fiesen Baron Lefuet (Justus von Dohnányi1)) bzw. herrlichen Spießgesellen des von Axel Prahl1) gespielten Behemoth, in "Timm Thaler oder das verkaufte Lachen"1), gedreht von Andreas Dresen nach dem Kinderbuchklassiker von James Krüss1). Zuletzt hatte Andreas Schmidt als Widerstandskämpfer Hans Winkler für "Die Unsichtbaren – Wir wollen leben"2) vor der Kinokamera gestanden, ein packendes Doku-Drama von Claus Räfle, das am 26. Oktober 2017 an den Start geht und von der Filmbewertungsstelle mit dem Prädikat "Besonders wertvoll" ausgezeichnet ist → www.fbw-filmbewertung.com. Erzählt wird die Geschichte einiger Juden, denen es während des Zweiten Weltkriegs gelingt, in der Anonymität Berlins "unsichtbar" zu werden; einer davon ist der Holocaust-Überlebende Eugen Friede1) (Aaron Altaras1)), der bei dem Ehepaar Winkler in Luckenwalde Unterschlupf findet. "Die Unsichtbaren" ist ein außergewöhnliches Drama, dessen Drehbuch auf Interviews basiert, die Regisseur Claus Räfle und Ko-Autorin Alejandra López mit Zeitzeugen geführt und in ihren Film integriert haben. Sie erzählen die spannende und hoch emotionale Geschichte dieser wagemutigen Helden und widmen sich damit einem weitgehend unbekannten Kapitel des jüdischen Widerstands." schreibt Tobis-Filmverleih.
Das Fernsehen bot dem vielschichtigen und ausdruckstarken Andreas Schmidt ebenfalls vielfältige Möglichkeiten, mehrfach trat er unter anderem in den Dauerbrennern "Polizeiruf 110"1) und "Tatort"1) in Erscheinung. Bemerkenswert und beklemmend zugleich war beispielsweise seine brillante Verkörperung des Amok-laufenden Familienvaters Arne Peter Kreuz in der von Eoin Moore in Szene gesetzten hochgelobten "Polizeiruf 110"-Folge "Familiensache"1) (EA: 02.11.2014) mit den Rostocker Ermittlern KHK Alexander Bukow (Charly Hübner) und Katrin König vom LKA (Anneke Kim Sarnau). In Erinnerung ist Schmidt auch mit der Figur des "Seelentrösters" bzw. Reisebusfahrers Andi Komorowski in der Tragikomödie "Ein guter Sommer"1) (2011) geblieben, gemeinsam mit seinen Kollegen Jördis Triebel1) und Devid Striesow1) erhielt er den "Grimme-Preis 2012"1) in der Kategorie "Darstellung", außerdem wurden Jördis Triebel, Andreas Schmidt und Devid Striesow für ihre Ensembleleistung mit dem "Sonderpreis der Jury" beim "Hessischen Fernsehpreis 2011"1) geehrt.
Seit 2007 mimte Schmidt den spinnerten Brandenburger Gänsebauer Schlunzke und besten Freund des Protagonisten Horst Krause, der in den amüsanten Geschichten um den beleibten Dorfpolizisten alias Horst Krause immer einen kessen Spruch auf den Lippen hatte, so erstmals in "Krauses Fest"1). Es folgten "Krauses Kur"1) (2009), "Krauses Braut"1) (2011), "Krauses Geheimnis"1) (2014) und zuletzt "Krauses Glück"2) (2016) – "der Schlaks war das pure Gegenteil des beleibten und gesetzten Horst Krause" schrieb die "Berliner Zeitung". Dass Schmidt mehr zu bieten hatte, als das Klischee des "schrägen Typen" zu bedienen, bewies er beispielsweise auch in Verfilmungen Grimm'scher Märchen, so als Hinz in "Rumpelstilzchen"1) (2007) und als Hofmeister in "Die zertanzten Schuhe"1) (2011).
 

Andreas Schmidt als Hofmeister in "Die zertanzten Schuhe"
Urheber: Udo Grimberg (Wikipedia-Benutzer Chester100)
Lizenz: CC-BY-SA 3.0; Quelle: Wikimedia Commons

