Rudolf Fernau als alter vergessener Schriftsteller Harry Krahlmann in dem TV-Drama "Du Land der Liebe" (1974); Foto mit freundlicher Genehmigung von SWR Media Services; Copyright SWR Rudolf Fernau wurde am 7. Januar 1898 als Andreas Rudolf Neuberger in München geboren. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, sein Vater war Bauer, bekam jedoch schon in der Volksschule Geigenunterricht, da er Konzertmeister werden wollte. Später nahm er am Münchener Konservatorium ein Musikstudium auf, musste seine Pläne einer Musikerkarriere jedoch wegen eines Überbeins am Handgelenk aufgeben und ließ sich bei Albrecht Steinrück sowie Matthieu Lützenkirchen in Berlin zum Schauspieler ausbilden. Ein erste Bühnenengagement brachten Fernau nach Ingolstadt, dann wechselte er nach Regensburg, wo er als feuriger "Don Carlos" brillierte; 1920 kam er nach Hamburg an Erich Ziegels Avantgarde-Bühne, wurde in der "Baal"-Uraufführung von Brecht und Jessner entdeckt und nach Berlin verpflichtet. Dort stand Fernau in den 1920er Jahren am Deutschen Theater von Max Reinhardt sowie am Staatstheater u. a. mit Heinrich George, Werner Krauß, Elisabeth Bergner und Paula Wessely auf der Bühne.
 
Foto: Rudolf Fernau als alter vergessener Schriftsteller Harry Krahlmann
in dem TV-Drama "Du Land der Liebe" (1974)
Regie: Rolf von Sydow / Drehbuch: Herbert Asmodi
Foto mit freundlicher Genehmigung von SWR Media Services
mit weiteren Infos zu dem Fernsehspiel; © SWR
In Berlin spielte er zwanzig Jahre lang am Theater und wurde dort 1957 zum "Staatsschauspieler" ernannt; diese Auszeichnung hatte er auch schon 1929 bzw. 1936 in Stuttgart erhalten. Während seiner Theaterkarriere interpretierte Fernau so große Rollen wie Shakespeares "Hamlet", Schillers Franz Moor in "Die Räuber" oder Goethes "Tasso". 1928/29 trat er auch am Düsseldorfer Schauspielhaus bei Louise Dumont auf, außerdem war er von 1926 bis 1929 Gast am "Theater in der Josefstadt" in Wien. Ab 1930 wirkte Fernau über zehn Jahre lang am Staatstheater in Stuttgart, dessen Ensemblemitglied er dann wieder von 1947 bis 1949 war. Danach konnte man den Schauspieler bis 1953 am Staatstheater in München erleben, die folgenden 20 Jahre begeisterte er vor allem am Schloßpark- und Schillertheater in Berlin. In diese Zeit fielen einige seiner weiteren großen Leistungen: So glänzte er beispielsweise als "König Philipp" in Schillers "Don Carlos", als "Kapitän Queeg" in Wouks "Die Caine war ihr Schicksal" oder als reaktionärer Graf in Sternheims "Kandidat".

Zum Film kam Fernau Mitte der 1930er Jahre und war erstmals 1936 als Fritz Brockau in dem Krimi "Verräter"1) auf der Leinwand zu sehen. Berühmt wurde er dann drei Jahre später als brutaler Verbrecher Alfred Hübner in Erich Engels "Im Namen des Volkes"1). In der Folge sollte der versierte Bühnendarsteller vom Rollentyp des negativen oder zwielichtigen Helden bzw. Außenseiters nicht mehr loskommen und wurde im Film der 30er und 40er Jahre zum profiliertesten Interpreten asozialer, dämonischer und krimineller Charaktere.
Nach seiner eher sympathische Rolle in Helmut Käutners "Auf Wiedersehn, Franziska"2) (1941) sah man Fernau ein Jahr später als stoisch-mysteriösen Ehegattenmörder in "Dr. Crippen an Bord"1) (1942) – diese Titelrolle war ihm so auf den Leib geschrieben, dass sich der Schauspieler danach vor Heiratsangeboten nicht retten konnte. Fernau zeigte sich beispielsweise als Graf Wengen in Erich Waschnecks Historienstreifen "Die Affäre Roedern"1) (1944), in dem Kriminalfilm "Der stumme Gast"1) nach Theodor Fontanes Novelle "Unterm Birnbaum" verkörpert er 1945 den vulgären Geschäftsmann und Frauenjäger Kampmann, der auf mysteriöse Weise verschwindet.
Er war 1949 der aufgrund von Indizien verurteilte tragische Tropenarzt Dr. Jordan in Engels "Mordprozess Dr. Jordan", 1954 ein mitleids- und gefühllos reagierender Bankier in "Weg in die Vergangenheit" oder 1963 ein Mitglied der High-Society von zweifelhafter Vergangenheit in dem Wallace-Krimi "Der Würger von Schloss Blackmoor"2). Man bediente sich Fernau's schillernder Darstellungskunst in verschiedensten Wallace-Filmen, so mimte er 1961 den Dr. Tappatt in "Die Seltsame Gräfin"2), 1961 den Pfarrer Breitenstein in "Im Stahlnetz des Dr. Mabuse"2), 1962 den Professor Erasmus in "Die Unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse"2) oder 1963 den Jerome in "Der Henker von London"2). Im Kino erlebte man ihn zuletzt als Kammergerichtsrat Fromm in der Fallada-Adaption zusammen mit Hildegard Knef und Carl Raddatz in "Jeder stirbt für sich allein"2) (1975) sowie als Schauberg in der Simmel-Verfilmung "Bis zur bitteren Neige" (1975).