Andreas Schmidt als Hofmeister in "Die zertanzten Schuhe"; Urheber: Udo Grimberg (Wikipedia-Benutzer Chester100); Lizenz: CC-BY-SA 3.0; Quelle: Wikimedia Commons
In der ARD-Reihe bzw. den Krimi-Komödien "Reiff für die Insel"3) präsentierte er sich in vier Folgen an der Seite von Titelheldin Katharina Reiff (Tanja Wedhorn) zwischen 2013 und 2015 als Inselpolizist Fiete Finnsen, in dem Krimi " Emma nach Mitternacht – Der Wolf und die sieben Geiseln4) (2016) mit Katja Riemann als Nighttalkerin Emma Mayer als Redakteur Benno Heinle. Den cholerischen Kommissariatsleiter Georg Ebertin mimte er 2016 er den beiden "Wolfsland"-Krimis "Ewig Dein"4) und "Tief im Wald"4), zuletzt tauchte er als Landwirt Kiepke, Freund des starrköpfigen Bauern Johannes Becker (Ernst Stötzner), in der Story "Zwei Bauern und kein Land"4) (EA: 03.03.2017) auf.
Darüber hinaus war Andreas Schmidt ein begehrter Sprecher, unter anderem hört man ihn als Reinhold in "Die Geschichte vom Franz Biberkopf"5) (EA: 24.06.2007) nach dem berühmten Roman "Berlin Alexanderplatz"1) von Alfred Döblin1), welches als "Hörspiel des Monats Juni 2007" ausgezeichnet wurde. Eine Auswahl der in der ARD-Hörspieldatenbank aufgeführten Produktionen findet man hier am Ende des Artikels.
Weniger bekannt sein dürfte, dass sich der Schauspieler einen Namen als Regisseur bzw. Autor von Theaterstücken machte, seine Inszenierung von "Shakespeares sämtlichen Werken in neunzig Minuten" lief über 20 Jahre an der Berliner "Vaganten Bühne". Für das "Theater am Kurfürstendamm" oder die "Hamburger "Komödie Winterhuder Fährhaus" setzte Schmidt verschiedene Stücke in Szene. Unter anderem entstand in Hamburg die Uraufführung der Midlife-Crisis-Komödie von Folke Braband mit dem Titel "Mittendrin" und Schmidt in der Rolle des Noch-Ehemann der berufstätigen Mutter Marlene → www.abendblatt.de. Die schwarze Komödie "Männerhort"1) (→ komoedie-berlin.de) von Kristof Magnusson1) mit Christoph Maria Herbst1), Bastian Pastewka1), Michael Kessler1) und Jürgen Tonkel1) feierte am 27. November 2005 Premiere und wurde ein ebenso großer Erfolg wie ein Jahr zuvor "Die süßesten Früchte" von Stefan Vögel (Premiere: 21.11.2004). Weitere Inszenierungen waren in Berlin seine gemeinsam mit Luci van Org1) verfasste Komödie "Die sieben Todsünden" mit dem Untertitel "Die Hochzeit der Wetterfee" sowie die amüsanten Geschichten "Eine ganz normale Familie" von Erfolgsautor Neil Simon (→ komoedie-berlin.de), "Und abends Gäste" (→ komoedie-berlin.de) und "4 nach 40" (→ komoedie-berlin.de). In dem bittersüßen Drama "Fettes Schwein" von Neil LaBute begeisterte er seit der Premiere am 19. Februar 2012 die Zuschauer als cooler Geschäftsmann und smarter Freund der schwergewichtigen Bibliothekarin Helen (Marie Schöneburg1)) – seit vielen Jahren hatte Schmidt erstmals wieder auf der Bühne gestanden und feierte damit ein fulminantes Comeback als Theaterschauspieler → komoedie-berlin.de, www.folkebraband.de.
Bestürzung rief die Nachricht hervor, dass der beliebte Mime am 28. September 2017 nach längerer Krankheit mit nur 53 Jahren in seiner Wahlheimat Berlin gestorben sei. Er hinterließ seine aus den USA stammende Ehefrau Jennifer sowie den gemeinsamen 9-jährigen Sohn und lebte zuletzt mit seiner Familie in Berlin-Kreuzberg.
Martin Woelffer, Direktor der Kudamm-Bühnen sagte unter anderem "Die Nachricht von Andreas' Tod hat mich und mein gesamtes Team sehr traurig gemacht. Andreas war nicht nur ein großartiger Schauspieler und Regisseur, sondern auch ein toller Mensch und guter Freund. Mit ihm wäre ich gern in eine gemeinsame Zukunft gegangen." Regisseur Eoin Moore würdigte seinen Freund bei www.focus.de mit den Worten "Andreas war für mich gleichzeitig ein Fels in der Brandung, ein Leuchtturm und ein Spielkamerad. Der großzügigste Mensch und gleichzeitig absolut uneitel. (…) Andreas war ein sanfter Riese, ein eleganter Gentleman. Er war der Freund, der in den schwierigsten Zeiten immer zur Stelle war, aber sich nie aufgedrängt hätte. Jeder fühlte sich in seiner Nähe wohl – er interessierte sich aufrichtig und ehrlich für jeden, den er kennenlernte. Der Blick war direkt und neugierig, der Handschlag warm und fest, das Lächeln herzlich und einladend."
Prisma.de bringt es auf den Punkt: "Er war nicht der deutsche Film- und Fernsehstar, der auf dem roten Teppich überzeugt, sondern der durch seine Rollen von sich reden machte. Und diese Rollen waren ausdrucksstark, mehrschichtig, schwierig. Es waren Charaktere und nicht bloß oberflächliche Stereotype."

Andreas Schmidt, 2012 fotografiert von
Udo Grimberg (Wikipedia-Benutzer Chester100)
Lizenz: CC-BY-SA 3.0; Quelle: Wikimedia Commons

Andreas Schmidt, 2012 fotografiert von Udo Grimberg (Wikipedia-Benutzer Chester100); Lizenz: CC-BY-SA 3.0; Quelle: Wikimedia Commons
Quelle (unter anderem): Wikipedia, filmportal.de, prisma.de, komoedie-berlin.de
Fremde Links: 1) Wikipedia, 2) filmportal.de, 3) fernsehserien.de, 4) tittelbach.tv, 5) ARD-Hörspieldatenbank
    
Filme
Kino / Fernsehen
Filmografie bei der Internet Movie Database sowie filmportal.de
(Fremde Links: Wikipedia, filmportal.de, tittelbach.tv, prisma.de, fernsehserien.de)
Kinofilme Fernsehen (Auszug)
Hörspielproduktionen (Auszug)
(Link: ARD-Hörspieldatenbank (mit Datum der Erstausstrahlung), Wikipedia)
   
Andreas Schmidt als Stefan in dem Hörspiel Liebesbriefe ans Personal" (EA: 13.04.2013); Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom WDR (Presse und Information, Redaktion Bild); Copyright WDR/Sibylle Anneck
Andreas Schmidt als Stefan in dem Hörspiel
Liebesbriefe ans Personal" (EA: 13.04.2013)
Foto freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom WDR
(Presse und Information, Redaktion Bild) © WDR/Sibylle Anneck
    
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