Parallel zu seiner Film- und Theaterarbeit war Fernau als Synchronsprecher tätig und ab den 1960er Jahren sah man ihn auch vermehrt auf dem Fernsehbildschirm: Er spielte beispielsweise 1962 den Dr. Toll in TV-Fassung des Fallada-Romans "Jeder stirbt für sich allein", man erlebte ihn unter anderem mit Hauptrollen in Rolf von Sydows "Du Land der Liebe" (1974; Drehbuch: Herbert Asmodi) und Eberhard Itzenplitz' Zuckmayer-Adaption "Die Fastnachtsbeichte" (1976); zu seinen letzten Arbeiten zählt der von Ulrich Heising inszenierte TV-Film "Qualverwandtschaften" (1982).
Verräter, Gequälte, Gehetzte und Mörder waren sein Metier und er zählte zu den intelligenten Zynikern und den Finsterlingen – Typen, denen er mit seinem asketischen Körperbau, dem von Falten durchfurchten Charakterkopf und seinen stechenden Augen Leben einhauchte. Der Film nach 1945 vernachlässigte diese interessante Schattenseite seines darstellerischen Wesens und besetzte ihn meist als Rittergutsbesitzer, Staatskanzler, Pfarrer Arzt oder Psychiater, Rollen mit denen Fernau jedoch seine Vielseitig beweisen konnte.3)
  
Rudolf Fernau, der über 60 Jahre lang glücklich mit der Schauspielerin Olga (Oljuschka) von Mahr verheiratet war, starb am 4. November 1985 im Alter von 87 Jahren in München; er wurde auf dem Friedhof Haidhausen bei München beigesetzt.
Der bekannte Kritiker Friedrich Luft schrieb in einem Nachruf auf den Schauspieler unter anderem: "… Er war ein Nervenspieler. Er konnte mühelos und hochintelligent Unheimlichkeit verbreiten. Er konnte im Bereich der Zwiespältigkeit in so vielen Gangarten des tragischen schauspielerische Klarheit verschaffen. Er war grandios bei Shakespeare wie in einem Nestroy, in modernen Rollen genauso wie in einem prekären Klassiker. Er gehörte für Jahrzehnte zum besten Bestand des deutschen Theaters."

Bereits 1972 hatte der erfolgreiche Charakterschauspieler seine Lebenserinnerungen unter dem Titel "Als Lied begann's. Lebenstagebuch eines Schauspielers" veröffentlicht; als Motto vor seine Autobiografie stellte er den Nestroy-Ausspruch "Das Theater ist ein Himmel, in dem einem höllisch eingeheizt wird. Man muss schon von kräftigen und widerstandsfähigen Eltern abstammen, um es beim Theater auszuhalten."
Aus Anlass seines 80. Geburtstages zeigte das Fernsehen 1978 eine 45-Minuten-Sendung über und mit Fernau unter dem Titel "Lebensspuren". 
Rudolf Fernau erhielt für seine Leistungen 1965 das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, 1979 das "Filmband in Gold" sowie 1983 die Thomas-Mann-Medaille und die Ehrenmedaille der Stadt München. 
  
Link: 1)  Murnau-Stiftung, 2) Wikipedia
3) Quelle:  "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf  Heinzelmeier/Berndt Schulz, Ausgabe 2000, S. 96
Textbausteine des Kurzportraits aus: "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars" von Adolf  Heinzelmeier/Berndt Schulz
Siehe auch Wikipedia, www.cyranos.ch, www.kuenstlerkolonie-berlin.de
Fotos bei film.virtual-history.com
  
Kinofilme (Auszug)
Filmografie bei www.imdb.de
(Link: Murnau-Stiftung bzw. Wikipedia)
1936: Verräter 1939: Im Namen des Volkes
1939: Brand im Ozean 1939: Der Vorhang fällt
1940: Falschmünzer 1941: Ritt zwischen den Fronten
1941: Auf Wiedersehn, Franziska 1942: Dr. Crippen an Bord
1942: Vom Schicksal verweht 1944: Freitag, der 13.
1944: Die Affäre Roedern 1944: Der Verteidiger hat das Wort
1945: Der Stumme Gast 1949: Mordprozess Dr. Jordan
1949: Die Nacht der Zwölf 1951: Maria Theresia
1952: Der Große Zapfenstreich 1952: Mönche, Mädchen und Panduren
1953: Königliche Hoheit 1953: Käpt'n Bay-Bay
1954: Hochstaplerin der Liebe 1954: Weg in die Vergangenheit
1955: San Salvatore 1955: Kinder, Mütter und ein General
1955: Oberwachtmeister Borck 1955: Ludwig II.
1956: Skandal um Dr. Vlimmen 1956: Anastasia – Die letzte Zarentochter
1958: Gestehen Sie, Dr. Corda! 1960: Im Namen einer Mutter
1961: Die Seltsame Gräfin 1961: Unter Ausschluss der Öffentlichkeit
1961: Im Stahlnetz des Dr. Mabuse 1962: Die Unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse
1963: Der Henker von London 1963: Piccadilly null Uhr zwölf
1963: Der Würger von Schloss Blackmoor 1969: Todesschüsse am Broadway
1974: Karl May 1975: Jeder stirbt für sich allein
1975: Bis zur bitteren Neige 1976: Die Elixiere des Teufels
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